Houseapotheke: Die Sendung mit der House

Christian Kramberg

Fünf junge Männer aus der Ortenau sind seit Dezember 2010 mit dem Internetradiosender "Houseapotheke" auf Sendung. Christian Kramberg hat sie in einem ihrer Studios besucht: im Keller eines Zweifamilienhauses in Seelbach.

Ein Zweifamilienhaus steht in einem ruhigen Wohngebiet von Seelbach in der Ortenau. Blühende Blumen, rote Tomaten, Vogelgezwitscher. Zur Idylle mit dem Blick hinunter ins Schuttertal dringt gedämpft Musik im Techno-Rhythmus aus dem Gebäude auf die Straße.


Dort im Keller – in einem schmucklosen, dunklen Raum, möbliert mit einer Sofagarnitur aus den 70er Jahren und einem alten Küchentisch mit Stühlen – steht Felix Fischbach an einem Regal an der Wand, den rechten Kopfhörer hat er zwischen Schulter und Kopf geklemmt, mit den Fingern der rechten Hand schiebt er Regler hoch und runter und dreht an Knöpfen. Sein rechter Fuß wippt im Takt der Musik, die aus großen Boxen schallt.

Was auf den ersten Blick wie ein Partykeller mit Musikanlage für gelangweilte Jugendliche wirkt, ist das Sendestudio von Houseapotheke.com, einem Webradio, das sich auf Housemusik spezialisiert hat. Betreiber sind fünf junge Männer im Alter von 20 bis 23 Jahren aus Lahr, Seelbach und Nordrach.

Früher gab es in Deutschland eine begrenzte Zahl von Radiosendern, die eine Lizenz zum Senden und viel technisches Equipment benötigten, um ihre Hörer zu erreichen. Im Zeitalter des Internets hat sich das geändert. Vor 16 Jahren gab es zum ersten Mal Radio im Internet, in diesem Jahr wurden bereits mehr als 3000 Webradios gezählt – Tendenz steigend. Neben den öffentlich-rechtlichen oder großen privaten Sendern gibt es viele kleine Anbieter mit ihrem Nischenprogramm – so wie die Houseapotheke.  

Das Programm kann jeder Houseapotheker von zu Hause aus machen.

Es ist ein Donnerstagabend, Zeit für die „Sendung mit der House“. Jede Woche um 18 Uhrgibt es drei Stunden lang „Bass- und Krachgeschichten“, an diesem Tag mit „’ner unbesiegbaren Frau, ’nem Lied über eine fliegende Disco, eine Biographie über die schwedische DJ-Frau Ida Engberg, Tipps fürs Wochenende, dem besten aus House und Electro und natürlich Alfino, Fox und Pui“. Hinter diesen Pseudonymen verbergen sich Alfonso Ferrante aus Lahr-Reichenbach (22 Jahre alt, Industriekaufmann), Felix Fischbach aus Seelbach (22 Jahre, angehender Student der Tontechnik) und Tobias Walter aus Seelbach (23 Jahre, Elektriker, der ab Herbst in Köln eine Ausbildung zum Tontechniker macht).

Alfino ist der Experte für Fremdsprachen, deshalb kommt ihm der Part zu, wie in der Original-Maus-Sendung die Ansage in einer fremden Sprache zu wiederholen. Diese Mal gibt es die „Storie di basso é chiasso“ auf Italienisch. Das Trio stellt drei Fünftel des Houseapotheke-Teams, das von Daniel „Bhalo“ Schuler, einem 23-jährigen Polizeimeister aus Lahr, und Florian „DF Warped“, einem 20-jährigen Anlagenmechaniker aus Nordrach, komplettiert wird. Vier aus dem Quintett waren schon früher eng befreundet und aus dem gemeinsamen Hobby Musik entstand das Webradioprojekt Houseapotheke.

Sie legen alle als DJs in Diskotheken oder bei Partys auf, eine Erfahrung, die ihnen bei den Moderationen zu Gute kommt. „Es gibt zwar schon viele Webradios, in Südbaden ist es aber noch mau“, sagt Daniel Schuler, „wir wollten deshalb selber etwas machen und weiterentwickeln.“ Offiziell ins Leben gerufen wurde die Houseapotheke im Oktober 2010. Nach einigen technischen Schwierigkeiten ging der Webradiosender zum ersten Mal im Dezember live auf Sendung.

Viel bedarf es dazu im Grunde genommen nicht: Zunächst einmal eine Lizenz, die bei der GEMA und der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) beantragt werden muss. Da müssen Fragen beantwortet werden – zum Beispiel,wie viele Stunden am Tag gesendet wird, welche Lieder gespielt werden und ob das Radio nur in Deutschland oder auch im Ausland zu hören sein soll. Und dann ist natürlich die technische Ausrüstung notwendig.

Im Keller des Elternhauses von Tobias Walter in Seelbach stehen zwei CD-Player Pioneer CDJ-800 MK2 mit Scratchfunktion und Geschwindigkeitsregler, ein Reloop-Mischpult, ein Audio-DJ, der zwischen CD-Player und Mischpult geschaltet ist – das Herzstück der ganzen Anlage – , ein Traktor Kontrol X1, mit dem das Programm ausgesteuert wird, Verstärker, Boxen, Kopfhörer, Mikrophon und ein Laptop, auf dem Tobias Walter 650 Lieder gespeichert hat.


Die ganze Anlage hat ihn etwa 3500 Euro gekostet und steht in ähnlicher Ausstattung bei den anderen Vier ebenfalls zu Hause. Denn das ist der Vorteil von Webradio: Es ist kein zentrales Studio notwendig, die fünf Houseapotheker können das Programm von zu Hause aus machen. Mittlerweile sind fünf weitere DJs an dem Projekt beteiligt. „Und wir suchen immer noch weitere, die den selben Musikgeschmack haben, Radio machen wollen und das nötige Equipment besitzen“, sagt Daniel Schuler.

Es gibt feste Live-Sendungen in der Woche, die Musikrichtung orientiert sich am Geschmack des DJs: House, Funky House, Elektro, Black House, Dirty Dutch „Manchmal gibt es auch ganz spontane Sendungen“, sagt Florian Schilli. Wenn keiner der Houseapotheker selbst am Mischpult steht, kommt die Musik vom Band. Das Webradio sendet 24 Stunden an 365 Tagen. „Es ist nicht immer einfach, jeden Tag eine Livesendung hinzubekommen“, sagt Daniel Schuler – schließlich sind alle DJs noch berufstätig, das Radio ist und bleibt ein Hobby, das Zeit und (noch) Geld kostet. Etwa 1500 Euro im Jahr muss das Houseapotheke-Team für Sendelizenz und Streaming bezahlen, die Musik besorgt sich jeder auf eigene Rechnung: Etwa 100 bis 150 Euro im Monat gibt allein Daniel Schuler für Downloads von neuen Titeln aus.

Für die Fünf ist ihr Webradio aber eine „Herzensangelegenheit“ geworden, wie sie auf ihrer Homepage schreiben: „Tagtäglich versuchen wir daher unser kleines, aber doch für uns so wichtiges Projekt am Leben zu erhalten.“ Dazu gehört, die Houseapotheke noch bekannter zu machen. Neben der Homepage gibt es eine Facebook-Seite, ein Logo wurde gestaltet und einheitliche T-Shirts gedruckt, mit Plakaten und Flyern soll in ganz Südbaden für das Webradio geworben werden. Schon jetzt trifft Houseapotheke.com offensichtlich den musikalischen Geschmack der Zuhörer: 800 pro Monat waren es im Frühjahr, mittlerweile sind es regelmäßig mehr als 1500, die Houseapotheke hören – getreu dem Motto des Webradios: „Die beste Medizin gegen schlechte Laune.“  

Webradio

Im Jahr 1995 ging mit  dem Inforadio Berlin-Brandenburg das erste  Webradio auf Sendung. In den Jahren danach haben viele bestehende Hörfunksender ihr Radioprogramm  ebenfalls im Internet angeboten, dazu wurden zunehmend reine Webradiosender gegründet.
2006 gab es rund 450 Webradios in Deutschland, im April dieses Jahres waren es 3064. Etwa 80 Prozent davon sind reine Webradios. Die Online-Werbeeinnahmen  deutscher Webradios lagen 2010 bei 10,3 Millionen Euro.   Eine Übersicht über deutsche und ausländische Webradios bieten  unter anderem surfmusik.de und radio.de, eine aktuelle Untersuchung über den Webradiomarkt findet man auf webradiomonitor.de

Mehr dazu:

 

Termin


Was:
House-Party der Houseapotheke-DJs
Wann: Samstag, 10. September 2011, 21 bis 5 Uhr; Afterhour Sonntag, 11. September ab 6 Uhr
Wo: Schlachthof Lahr
 
[Fotos: Christoph Breithaupt]