Hocus Pocus in der Laiterie: Intelligente Klasse

Till Neumann

Wer die französische HipHop-Szene beobachtet, dürfte sie kennen: Hocus Pocus. Till hat die Combo um Ausnahmerapper 20Syl zum Interview getroffen, war beim Warm-Up im Einkaufszentrum dabei und sah gestern ihren Gig in der Laiterie in Strasbourg.



„Klar, wir mischen viele Stile, aber im Kern sind wir HipHop. Ein DJ, ein Rapper und Beats. Ich selbst habe angefangen wie jeder Rapper mit Plattenspieler und Mikro. Mein Flow ist HipHop, auch wenn ich Slam- und Gesangselemente einbaue. Wir brechen den starren HipHop auf, gehen ein Stück weiter, lassen andere Stile einfließen. Das ist das Besondere unserer Musik“, erklärt 20Syl, dessen Name sich „vänsil“ spricht, ein umgedrehtes „Sylvain“. So heißt er wirklich.




Inwiefern Hocus Pocus dieser Stilbruch gelingt, stellten sie gestern bereits vor dem eigentlichen Konzert klar - mit einer kleinen akustischen Einlage im Straßburger Einkaufszentrum FNAC. Begleitet mit Gesang und Gitarre von David Le Deunff (ebenfalls Hocus Pocus) rappte 20Syl fünf Stücke als Vorgeschmack auf das Album und die große Show am Abend.

Nicht nur dem Publikum, auch ihm selbst machen solche Einlagen viel Spaß: „So zu spielen ist ganz anders als auf einer großen Bühne. Nur mit Stimme und Gitarre kommen wir zur Essenz der Lieder. Es ist intimer, vielleicht sogar emotionaler. Mit David habe ich bei Akustikeinlagen einen super Vibe.“



Und in der Tat sind die beiden Shows nicht zu vergleichen. Das wird zwei Stunden später klar, noch bevor die Band auf die Bühne kommt. Denn der ohrenbetäubende Lärm eines frenetischen Publikums lässt jegliche Intimität des Vorabkonzerts vergessen.

Und dann der Startschuss. Licht, Nebel, Action. Drei Bläser, ein Keyboard, Schlagzeug, Bass, Gitarre. Dazu Dj Greem und natürlich 20Syl. Ein beim Interview ruhiger und zurückhaltender Kerl, der auf der Bühne zum energiegeladenen Wortakrobaten mutiert.

Mit teils poetischen, teils ironischen aber immer intelligenten Texten, die er leichtfüßig und emotionsgeladen vorträgt. Das neue Album heißt 16 Pièces (16 Stücke). Mal geht es um das Ableben von Michael Jackson, verbunden mit einer Kritik an der Medieninszenierung solcher Ereignisse, mal um nervige Popmelodien, verpackt in eine herrliche Selbstkritik, mal um die Frage ob er Papa werden möchte.

Dabei auch eine Zeile für das deutsche Publikum: Qui sait ce qu'il (mon fils) pourrait devenir? Toxico? Criminel? Ou pire: Fan de Tokio Hotel!  Übersetzt: Wer weiß, was er (mein Sohn) mal werden könnte? Drogenabhängig? Kriminell? Oder schlimmer: Fan von Tokio Hotel!



Die knapp zwei Stunden Konzert sind ein wahres Feuerwerk. Die Band groovt, das Publikum rockt mit, die Highlights kommen im Minutentakt. Eine Beatboxeinlage von 20Syl, eine Querflöte (bei einem HipHop-Konzert!), der Gastauftritt des amerikanischen Rappers Mr. J. Medeiros, eine super Soundabmischung, eine stylische Lichtshow im Motiv des Albums und in fast jedem Song eine Scratcheinlage.

Außerdem viel Interaktion mit dem Publikum und 20Syl voll im Element. Selten sieht man Rapper, die so positiv rüberkommen, und auch ohne Unterstützung ihre Strophen mühelos durchrappen. Selten sieh man eine so detailverliebte und perfekt ausgearbeitete Bühnenperformance. Die 22 € / 25 € Eintrittsgeld sind das zweifelsohne wert. Was Hocus Pocus präsentieren hat Klasse, vielleicht sogar etwa magisches – faulen Zauber sucht man jedenfalls vergebens.

[Fotos: Felix Réginent auf flickr]

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