"Hört ihr mich überhaupt?" Rocko Schamoni in Schmitz Katze

Daniel Weber

Lesung und Konzert zugleich, das bot am Samstag der Hamburger Universalkünstler Rocko Schamoni unter freiem Himmel im Außenbereich von Schmitz Katze – und kämpfte dabei gegen technische Unwägbarkeiten an.



Rocko Schamoni schlenderte auf die Bühne, oder besser gesagt unters Pavillondach, und begegnete direkt dem ersten Problem, nachdem er sich zuvor nebenan an der Barbude noch mit Bierchen versorgt hatte. Der Tisch, an dem er vorlesen wollte, stand hinter einem Pfosten. Ein Teil der rund 150 Zuschauer, die unten auf Sesseln, Stühlen und Bänken verteilt waren, hätte ihn so gar nicht gesehen. Als sich der Hamburger dann hinhockte und in den niedrigen Sessel sank, verschwand er fast komplett aus dem Blickfeld.


Das Studio Braun-Mitglied nahm es mit Humor, probierte und arrangierte sich, bis es einigermaßen ging und er auf der Kante des Sessels in der Mitte saß, den Tisch ignorierte und seinen Leseordner auf den Schoß nahm. Zigarette angezündet, am Bier genippt. Easy.

Es sollte das kleinere Hindernis werden an diesem Abend. Die größte Hürde stellte der Sound dar: Beim Lesen zu leise, beim Gitarrespielen verzerrt, schwammig oder gleich ganz weg. Das mit den Monitorboxen scheinbar ein Glücksspiel. Auch das nahm das Fraktus-Mitglied mit Humor. „Hört ihr mich überhaupt?“ Erstmal irgendwie nicht, einer aus dem Publikum aus den hinteren Reihen rief, dass er Eintritt bezahlt habe und daher auch was verstehen wolle.

So ging das eine Weile, der Soundmann kam zwischendurch mal nach vorne, und irgendwann klappte es dann halbwegs. „Gut, dass wir das heute Nachmittag so lange geprobt haben“, scherzte der Protagonist. Bei den musikalischen Musikblöcken ging die Farce dann weiter, bis es irgendwann wieder halbwegs klappte. Und der Wind kam als Schwierigkeitsfaktor auch noch hinzu.

Zwischen Melancholie und Ironie

Zum Programm: Schamoni las aus seinem letzten Roman „Tag der geschlossenen Tür“ vor, in dem der lethargische Protagonist Michael Sonntag und seine Soziopathie die Hauptrolle spielen. Und Hamburg. Weichgespülte offizielle Werbetexte über die Hansestadt reicherte Schamoni mit Kriegsrhetorik an. Beißend ironisch und hysterisch überzeichnet, dann ist Schamoni am besten.

Auch im Vortrag, was vor allem improvisierte Episode zeigt, in denen Schamoni mit Hilfe seines Tabletts eine Familienszene am Esstisch vorträgt, bei dem er mit gepitchten Stimmen die Rollen von Vater, Mutter und Sohn übernimmt, dessen großer Wunsch es ist, heute das erste Mal harte Drogen zu sich zu nehmen. Machen die anderen Kinder ja auch. Am Ende erklären sich Mama und Papa bereit, den Rauschzustand bis zum 18. Geburtstag zu finanzieren. Happy End.

Später liest er eine Episode vor, in der sein Romanheld Michael Sonntag einen Quickie mit einer zweifelhaften Schönheit erlebt. Die „säuischen Wörter“ bleept Schamoni wieder mit Hilfe seines Tabletts weg. Behelfsmäßig macht er das mit seinem großen Zeh. Das Tablett steht auf dem Tisch, Schamoni hockt auf einem Hocker - und es muss eh improvisiert werden.



Auch musikalisch ist diese spontane Gabe gefragt. Schamoni wird von Matthias “Tex” Strzoda unterstützt, die beiden singen sich zwischen Melancholie und Ironie durch den Abend: „Wir müssen eine Mauer bauen / Wir brauchen eine Mauer im Kopf / Wir müssen eine Mauer errichten / Eine Mauer der Liebe“, heißt es etwa. Nur so könne man alleine sein.

Wieder mit Hilfe des Tabletts wird es am Ende dann doch noch technisch interessant, wenn Schamoni „TLC“ per Schalte hinzuholt, in perfekt deutschem Englisch mit ihnen kommuniziert und aus deren „Waterfalls“ sein „Der Mond“ macht. Da Schamoni und Strzoda von der „Stadtregierung dazu gezwungen“ sind, noch mehr Lieder zu spielen, tun sie das am auch, und beenden einen schwierigen Konzertabend sympathisch und souverän, was bei den Widrigkeiten auch als Fazit gilt.

Im kurzen Plausch danach antwortet Rocko Schamoni darauf angesprochen, indem er kurz die Augen schließt und nickt. Bei der Buchsignierung um ein lebensbejahendes Motto gebeten, schreibt er: „Fuck Death.“ An diesem Abend hätte er auch „Deaf“ schreiben können.

Mehr dazu:

  • fudder: http://fudder.de titel="">Partyliteratur vom Kiez: Tino Hanekamps Roman "So was von da" (2011)
[Foto: Rita Eggstein]