Hört auf, eure Liebesschlösser an meine Brücke zu hängen!

Manuel Lorenz

Für die einen sind sie der ultimative Liebesbeweis, für die anderen ein aufdringlicher Abturn: Liebesschlösser, die an Brücken auf der ganzen Welt hängen - auch in Freiburg. fudder-Redakteur Manuel Lorenz gehen sie mächtig auf die Nerven. Er fordert: Hört endlich auf, mir dauernd eure Liebe vor Augen führen zu wollen!



Das mit den Liebesschlössern muss endlich aufhören - jedenfalls an meiner Brücke. Ich habe nachgezählt: Vor drei Monaten waren es noch 38, mittlerweile sind es 41.  "Julia & Tobias, 29.12.12", "Katja & Simon, 26.05.2012", "Jana + Jan mit Bosse, 7.9.2012", "Dudu ich Liebe dich."


Schön für dich, Dudu, jemand liebt dich! Aber erstens fehlt nach "Dudu" ein Komma, zweitens schreibt man "Liebe" klein, wenn's ein Tuwort ist. Und drittens liebe ich dich nicht. Und deswegen hat das Schloss deiner Loverin nichts an meiner Brücke zu suchen. Sie soll dich damit an euer Bett ketten oder an ihr Herz. Sie soll damit ihr Fahrrad abschließen oder ihr von Unrechtschreibung und Kitsch überquellendes Tagebuch. Mich aber soll sie damit verschonen. Und richte ihr aus, sie soll sich beim nächsten Mal ein bisschen mehr Mühe mit der Gestaltung geben. Jedes zweite Schloss ist rot und von Abus, fast ausnahmslos sind die Liebesbekundungen in hässlichen Schriftarten in die Oberfläche graviert worden. So auch bei dir.

Bitte! Nur zu! Macht es!

Ihr dürft mich nicht falsch verstehen. Ich bin ein großer Freund von Kunst im öffentlichen Raum a.k.a. Street Art. Ich finde es gut, dass die Bewohner einer Stadt selbst bestimmen wollen, wie die Plätze aussehen, die sie jeden Tag überqueren; ich finde es legitim, dass Menschen versuchen, jene Straßen zurückzuerobern, die ihnen der Kommerz weggenommen hat. Ich bin auch nicht prinzipiell gegen Partnerschaft, Beziehungen oder Liebe. Im Gegenteil: Ich bin selber glücklich liiert und freue mich über jeden, dem es genauso geht. Make love, not war! Diesen Satz würde ich sofort unterschreiben. Gleichzeitig würde ich es aber begrüßen, wenn nicht auf offener Straße kopuliert würde.

Klar, es besteht ein Unterschied zwischen Sex und Liebe. Mir geht es aber um den Aspekt der Intimität. Zuneigung zueinander, Liebe, was auch immer das heißt, ist etwas, das - zumeist - zwischen zwei Menschen besteht und erst einmal nur diese beiden Menschen etwas angeht. Das bedeutet nicht, dass man in der Öffentlichkeit nicht Händchenhalten oder Knutschen darf. Bitte! Nur zu! Macht es! Aber macht es bitte, damit ihr wisst, dass ihr einander liebt, nicht, damit andere es wissen. Oder wisst ihr erst, dass ihr euch liebt, wenn alle anderen um euch herum es wissen?



Liebesschlösser gibt es übrigens nicht nur an Brücken, sondern auch im Internet. Manch einem genügt es nicht, seine Liebesbekundungen per E-Mail oder Privatnachricht zu verschicken. Er muss sie an die öffentlich einsehbare Facebook-Pinwand der Geliebten heften, ein Herz, ein Spruch, ein Foto - auf dass ja jeder mitbekommt, dass die beiden sich lieben. Und auf dass die beiden das ja auch selbst mitbekommen. Eine gesteigerte und besonders schlimme Version dessen sind Pärchenfotos. Warum sollte ich Bilder sehen wollen, auf denen Freunde von mir miteinander kuscheln, knutschen oder sonst was treiben? Mir reicht es, dass meine Instagram-Timeline von Essen geflutet wird. Und wenn ich Menschen sehen will, die Zärtlichkeiten austauschen, schaue ich "Notting Hill", "Emmanuelle" oder "Malice in Lalaland".

Vielleicht können analoge und digitale Liebesschlosser sich ja verabreden und ihre Aktivitäten auf ausgewiesene Orte beschränken. Wer drauf steht, das andere ihm beim Sex zuschauen, fährt auf bestimmte Parkplätze und verlustiert sich dort, nimmt sich dabei auf und lädt seine Filmchen auf YouPorn hoch oder geht in den Swinger-Club. Wer Graffitis malen will, ohne strafrechtlich verfolgt zu werden, tut dies an legalen Wänden - sogenannten Walls of Fame. In Paris konzentrieren sich die Liebesschlösser auf den Pont des Arts, in Köln auf die Hohenzollernbrücke - über 40.000 von ihnen sollen an ihr angeschlossen sein. In Freiburg könnte man sich auf die Wiwilí-Brücke einigen; digitale Liebesschlosser könnten gemeinsame Internetplattformen gründen, auf denen sie sich gegenseitig mit Kuschelfotos zuballern.

Fazit: Eine Beziehung sollte man führen, nicht vorführen - vor allem nicht im Internet oder an Brücken.



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