Hoffenheim gehört nicht zu Baden

David Weigend

Der SC Freiburg hat gestern Nachmittag ein 1-1-Remis in Hoffenheim erspielt. Wir sind mit einem Fanbus der sympathischen Knaddlys in den Kraichgau gefahren und mit dem Gefühl heimgekehrt, dass die Anhänger des Sportclubs, egal welcher Couleur, mittlerweile eine stimmgewaltige Einheit darstellen.



Eine Auswärtsfahrt beginnt immer damit, dass der Alkohol an Bord geladen wird. In unserem Fall geschieht das um 10.45 Uhr im schönen Fischerdorf Kappel. Gegenüber der Alten Elz tragen ein paar Knaddlys eine Palette Bier in den Heizmannbus. Darunter absurde Trendgetränke wie "Alpirsbacher Mönch & Lemon." Wann kommt "Ganter Greif & Cassis"? Spätestens zur WM, vermuten wir bei der Zeitumstellungskippe an der örtlichen Raiffeisenbank.


Drinnen drückt Busfahrer Herbert sein Zigarillo aus und startet den Motor. Wir passieren den Schnitzelhuber (Werbung: „Auch die neuen Wiener Backhendl mit der knusprigen Honigpanade kommen besonders bei Frauen sehr gut an“) und spätestens, als wir die Leitplanke der A5 sehen, stellt sich Durst ein.



Also gehen wir vor, zu den Chefknaddlys. Stefanius, Stefan und Chopper hauen die ersten Klöpferle weg. Bei dieser Gelegenheit erklärt Häuptling Stefan Volk (mit Brille), was es mit dem Namen des Fanclubs auf sich hat: „Der Knaddly ist im Südbadischen so was wie der gutmütige Dorfdepp“, erzählt er. „Das Wort kommt lautmalerisch vom Verb knatteln. Das meint: mit langsamen, schlurfenden Schritten gehen.“ Also ein bisschen so wie Tommy Bechmann, wenn er keinen Bock hat, denken wir uns.

Aber Stefan, der Mann mit den knarrenden Knochen, ist mit seiner Ausführung noch nicht fertig: „Knaddly kommt auch von Knappe. Und so sehen wir uns ein bisschen wie Sancho Pansa, der stets dem Don Quijote nachschlurft. Bloß ist das bei uns kein Quijote, sondern eben der Sportclub Freiburg.“



Die Knaddlys sagen von sich, sie seien zu allem bereit und zu nichts zu gebrauchen. Wie zur Bestätigung läutet Stefanius die nächste Jägirunde ein: „Wir sind die Knaddlys, keiner mag uns, scheißegal!“ Und runter damit. Willkommen in der rollenden Pinte, Auswärtsfahrt gen Hoffenheim. Erträglich auch deshalb, weil man sich in diesem Fanbus nicht allzu ernst nimmt. Wobei die Knaddlys, jener familiäre Fanhaufen aus der Ortenau, schon ernst machen, wenn es um den Sportclub geht. Chopper, den man auch aus dem Fanhaus auf Nord kennt, erinnert sich etwa an die Auswärtsfahrt zu Matador Púchov, UEFA-Pokal 2001: „Mann, das war ein Ritt. Wunderschön!“

Aus dem hinteren Teil des Fahrzeugs wird lautstark die obligatorische Weizenpause bei Bruchsal eingefordert. Bevor Herbert den Bus bremst, macht Stefanius noch mal eine Durchsage: „Leut, bitte haltet euch mit dem Rauchen im Bus soweit es geht zurück.“ Genauso gut könnte ein Lehrer von seinen Schülern fordern, sie sollten nur dann nach Hause gehen, wenn sie sich wirklich langweilen würden. "Anja, hasch mir grad nochmal Feuer?"



Nach der Weizen- und Pinkelpause: die Jungknaddlys Anne-Catherine (Spielführerin der SG Arbeitslos, Foto) und Nadine haben ihre Mix-CD in die Anlage gesteckt. Was für die einen der musikalische Super GAU, ist für die anderen der Startschuss, jetzt erst so richtig aufzudrehen: Disco, Pogo, Dingelingeling! Eh, das geht ab, Freiburg steigt niemals ab!“ Und so weiter. Da laufen die Sturzweizen gut rein. Der Papa singt mit der Tochter und die Kneipenterroristen im Fond lassen die Limonenmönche im Takt aufploppen. Anna-Paula, die brasilianische Apothekerin aus Sankt Georgen, bevorzugt Sekt. Großzügig verteilt sie ihn auch an die vorderen und hinteren Sitznachbarn. Chopper, der Mann mit den vielen Ohrringen, winkt dankend ab: „Männer trinken keinen Sekt. Nur an Silvester zum Anstoßen!“



Währenddessen gehen Stefanius und Stefan mit der Checkliste durch den Bus und übergeben die Tickets für den Gästeblock. Hat jeder schon gezahlt? „Namen, Daten, Fakten! Und wer macht noch mit bei unserem Tippspiel? Es geht alles von 0-0 bis 8-8.“ Später wird Anna-Paula das Tippspiel gewinnen. Den Gewinn, 25 Euro, wird sie in eine Kampfbatterie „Kleiner Kobold“ anlegen.

Draußen prasselt der Regen an die Scheibe. Anja, seit 15 Jahren Dauerkartenbesitzerin auf Nord, schaut lächelnd aus dem Fenster. Sie freut sich aufs Spiel und kämpft noch ein wenig mit den Folgen der Zeitumstellung.



Schnitt, 14 Uhr, Parkplatz Rhein-Neckar-Arena. Da wir recht früh angekommen sind, wollten wir noch ein wenig durch Sinsheim stromern. Aber diese Stadt ist so tot wie Uwe Barschel. Das Stadion steht inmitten eines Gewerbegebiets. Baumarkt, Mediamarkt, Hoffenheimfans, Regen.



Geht’s noch trostloser? In der einzigen Kneipe, die in der sogenannten Innenstadt zwischen gesichtslosen Internet-Cafés (Gibt es in Sinsheim keine privaten Internetanschlüsse?) aufhat, werden wir misstrauisch beäugt und nein, Flaschenbier übern Tresen gibt es natürlich auch keines. Immerhin, bei Valentinas Imbiss kommt noch ein wenig Budenzauber auf und wir verwickeln die Dame an der Fritteuse in ein Gespräch darüber, warum es hier keine blau-weiße Currysauce auf die Wurst gibt.



Ein letzter Zwischenstopp im TSG-Bierzelt. Hier ist die Stimmung in etwa so zünftig wie in der SAP-Kantine, deshalb: ab in den Gästeblock! Endlich daheim. Von der ersten Minute an machen 3000 Freiburger unmissverständlich klar: „Hoffenheim gehört nicht zu Baden!“ Das mögen Landeskundler anders auslegen, aber zumindest hier und heute ist dies eine Freiburger Wahrheit. Der Kick lässt sich gut an. Die Abwehr steht, auch wenn Butscher sich in der 17. Minute einen Aussetzer leistet, den Ibisevic glücklicherweise nicht ummünzt. Insgesamt eine ausgeglichene erste Halbzeit.



Die Pause wiederum bringt einen leicht aus dem Gleichgewicht. Nicht nur, dass man im Stadion von diesem Kraichgau-Nest ausschließlich alkoholfreies Bier ausschenkt, nein, uns Gästen wird auch noch verwehrt, in der Halbzeit kurz mal zum Bus runterzugehen. Nicht mal Kippenholen ist drin (im Stadion verkauft man ja keine). Pfui!



Zweite Halbzeit. Zuerst macht ein Räuchermännchen auf sich aufmerksam, bevor in der 64. Minute eine Endorphinbombe auf unseren Block H1 herniedergeht: Flum, Idrissou, Tor! Jubel, Ekstase, Kontrollverlust. Es ist ziemlich nebensächlich, ob man jetzt ein Knaddly ist, ein Ultra oder eine Kaiserstühler Weinbergschnecke. Man fühlt eine Einheit unter den Fans. Die Wechselgesänge nach der Führung können sich hören lassen und ja, man spürt Respekt unter den einzelnen Fangruppen, was früher nicht immer so war.

In der 80. Minute erwischt der SCF einen schwachen Moment und lässt sich von der TSG auskontern. Ausgleich. „Hurra, das ganze Dorf ist da!“, spottet der Gästeblock. Fazit: Der Punkt geht in Ordnung. Wenn der Sportclub so weiterspielt und gegen Bochum einen Heimsieg holt, wird er mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Und noch was: Ohne Timo fahren wir zur WM.

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