Aufregen ist ihr Hobby

Homosexuelle Blutspender dürfen 12 Monate keinen Sex haben – was soll das?

Dita Whip

Wer als Mann mit einem Mann geschlafen hat, darf erst 12 Monate später wieder Blut spenden – auch wenn es sich etwa um den Ehemann handelt. Ein Aufreger für unsere Kolumnistin Dita Whip, im ersten Teil ihrer Kolumne "Aufregen ist ihr Hobby".

Die Situation: Eine Freundin geht Blut spenden. Als moralischer Support und Stütze, sollte es kreislauftechnisch etwas schwindelig werden, gehe ich mit. Ich bin mal ein guter Mensch... und nett. Ich weiß: Stark verstörend. An sich nicht spektakulär da mit zu gehen, wenn nicht jedes Mal beim Betreten einer Einrichtung der Blutspende mein persönliches Aggressionslevel raketenartig auf die 1000 zuschießen würde.


Denn eine Blutspende von mir ist unerwünscht... außer, ich unterlasse 12 Monate lang mein "sexuelles Risikoverhalten". Auf Deutsch: Ich soll 12 Monate lang ohne Sex leben. Schwierig, wenn man nicht gerade mit Donald Trump liiert ist. (Melania, call me if you need help gurl!)
Um was geht’s?

Vor dem 7. August 2017 waren Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), ein Leben lang von der Blutspende ausgeschlossen. Seit einer Verfügung des Europäischen Gerichtshofes gilt seit August 2017 eine neue Richtlinie. Nun muss das letzte sexuelle Risikoverhalten betroffener Personen (MSM, SexarbeiterInnen etc.) 12 Monate zurückliegen, um Blut spenden zu dürfen. Das wird von der Bundesärztekammer als auch den kooperierenden Instituten als Notwendigkeit angesehen, um eine sichere Versorgung mit Blut zu gewährleisten.

In der Blustpendeeinrichtung der Uniklinik Freiburg lässt mich der Fragebogen für SpenderInnen, durch die bürokratische Blume wissen, dass ich in den Augen der Bundesärztekammer eine virenschleudernde Ansteckungsgefahr bin. Im selben Moment kratzen meine Nägel schon Furchen in den Tisch der Einrichtung.

Blutspende ist ein extrem wichtiges und so simples Mittel, um Menschen zu helfen. Was mich so auf die Palme treibt ist nicht einmal die offensichtliche Diskriminierung von Männern, die Sex mit Männern haben, sondern vielmehr die bürokratische Gleichgültigkeit, mit der die Verantwortlichen die Stigmatisierung ganzer Menschengruppen als sexuell riskant, krank und unvernünftig vorantreiben.

"Scheiß-Schwuchtelblut mit AIDS"

Da sehnt man sich doch fast nach einem AFDler, der seinen Hass auf sexuell non-normative Menschen mit einem "Scheiß-Schwuchtelblut mit AIDS" Tweet in die Welt hinausposaunt. Da weiß man wenigstens, woran man ist... und es gibt mir die Möglichkeit, zurückzupöbeln. (Auch wenn das nicht die feine Art ist, aber wer sagt, dass ich die feine Art vertrete!)

Das Robert Koch Institut – eines dieser Institute, welches in Zusammenarbeit mit der Bundesärztekammer die Spende-Richtlinien festlegt – feiert diese Entscheidung auch noch als Fortschritt. Ich habe selten so gelacht. Wenn man die Formulierung: "[...] können 12 Monate nach ihrem letzten Sexualverkehr zur Spende zugelassen werden [...]" durch die realistische Beschreibung als Zölibat austauscht, fallen mir nur zwei Worte ein: Alltägliche Diskriminierung.

Die Regel gilt auch für monogam lebende Menschen

Diese komische "Zurückstellungsregel", so nennt man das Zölibat korrekt, gilt im Übrigen, egal ob ich single, monogam verpartnert oder verheiratet bin... aber eben mit einem anderen Mann. Weil ja heterosexuelle, verheiratete Männer und Frauen kein HIV haben können. (Bitte hier ein Augenrollen von Dita Whip vorstellen.)

Die Bundesärztekammer lässt sich selbstverständlich Ausreden einfallen, um den Vorwurf, die Spenderestriktion sei diskriminierend, aus dem Weg zu gehen. Spenden werden zwar grundsätzlich auf HIV, Hepatitis B und C getestet, aber das "Problem" des diagnostischen Fensters, also die Zeit, in der eine infizierte Person noch unter der Nachweisgrenze liegt, reicht scheinbar als Begründung aus, sich aus der Nummer fein rauszureden. Wie? "Wir haben viel Schwule als Freunde", war schon belegt? Lachhaft!

Die Lösung wäre so einfach!

Dabei wäre es doch so einfach: Personen, die Blut spenden möchten, sollten nach ihrem individuellen Verhalten bewertet werden, nicht nach Risikogruppen. In Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal und Spanien wird dies bereits getan. Jedoch weigert sich die deutsche Bundesärztekammer vehement von der 12 Monate Regel abzulassen und die Ausschlusszeit auf sechs Wochen zu reduzieren - ein Zeitraum, welcher das Problem des diagnostischen Fensters beheben würde.

Generell bekomme ich den Eindruck, da,s in der Bundesärztekammer hauptsächlich katholische Priester sitzen, die mit ihren Talar-Kleidchen natürlich immer ein guter Ratgeber in ALLEN Dingen sind.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Denn Aufregen ist Ihr Hobby.

Mehr zum Thema: