Hörsaal ade! Studienabbrecher berichten

Andrea Perino

Das ist Jonas Erhardt, Mitbetreiber vom White Rabbit. Als der 26-Jährige erzählte, dass er sein Studium hinschmeißen will, um in einem Club einzusteigen, begann sein Vater zu weinen. Laut einer Studie entschließen sich jährlich 20 Prozent der Studierenden zum Abbruch ihres Studiums oder einem Fachwechsel. Dass dies nicht immer verkehrt ist, zeigen folgende Beispiele.



„Von meiner Persönlichkeit her wäre Studieren schon das Richtigere.“ Estella Schweizer (Bild unten), eine zierliche junge Frau mit kurzen blonden Haaren und hellen Augen, hat ihr Medizinstudium im neunten Semester abgebrochen. Stattdessen besucht die 25-Jährige seit anderthalb Jahren die Freiburger Schule für Ergotherapie.


Auf ihrem Stundenplan stehen neben handwerklichen Fächern, Pädagogik und Psychologie auch medizinische Themen wie Physiologie und Orthopädie – Fächer, die sie aus ihrem Studium kennt.

„Bis zum Physikum habe ich das Studium nicht in Frage gestellt. Trotz der schweren Klausuren war ich begeistert von dem Wissen, das uns vermittelt wurde. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass der Arztberuf mich nicht erfüllt“, erzählt Estella Schweizer. Die Zweifel kamen ihr im Hauptstudium. Die Klausuren setzten sie unter Druck. Sie war unzufrieden mit ihren Noten. Klinikpraktika ließen ihre Unsicherheit wachsen. „Ich habe gemerkt, wie knapp und unpersönlich der Kontakt zwischen Arzt und Patient in der Klinik oft ist, und mich in der Rolle als Ärztin unwohl und fehl am Platz gefühlt.“



Auch Jonas Erhardt (Bild oben) kennt solche Zweifel. Ende 2007 schmiss er sein Geschichts- und Germanistikstudium hin und wurde Mitbetreiber einer Kneipe. „Geschichte hat mich schon immer interessiert. Dass das mühsam sein kann, hab’ ich anfangs nicht bedacht. Deutsch war eine Notlösung, ich hätte lieber Musikwissenschaften studiert. Trotzdem hat mir das Studium anfangs Spaß gemacht. Ich lernte neue Leute kennen, feierte viel – die Uni lief so nebenher.“

Doch bereits im zweiten Semester schwand die Motivation, der 26-Jährige langweilte sich in den Seminaren und war unzufrieden mit den seiner Meinung nach unfundierten Vorträgen der Kommilitonen. Es beunruhigte ihn, mit seiner Fächerwahl kein konkretes Berufsziel vor Augen zu haben.

Weiterstudieren ist oft der Weg des geringsten Widerstands

Erfahrungen wie diese machen die meisten Abbrecher an deutschen Hochschulen. Laut einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) aus dem Jahr 2006 sind besonders in Fächern ohne genaues Berufsbild – etwa in den Sprach- und Geisteswissenschaften – die Abbrecherquoten verhältnismäßig hoch. Auch in den von Männern dominierten Studiengängen wie Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften erreichen überdurchschnittlich viele Studienanfänger keinen Abschluss. Fächer mit klarem Berufsbild wie Jura, Medizin oder Lehramtsstudiengänge verzeichnen hingegen überdurchschnittlich hohe Erfolgsquoten, was den Abschluss betrifft.



Trotz der Unsicherheit studierten Estella Schweizer und Jonas Erhardt weiter. Zunächst. Schweizer verbrachte zwei Auslandssemester in Lausanne. „Das Leben dort war geprägt von Natur, Kultur und dem Kontakt mit Menschen. Als ich zurückkam, habe ich gemerkt, wie sehr mir das hier in Freiburg fehlt.“ Sie flüchtete sich in ihren Job als Kellnerin; der Kontakt zu Studienfreunden schlief fast völlig ein. „Ich konnte die Gespräche über das Studium nicht mehr ertragen.“

Auch Jonas Erhardt besuchte irgendwann nur noch Pflichtlehrveranstaltungen. „Studieren war der Weg des geringsten Widerstands. Meine Eltern waren beruhigt. Ich war finanziell versorgt, es gab keinen Grund, etwas zu ändern.“ Doch bei beiden kam ein weit verbreitetes Gefühl auf: Prüfungsangst. Erhardt schob Prüfungen vor sich her, konnte sich nicht motivieren.

Weihnachten 2007 brach er zusammen, vergrub sich allein in seiner Wohnung. Nächtelang lag er wach, geplagt von Zweifeln und Panikattacken. Bis er das Angebot annahm, beim White-Rabbit-Club einzusteigen. Sein Vater weinte, als er davon erfuhr.



Estella Schweizer kämpfte mit dem wachsenden Druck im Studium: „Als ich mit einer Freundin über die anstehende Prüfung sprach, hatte ich das Gefühl, dass alle anderen mehr wissen als ich. Plötzlich bekam ich eine Riesenangst zu versagen. Ich war traurig und verzweifelt, gleichzeitig wollte ich diese Hürde unbedingt schaffen. Ich bin Perfektionistin und wollte auf keinen Fall scheitern.“ Ihr Vater versuchte, sie zu beruhigen, machte ihr Mut. „Ich habe mich im Bett gewälzt, geweint und mir den Kopf zerbrochen bis zwei Uhr früh. Irgendwann habe ich angefangen, mir ernsthaft Alternativen zu überlegen – und plötzlich hatte ich die Ergotherapie im Kopf.“

Mitten in der Nacht begann sie zu recherchieren. Die Ergotherapie, erklärt Schweizer, versuche Menschen zu helfen, die ihre Handlungsfähigkeit im Leben verloren oder gewisse Fertigkeiten noch nicht erlangt haben: Traumapatienten, Menschen nach Schlaganfällen, Kindern mit schlecht ausgeprägter Selbstwahrnehmung oder motorischen Schwächen.

Als der Entschluss gefallen war, fühlte sich Estella Schweizer befreit. „Ich hatte keinen Zweifel an meiner Entscheidung. Natürlich waren die meisten meiner Freunde erst mal geschockt, dachten es wäre eine Kurzschlusshandlung und haben versucht, mir die Tragweite dieses Schritts klar zu machen. Aber ich konnte jedes ihrer Argumente kontern.“

Estella Schweizer ist glücklich mit ihrer neuen Ausbildung. Anschließend will sie ein berufsbegleitendes Bachelor-Studium. Auch Jonas Erhardt ist sich sicher, das Richtige getan zu haben, auch wenn für ihn als freier Unternehmer einiges schwieriger ist. Eines weiß er sicher: „Zurück an die Uni führt mein Weg nicht.“



Studienabbrecher

Laut einer Studie der Hochschulinformationssystem GmbH entschließen sich jedes Jahr rund 20 Prozent aller Studierenden zum Abbruch ihres Studiums oder zu einem Fachwechsel. Ein knappes Fünftel davon nennt als Begründung eine berufliche Umorientierung, der Großteil strebt eine Ausbildung an. Für ebenso viele Abbrecher sind finanzielle Gründe ausschlaggebend.

Etwa 16 Prozent führen mangelnde Motivation an. Probleme mit Studienbedingungen und Prüfungen sind für 10 Prozent entscheidend. Für die Uni Freiburg gibt’s keine Zahlen, da bei einer Exmatrikulation keine Gründe genannt werden müssen.

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[Fotos: Thomas Kunz (1), Ingo Schneider (2, 3), dpa (4), fudder (5)]