"Hört auf, Krieg zu führen": Auf ein Schokoladencroissant mit Teju Cole

Bernhard Amelung

Schriftsteller, Literatur-Dozent und Fotograf: Seit Veröffentlichung seines Romans "Open City" gilt Teju Cole als Vorzeige-Intellektueller eines jungen Amerika unter Präsident Obama. fudder-Autor Bernhard Amelung hat mit ihm über Freiburger Besonderheiten, Millionenstädte und das Davonlaufen gesprochen. Doch wie hat dem New Yorker das Croissant geschmeckt?



Teju Cole. Spätestens seit der Veröffentlichung von "Open City", gilt der in Kalamazoo (Michigan) geborene, in Lagos (Nigeria) aufgewachsene Schriftsteller, Fotograf und Dozent als neuer Stern am US-amerikanischen Intellektuellenhimmel. 2014 lebte er sechs Monate als Writer in Residence in Zürich, soeben war er für einen Monats in Berlin. Gab Workshops, Lesungen, unter anderem mit Daniel Kehlmann. Jetzt Freiburg. Ich möchte mit ihm Frühstücken. Weil's schon spät ist, gibt es Schokoladencroissants vom Café Schmidt. Manche sagen ja, dies seien die Besten der Stadt.


Ich habe Schokoladencroissants mitgebracht.

Teju Cole: Oh. Danke. Das ist sehr nett. In Freiburg sind alle sehr nett. Gestern Abend hat mir ein Gast auf der Lesung eine Flasche Holunderblütensirup geschenkt. Ich muss jedoch dankend ablehnen. Ich habe gerade gefrühstückt. Das war sehr reichhaltig.

Cole steht auf. "Warte kurz", sagt er. Er verschwindet durch die Tür im Frühstückssaal seines Hotels. Kurze Zeit später kommt er zurück, in seiner Hand ein Teller. Er holt ein Croissant aus der Tüte, legt es drauf. "Iss du, während ich rede", sagt er und lacht. "Ich hebe mir meines für später auf."

Du bist zum ersten Mal in Freiburg. Was ist dir aufgefallen?

Bewusst aufgefallen ist mir zuallererst der kleine Weinberg (Weinschaugarten am Colombischlössle, die Red.). Ich habe ihn mir genauer angeschaut und festgestellt, dass es kein gewöhnlicher Weinberg ist. Man kann verschiedene Rebsorten entdecken, Schautafeln informieren über die Geschichte des Weinbaus. Wer neu in Freiburg ist, erfährt also, dass er sich in einer Weinbauregion befindet. So ein Garten fühlt sich allerdings auch etwas akademisch an. Das passt gut zu Freiburg, dieser alten Universitätsstadt.

Etwas akademisch fühlen sich auch die zahlreichen Buchhandlungen und Antiquariate an, denen ich auf meinem Spaziergang durch die Stadt begegnet bin. Es tut gut, festzustellen, dass in einer Stadt das geschriebene Wort unterstützt wird und Liebhaber hat.

Du kommst viel rum, besuchst viele Städte zum ersten Mal. Gibt es Orte, die du überall aufsuchst?

Eine fremde Stadt zu besuchen, ist für mich mittlerweile, wie einen anderen Stadtteil einer 100-Millionen-Menschen-Stadt zu besuchen. Die Menschen dieser Stadt sind nicht fremd. Gewissermaßen sind es meine Nachbarn, nur, dass ich sie nicht ganz so oft sehe, weil ich in einem anderen Stadtteil lebe. Ob ich jetzt von New York nach London fliege oder in Freiburg mit der Straßenbahn zwei Haltestellen fahre, macht aus dieser Perspektive betrachtet, keinen Unterschied.

Wenn ich in einer anderen Stadt zum ersten Mal bin, achte ich vor allem auf die Geschäfte, wo sind Cafés, Buchhandlungen, wie schnell oder langsam laufen die Menschen durch die Straßen, wie klingen Straßen tagsüber, wie ist nachts der Klang der Stadt. Es gibt also keinen ganz bestimmten Ort, keinen Platz oder so, den ich besuche. Ich laufe und lasse die Umgebung auf mich wirken.

Rückblende. Donnerstagabend, Peterhofkeller. Teju Cole ist auf Einladung des Carl-Schurz-Hauses und des Literaturbüros zu Gast in Freiburg. Beiläufig erwähnt er im Gespräch mit den Gästen, dass er gerne ausgehen würde. Hiphop in einem Kellerlokal. "Jetzt bin ich schon einmal in Freiburg, und ihr macht keine Party für mich", fragt er und lacht. Ach, Teju, denke ich. An einem Donnerstagabend ist Freiburg das reine Wohngebiet deiner 100-Millionen-Metropole. Ich empfehle ihm eine Bar. "Haben die Monkey47 dort?", fragt er. Jetzt zieht er die Augen zusammen. Er lacht spitzbübisch. Natürlich kennt er den. Die New York Times empfahl diesen als Grundlage für ihren Fußball-WM-Drink 2014.

Julius, der Protagonist deines Romans "Open City", läuft ebenfalls viel. Manchmal wirkt er wie gehetzt und getrieben. Wovor läuft er davon?

Julius läuft weniger vor etwas davon, als dass er in die Stadt eintaucht. Sich von ihrem Rhythmus vereinnahmen lässt. Er beobachtet Straßen, ihre Verläufe, die Häuser, wie sie zueinander in Beziehung stehen. Natürlich beobachtet er auch die Menschen. Was er sieht, was ihm auffällt, beschreibt er. Und das bekommt für ihn eine Bedeutung.

An welchem Punkt in deinem Leben bist du schon einmal vor etwas davon gelaufen?

Schwer zu sagen. Ich befinde mich ja beständig in Bewegung. Ich schreibe, fotografiere viel. Gerade beim Fotografieren ist es wichtig, dass man nicht stehen bleibt, weiter geht, von einem Ort zum Nächsten. Insofern laufe ich vor nichts davon. Ich schaue nach vorne, sehe eine Kurve oder Kreuzung, und wenn ich dort ankomme, öffnen sich neue Horizonte. Ich laufe weiter. Stehen zu bleiben, würde mich nicht befriedigen.

Im prominent besetzten Bücherregal seines Hotels steht sein Roman "Open City" jetzt neben Marcel Reich-Ranickis Biographie, Werken von Christa Wolf, Günter Grass, Peter Bieri a.k.a. Pascal Mercier. Mit dem großen MRR auf Augenhöhe. Nicht der schlechteste Platz.



Du lebst in New York und Lagos, beides Millionenstädte. Wie orientierst du dich dort?

Technisch gesprochen: Ich habe ein iPhone und nutze GoogleMaps. GoogleMaps ist ziemlich gut. Das erstaunt mich immer wieder. Ich mag es aber, mich zu verlieren, einzutauchen in die Stadt. Raus, auf die Straße zu gehen, und losgehen, ohne konkretes Ziel, ohne genaue Vorstellung, was die nächsten Stunden bringen.

Wenn du in Lagos lebst: Was vermisst du an New York?

In meiner New Yorker Wohnung befinden sich so ziemlich alle meiner Bücher. Also könnte ich sagen, dass ich diese vermisse, sobald ich in Lagos angekommen bin. Tue ich aber nicht. Sobald ich in dieser Stadt bin, bin ich wirklich ganz dort. So etwas wie ein Vermissensgefühl kenne ich nicht. Das gilt auch umgekehrt. Wenn ich in New York bin, vermisse ich nichts an New York. Ich habe auch in Berlin oder während meines Aufenthalts in Zürich nichts vermisst. Auch hier, in Freiburg, bin ich ganz da, auch wenn ich schon bald wieder aufbrechen muss.  

"Manchmal muss ich raus aus den USA, ein schreckliches Land". Das lässt du eine Protagonistin in "Open City" sagen. Bist das eigentlich du, der das sagt?

Ich bin Amerikaner. Ich habe in diesem Land studiert. Ich arbeite und lebe dort. Deshalb kann ich Mißstände und Probleme benennen und die Kritik daran meinen Figuren in den Mund legen. Ich kann so intensiv nicht über ein anderes Land schreiben.

Die USA könnte man auch als Chiffre verwenden für ein Land, das seine spezifischen Probleme hat und lernen muss, diese in den Griff zu bekommen. Das können Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität sein, das können rassistische Übergriffe sein, wie wir sie gerade in den USA erleben. Das kann aber auch das vermehrte Aufkommen fremdenfeindlicher Bewegungen in Europa sein, wie Europa sie aktuell erlebt.

Oder die Flüchtlingsproblematik im Mittelmeer. Diese Menschen nehmen den Tod in Kauf, um ihr Leben zu retten. Das ist absurd. Das kann man sich nicht vorstellen. Daran kann man nur verzweifeln. Wie hat es die Lyrikerin Warsan Shire gesagt: 'No one puts their children in a boat unless the water is safer than the land'.  

"Wer die Macht hat, macht die Gesetze." So ähnlich lautet ein weiterer Satz aus "Open City". Angenommen, du bekommst viel Macht, was würdest du als Erstes verändern?

Wenn ich könnte, würde ich alle Kriege auf dieser Erde beenden. Ich würde zu allen Krieg führenden Parteien gehen und ihnen sagen: 'Hört auf, Krieg zu führen.' Krieg bedeutet Trennung und Zerstörung. Familien werden auseinander gerissen, Städte werden zerstört. Krieg bedeutet Angst und Unsicherheit.

Cole schaut auf sein Smartphone. Er steht auf. "Well", sagt er wie zur Entschuldigung. Mehr Zeit hat er nicht. Führ ihn geht's gleich weiter. Nach New York, nach Lagos, vielleicht in einen Stadtteil seiner Welt-Stadt, den er noch gar nicht kennt. Ich traue mich nicht, ihn danach zu fragen. Er gibt mir die Hand. "Mach's gut. Auf Wiedersehen", sagt er.

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