Horror Nights im Europa Park: Selbstversuch mit Zombie-Schminke

Sophie Passmann

Rund 150 Zombies und Vampire erschrecken in diesem Jahr die gruselfreudigen Besucherinnen und Besucher der Horror Nights im Europapark. Sophie hat den Selbstversuch gewagt und sich von Chef-Maskenbildner Bill McCoy in einen blutigen Zombie verwandeln lassen. [Mit Video!]



Bill McCoy mustert mich kurz von der Seite. "Stört es dich, wenn du deine Haare danach waschen musst?" Ehe ich darüber nachdenken kann, klatscht er mir eine kalte, klebrige Masse gegen die Schläfe. "Die Wahrheit ist: Deine Meinung ist ab jetzt egal!" Ich werde dem Amerikaner wohl vertrauen müssen, ob ich will, oder nicht. Unbeeindruckt von meinem irritierten Blick beginnt er damit, mir eine scharf riechende, durchsichtige Flüssigkeit im Gesicht zu verstreichen. Meine Frage, was das sei, übergeht er ganz einfach.

Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie einer der Visagisten neben uns kritisch sein Werk begutachtet. Die junge Frau, die vor wenigen Minuten den Baucontainer betrat, wurde unter seiner Hand zu einem sexy Vamp. Eigentlich ganz harmlos, denke ich mir, außer knallroten Lippen und Kunstwimpern muss ich wohl nicht viel befürchten.

Der Airbrush verteilt einen feinen Farbnebel auf der Haut

"Blutwand, bitte", sagt er auf Englisch zu ihr. Sie stellt sich in die mit weißer Plane abgeklebte Ecke des Raums und kneift die Augen zusammen. Nicht die dümmste Idee, denn sogleich landet ein Schwall Kunstblut in ihrem Gesicht, der dem harmlosen Vampir die nötige Portion Horror verleiht. Der Make-up Künstler wirkt zufrieden, doch viel Zeit für Lobhudelei scheint nicht zu bleiben. Sogleich greift er sich einen wartenden Darsteller aus der Schlange neben seinem Arbeitsplatz und beginnt mit der nächsten Verwandlung. Bill scheint meine Erleichterung bemerkt zu haben: "Nein, so einfach kommst du nicht davon."



Hinter den Kulissen der Terenzi Horror Nights herrscht Hektik. In wenigen Stunden öffnen die Pforten die Gruselhäuser im Europa-Park, bis dahin muss Bill McCoy mit seinem Team noch unzählige Darsteller in wahre Gruselkunstwerke verwandeln. Wie sich diese Verwandlung anfühlt, bekomme ich am eigenen Leib zu spüren. Ich weiß nicht, was Bill sich für mich ausgedacht hat, nur so viel verrät er: "Wenn du dich das nächste Mal im Spiegel siehst, erkennst du dich nicht wieder!"

Schon nach den ersten Minuten in der Maske stelle ich fest: Es gibt Angenehmeres. Meine Augen brennen ein wenig und meine Haut fühlt sich an, als läge eine Schicht Kerzenwachs auf ihr, die nun langsam Risse bekommt. "Das kommt alles vom Latex.", meint Bill dazu. Mitleid scheint er nicht mit mir zu haben, er ignoriert die kleinen Tränen in meinen Augen und pinselt unbeirrt weiter in meinem Gesicht herum. Was genau auf meiner Haut vor sich geht, kann ich nicht mitverfolgen, weit und breit gibt es keine Spiegel. Lediglich das Grinsen auf den Lippen des Make-up-Künstlers verrät mir, dass der ganz tief in die Trickkiste greift, um aus mir ein blutiges Kunstwerk zu machen. Er zupft ein paar Wattebäuschen zurecht und legt sie auf die Konturen meiner Augenhöhlen, rührt mit einem Spatel in einer dickflüssigen, weißen Substanz, die mich an Bastelkleber aus dem Kindergarten erinnert und betupft damit mein Gesicht. Obwohl er einen Witz nach dem anderen reißt und gut gelaunt zu sein scheint, wirkt er trotzdem hochkonzentriert.

Vor ihm aufgebaut liegen zahllose Pinsel, Farbtöpfchen, Tuben und Cremetiegel. Schon nach wenigen Minuten habe ich den Überblick verloren, was in meinem Gesicht vor sich gehen könnte. Routiniert greift Bill zu seinen Utensilien, immer wieder kommt bei ihm der Airbrush zum Einsatz. Die kleine Spritzpistole verteilt mit Druckluft einen feinen Farbnebel, und ermöglicht so feine Farbverläufe und fotorealistische Effekte. Für die Arbeit von Bill ist der Airbrush unersetzlich. "Das ist eines der wichtigsten Werkzeuge für diese Arbeit."

Abgesehen von einem kleinen Kitzeln um die Augen spüre ich im Moment nicht viel von der Verwandlung zum Monster. Ich versuche, still zu halten und das Rinnsal aus Kunstblut zu ignorieren, das sich den Weg zu meiner Nasenspitze bahnt. Bill vertieft sich derweil ganz nebenbei mit einem der Anwesenden in eine Diskussion über langsame und schnelle Zombies und welche blutigen Effekte in Horrorfilmen ihn bereits als Kind fasziniert haben. Ich bin in Sachen Grusel mehr als zartbesaitet. Dass ich für die meisten Streifen, die er begeistert aufzählt, nie den Mut aufbringen konnte, behalte ich für mich. Viele Möglichkeiten zum reden habe ich ohnehin nicht, denn Bill macht mich mit einem feinen, dunkelgrauen Nebel, der sich leicht brennend auf mein Gesicht legt, vorerst mundtot. Meine Schleimhäute kitzeln und ich halte meine Lippen aus reiner Vorsicht fest zusammengepresst. "Das Zeug riecht fürchterlich, sieht aber großartig aus!", meint er dazu. Zumindest beim Geruch kann ich sofort zustimmen und nicke stumm. Wer schön sein will, muss leiden.

Das Gesicht verhüllt unter Latex und viel Kunstblut

"So, jetzt kannst du den Mund wieder aufmachen. Streck mal deine Zunge raus!" Für einen kleinen Moment wird mein Vertrauen zu Bill auf eine harte Probe gestellt. Er wedelt mit einem kleinen Sprühfläschchen vor meiner Nase herum. "Schmeckt ganz gut, eigentlich. Nach Pfefferminz." Nach kurzem Zögern gebe ich nach. Meinetwegen, also Kunstblut für den Mund, ich will als Untote ja auch überzeugen. Ein feiner Sprühnebel soll meine Zunge und das Zahnfleisch dunkel färben. Ich muss kurz husten und verziehe das Gesicht. Pfefferminz hatte ich anders in Erinnerung. "Ja, das mit dem guten Geschmack… das war gelogen."

Das klebrige Gefühl in der Mundhöhle verschwindet aber nach ein paar Sekunden wieder, doch Bill hat schon die nächste Überraschung parat. "Hast du schon mal Kontaktlinsen getragen?" Ich verneine. "Dann wird das heute wohl das erste Mal sein." Die weiße Linse soll einen starren Blick erzeugen und dem Make-up den letzten Schliff verleihen. Nach einigem Kampf hat die Linse ihren Platz gefunden. Ob mein Blick starr ist, weiß ich nicht, aber mein Sichtfeld ist auf alle Fälle verschwommen. Erwartungsvoll schaue ich Bill an.



Mehr Tricks wird doch selbst er nicht auf Lager haben, oder? Scheinbar schon. Wie meine Vorgänger in der Maske bittet er auch mich vor die Blutwand. Ich stelle mich also auf die weiße Plane, die im Laufe des Abends immer mehr kleine, rote Spritzer bekommt. Besonders zögerlich bin ich nicht mehr – nach Kunstblut im Mund werde ich welches im Gesicht gut ertragen können "Unbedingt die Augen schließen!", rät der Amerikaner mir noch, und das keine Sekunde zu früh. Den letzten Schliff bekommt mein Make-up mit ein paar Spritzern Kunstblut über das ganze Gesicht.

Bill nimmt sich einige Augenblicke Zeit, um mich zu begutachten. Gespannt warte ich sein Urteil ab. Und das fällt hart aus: "Du siehst furchtbar aus." Ist das nun gut oder schlecht? "Oh, bei uns ist das ein Kompliment. Du gibst einen guten Zombie ab!" Auch wenn ich geschmeichelt bin, will ich mich selber davon überzeugen, denn endlich darf ich das Ergebnis begutachten. Ungläubig starre ich mein Spiegelbild an.

Meine Gesichtszüge liegen gut versteckt unter einer dicken Schicht Latex, Farbe, Modelliermasse und natürlich Kunstblut. Bill hat Recht behalten: Ich erkenne mich selbst nicht wieder. Viel Zeit, sich selbst auf die Schulter zu klopfen, hat er nicht. Es gibt noch genug Darsteller für den Abend zu schminken. Einen wertvollen Tipp gibt er meinem verwandelten Ich dann trotzdem mit auf dem Weg: "Das Make-up ist übrigens nichts fürs erste Date!"

Stimmt, wohl eher was fürs Letzte.



Bill McCoy

Der US-Amerikaner Bill McCoy arbeitet als Make-Up Artist in Hollywood. Er hat unter anderem das Make-Up für Zombieland und den neuen Kinofilm "Abraham Lincoln Vampirjäger" gemacht. Seit dem ersten Jahr der Horror Nights, also in diesem Jahr schon zum sechsten Mal ist er beim Herbstevent im Europa-Park dabei. Zu seinen Schöpfungen zählen auch die neuen Köpfe für den Themenbereich "Piraten in Batavia".

Bei seiner Arbeit für die diesjährigen Horror Nights unterstützen ihn sechs Kolleginnen und Kollegen; ab 17 Uhr schminkt das Team die 150 Darstellerinnen und Darsteller, damit sie um 19:30 Uhr fertig sind. Die Arbeitszeit ist dabei ganz unterschiedlich: einen sexy Vampir schminkt McCoy mit zwei Airbrush in wenigen Minuten; das Anfertigen eines aufwendigen Latex-MakeUp wie dem von Sophie dauert 20 bis 30 Minuten. Entfernen lässt sich das Zombie-Make Up übrigen - ganz banal - mit Wasser und Seife; die Latexelemente kann man abziehen.

Während der Horror Nights verschminkt das Team mehr als 25 kg Schminke, 40 Liter Filmblut, 30 Liter Latex und circa 350 Latex-Teile.

Horror Nights

Die Horror Nights starring Mark Terenzi finden 2012 zum sechsten Mal im Europapark statt. In fünf unterschiedlich gestalteten Häusern können sich Besucherinnen und Besucher seit Ende September von grausig geschminkten Fachpersonal erschrecken lassen. Zwei der Schauplätze - das chinesische Restaurant "Take away" und das Abwasser-Abenteuer "Down" wurden von der Los Angeles Times unter die 14 gruseligsten Halloween-Horrorhäuser gewählt.

Bis zum 25. Oktober 2012 finden die Horror Nights immer freitags und samstags statt, vom 26. Oktober bis zum 3. November 2012 täglich. Im Vampires Club kann danach gefeiert werden. Der Eintritt ist für Besucher, die mindestens 16 Jahre alt sind.



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[Fotos: Bernhard Rein]

Foto-Galerie: Sophies Zombie-Verwandlung