Homosexualität in der Schule: Coming out, ja oder nein?

Felix Pacholleck

Rein statistisch gesehen sitzt in jeder Schulklasse mindestens ein Schwule oder eine Lesbe. Tatsächlich outen sich nur wenige junge Homosexuelle in der Schule. Warum das so ist, erklärt der Pädagoge Robert Sandermann, der für die Freiburger Aids-Hilfe sowie die Rosa Hilfe arbeitet. Neals Nowitzki arbeitet ehrenamtlich für FLUSS, Freiburgs Lesbisches und Schwules Schulprojekt, und erzählt, dass Schüler nicht immer verständnisvoll auf das Thema reagieren. Freya Köhler berichtet, warum sie – wie auch Robert und Neals – mit ihrem Outing wartete, bis ihre Schulzeit vorbei war.



Es kommt einer Sensation gleich, wenn in der Schule ein Schüler oder gar ein Lehrer offen seine Homosexualität lebt.


„Die große Angst, auf Ablehnung zu stoßen oder sich blöde Sprüche anhören zu müssen, ist Grund genug, vor anderen die sexuelle Orientierung nicht einzugestehen“, erzählt Freya Köhler, die heute in Freiburg zusammen mit ihrer Lebensgefährtin und deren Sohn lebt. Seit zehn Jahren lebt die heute 31-Jährige als bekennende Lesbe: „Dass ich lesbisch bin, war mir schon fünf Jahre vor meinem Outing klar, so mit 16 oder 17 Jahren.“ Köhler, die in Bensheim in Hessen ein Gymnasium besuchte, erzählte damals nur ihrer Familie und den engsten Freunden von ihrer Homosexualität. „In der Schule herrscht eine homo-ignorante Stimmung. Wenn sie wenigstens homophob wäre, dann wüsste man immerhin, wovor man Angst haben müsste“, berichtet Freya Köhler aus ihrer Schulzeit.

Inzwischen wissen alle über ihre sexuelle Orientierung: „Mich vorzustellen und davon nichts zu erzählen, fände ich meinem Kind gegenüber unfair.“ Homosexualität wird in unserer anscheinend so aufgeklärten und toleranten Gesellschaft noch immer als etwas Fremdes, für manche auch als etwas Widernatürliches angesehen. So wurde Homosexualität sogar noch bis 1990 von der Weltgesundheitsorganisation WHO auf der Liste der Krankheiten geführt. Unabhängig davon, ob Haupt-, Realschule oder Gymnasium: „Schwuchtel“ oder „schwul“ sind alltägliche Begriffe im Wortschatz der Schüler, Sprüche wie „Niklas du schwule Sau“ sind auf beinahe jedem Schulklo zu finden.

„Die Schule ist ein geschlossenes System, da herrscht ein anderes Klima als etwa daheim“, meint dazu Robert Sandermann, der für den Beratungsbereich der Rosa Hilfe Freiburg e.V. hauptverantwortlich ist. Der Verein leistet seit 1985 pädagogische und soziale Bildungsarbeit für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt werden. Sandermann ist studierter Lehrer und hat sich selbst mit Anfang 20 geoutet. „Es kostet viel Überwindung“, sagt der Pädagoge und berichtet von einem Sechzehnjährigen, der vor einiger Zeit zu ihm in die Beratung kam und ihm erzählte, dass er sich schon seit anderthalb Jahren sicher sei, schwul zu sein. Geoutet habe er sich jedoch nicht, unter anderem befürchte er, aus seinem Sportverein zu fliegen.

„Viele unterdrücken ihre Homosexualität bis zum Ende ihrer Schulzeit“, schildert der Berater auch aus eigener Erfahrung. „Neues Umfeld, neues Leben“, denken sich viele und wagen erst nach langer Zeit den großen Schritt. Dass Eltern oder sogar Schulrektoren auf ihn zukommen und um Rat fragen, hat Sandermann auch schon erlebt. „Die wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.“ Also gehen sie zur Rosa Hilfe. Jugendliche gehen allerdings meist direkt zu den „rosekids“, einer Freiburger Organisation von und für junge Schwule und Lesben.

Ein Treffpunkt für Homosexuelle in Freiburg ist die Sonderbar: Was früher als beinahe reine Schwulenbar anfing, hat inzwischen ein sehr gemischtes Publikum – „viel mehr Frauen als früher und auch Heteros“, so Barkeeperin Katharina. Das Stammpublikum bestünde aber immer noch aus Männern zwischen 30 und 50 Jahren. Allerdings kommen auch junge Schwule und Lesben, so sei neulich ein achtzehnter Geburtstag dort gefeiert worden.

Schüler treffen Lehrer auf Gayparties

„Für viele verkörpern die Freaks aus dem Fernsehen Homosexualität“, so Sandermann, der selbst für Aufklärungsveranstaltungen an Schulen unterwegs ist. Ein Problem sieht er darin, dass es an Bezugspersonen oder Identifikationsfiguren in der Schule fehlt, weder Schüler noch Lehrer outen sich öffentlich. „Da kann es immer wieder vorkommen, dass Schüler ihre Lehrer auf Schwulenpartys treffen“, so der Berater der Rosa Hilfe, „was trotzdem nicht zu einer Offenlegung in der Schule führt.“ So leben beide weiterhin in ihrer Scheinwelt.

Sandermann nennt diese Gesellschaft schizophren: „Einerseits darf jeder mit jedem ins Bett, Homosexuelle sind aber immer noch Außenseiter.“ Wobei es auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, letztgenannte sind tendenziell offener gegenüber Schwulen und Lesben. Ihre Einstellung zum menschlichen Körper sei eine andere als bei Männern. Ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt, spielt offensichtlich auch eine Rolle. „Auf dem Land kommt es viel häufiger vor, dass Männer ihr pseudo-hetero Leben mit Frau und Kind über Jahre aufrechterhalten“, meint Sandermann. Dort sei der konservative Geist stärker, Homosexuelle könnten ihre Sexualität kaum ausleben, viele ziehe es daher in die großen Städte.

Ähnlich wie die Rosa Hilfe agiert das Aufklärungsprojekt FLUSS, Freiburgs Lesbisches und Schwules Schulprojekt. Der Verein führt vor allem Unterrichtsbesuche und Veranstaltungen an Schulen durch. Neals Nowitzki ist Student und nebenbei ehrenamtlicher Mitarbeiter bei FLUSS. „An vielen Schulen herrscht immer noch Klärungsbedarf, was lesbische, schwule, bi- und transsexuelle oder queere Lebensweisen sind“, weiß der 22-Jährige. An welche Schulen das Aufklärungsprojekt kommt, geht von den Schülern aus: „Wir werden von Interessierten angesprochen“, erläutert Nowitzki. Im Vorfeld bekommen die Klassen Fragebögen, so wird für jede Schulklasse ein individuell zugeschnittenes und altersgerechtes Konzept entwickelt. Dort erzählt das ehrenamtlich tätige Team, das sich aus Lehrern, Sozialpädagogen und Psychologen zusammensetzt, unter anderem von eigenen Outings. „Natürlich gibt es auch mal ,Schwuchtel‘-Zwischenrufe“, beschreibt Nowitzki, „aber es besteht trotzdem großes Interesse am Thema.“ Er ist auch der Meinung, dass es enorme Unterschiede in der Reaktion der Zuhörer an Hauptschulen oder Gymnasien gäbe: „Männliche Hauptschüler reagieren leider oft prollhaft und meinen, den Macker markieren zu müssen.“

Als Grund für das Versteckspiel mit der eigenen sexuellen Orientierung nennt er ebenfalls die Angst vor Ausgrenzung oder sogar Mobbing. Er selbst hatte sich auch nicht während der Schulzeit geoutet, nennt aber als Grund seine Eltern. Während seines Studiums wagte er den Schritt und erzählt, dass seine Eltern kein Problem damit hatten. „Natürlich kam erst einmal der Spruch ,Keine Enkelkinder!‘, aber das Verhältnis zu meinen Eltern ist seitdem ein besseres“, erzählt der Student und erinnert sich, dass das auch an ihm lag: Auf der Suche nach der eigenen Identität hatte er sich – wie so viele – immer mehr in sich selbst zurückgezogen. „In jungen Jahren kann noch nicht jeder zu sich selber stehen, während der Pubertät hat man genügend andere Fragen und Probleme“, kommentiert Sandermann, „außerdem fühlen sich viele von der Thematik bedroht.“ Auch HIV, von vielen Medien als „Schwulenseuche“ betitelt, habe dazu beigetragen, dass Homosexualität heute immer noch von manchen als etwas Gefährliches angesehen wird.

Wie überall gibt es Homosexuelle in Deutschland in allen Schichten und Milieus. Ob Politiker wie Außenminister Guido Westerwelle, Prominente, etwa Fernsehmoderatorin Anne Will oder Künstler wie der Hamburger Corny Littmann, Präsident des Fußballclubs FC St. Pauli – unter Deutschlands Prominenz gibt es zahlreiche bekennende Homosexuelle. Gleichgeschlechtliche Eheschließungen sind in Deutschland nicht möglich, vor neun Jahren wurde allerdings die Eingetragene Lebenspartnerschaft eingeführt. Und selbst da meldeten Unionspolitiker aus Bayern, Sachsen und Thüringen noch Bedenken vor dem Bundesverfassungsgericht an – jedoch ohne Erfolg.

Ist Deutschland so gesehen fast noch im homosexuellen Mittelalter, befinden sich die USA dagegen in der Steinzeit: Gleichgeschlechtliche Ehen sind immer noch nicht in allen Bundesstaaten erlaubt. Darüber hinaus wurde jüngst eine Schule für Homosexuelle in Chicago eröffnet. Nachdem 2008 ein Jugendlicher aufgrund seiner sexuellen Orientierung erschossen worden war, argumentierten die Behörden damit, so Jugendliche retten zu können. Tatsächlich ist das aber ein gewaltiger Rückschritt, bedeutet die Abgrenzung von Schwulen und Lesben doch, dass sie von der Gesellschaft immer noch nicht anerkannt sind. Entgegen weit verbreiteter Vorstellungen ist Homosexualität weder eine psychische Störung, schon gar kein Zeichen allgemeinen Sittenverfalls und noch nicht einmal eine persönliche Entscheidung – sondern einfach eine natürliche Variante menschlicher Liebesfähigkeit.

Sandermann sieht jedoch eine positive Entwicklung in den vergangenen Jahren. Zwar reicht es ihm zufolge nicht, zu sagen: „Mir egal, solange ich nicht angemacht werde.“ Man müsse sich um eine gelebte Akzeptanz bemühen, um an den Punkt zu kommen, dass Homosexualität als etwas Selbstverständliches angesehen wird und gar nicht mehr darüber diskutiert werden muss. Zwar wäre Sandermann seinen Job bei der Rosa Hilfe dann wohl los, stören würde es ihn aber wahrscheinlich nicht.  

Dieser Text ist die Aufmachergeschichte der neuesten Ausgabe von f79, dem Schülermagazin für Freiburg und Region. f79 ist kostenlos und liegt nicht nur in allen weiterführenden Schulen, sondern auch in den BZ-Geschäftsstellen, im Arbeitsamt, im Haus der Jugend und in weiteren Bildungseinrichtungen aus.

Mehr dazu:

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Adlerstraße 12
79098 Freiburg
0761/25161
Web:
Rosa Hilfe Freiburg Rosekids e.V.
(noch) Adlerstraße 12
79098 Freiburg
0179/7212303
Treffen: Mittwoch und Freitag jeweils 19:30 bis 22 Uhr
Web: Rosekids

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