Hochzeitsgäste: Eine Typologie

Johanna Schoener

Der rote Kringel im Kalender ist fett – unmöglich, ihn zu ignorieren. Am Wochenende heiratet meine Cousine. So richtig klassisch. Mit weißem Kleid, kirchlicher Trauung, blumenstreuenden Kindern, Walzer, Torte und dem ganzen Schnickschnack. Es ist nicht die erste Hochzeit, auf der ich dieses Jahr tanzen werde. Obwohl, tanzen? Da muss man schon Glück haben. Ich kann mir genau vorstellen, wie’s wird, ich kenne die Gästeliste.

   

Der überdrehte Brautvater

holt mich vom Bahnhof ab. Mein Zug hatte Verspätung und ich bin drauf und dran, das Ja-Wort zu verpassen. Deshalb muss der Brautvater auf dem Weg zur Kirche einen Schlenker fahren, um mich einzusammeln. Die Begrüßung ist pseudoherzlich: „Mensch, wir haben uns ja seit Jahren nicht gesehen.“ Umarmung, Küsse, das Gepäckstück ins Auto geschmissen und los geht die Fahrt. In seinem Jackett steckt eine alberne gelbe Rose. Das kann ja heiter werden, denke ich noch, bevor ich mich darum kümmere, auf den nächsten zwei Kilometern zwei mittelschwere Unfälle mit Vorsicht-Schreien zu verhindern. „ICH BIN NICHT AUFGEREGT“, sagt der rotwangige Brautvater in gereiztem Tonfall und stellt den Wagen gezielt ins Parkverbot. Das fängt ja gut an – mit einem schlechten Gewissen meinerseits. Vor der Kirche steht mein:

Lieblingscousin

„Na, Cousinchen, doch noch rechtzeitig?“, grinst er und umarmt mich. Na super, meine Beinahe-Unpünktlichkeit zieht soeben in der aufgetakelten Festgemeinde ihre Kreise. Zum Glück habe ich mich im Zug noch in Rock und Feinstrumpfhose geschmissen. Mein Lieblingscousin sieht mal wieder verdammt gut aus und ich muss daran denken, wie ich als Teenager für den sechs Jahre Älteren geschwärmt habe. Diese Mischung aus Großer-Bruder-Ersatz und Flirtpartner-ohne-Gefahr ist immer noch reizvoll. „Das Eva wirklich mal so eine Spießer-Hochzeit durchzieht, hätte ich nicht gedacht, aber kein Wunder bei der angeheirateten Verwandschaft“, sagt er mit abschätzigem Blick Richtung: 

Bräutigam


Der ist sichtlich nervös, spricht viel zu laut und guckt die ganze Zeit in Richtung Einfahrt. Zum beigefarbenen Anzug steht ihm die Blässe nicht gerade vorteilhaft zu Gesicht. Es ist nicht zu entscheiden, ob sie daher kommt, dass die Zukünftige auf sich warten lässt, oder ob es sich um eine Nachwirkung des Junggesellenabschieds von vorgestern handelt. Zum Glück sieht man die Eddingreste der Frauennamen nicht, die sich für zwei Euro auf seinem Bauch verewigen dürften, um auf diese Weise Wodkarunden zu sponsern. Was Eva heute Nacht wohl dazu sagen wird? Gesehen hat sie’s bestimmt noch nicht, denn, wie es sich gehört, verbrachte man die letzte Nacht in getrennten Betten. So ein Quatsch, dabei kennen die sich seit sechs Jahren. Der Bräutigam beauftragt seine Kumpels, auch alle noch etwas bleichlich, die Meute in die heiligen Hallen zu treiben. Eva kommt doch noch pünktlich, Hochzeitsmarsch ab, und an der Hand ihres Vaters lässt sie sich in die Kirche führen. Es dauert nur zwei Minuten, dann zückt meine

nah am Wasser gebaute Tante

schon ihr Taschentuch. Sie ist ein herzensguter Mensch und bei jedem annähernd feierlichen Anlass sofort gerührt. Allerdings gehört sie auch zu denen, die grundsätzlich zu tief ins Glas schauen. Kaum aus der Kirche raus, treffe ich sie – na wo wohl? – am provisorisch aufgebauten Sektstand. „Na mein Liebschen, komm mal her“, sagt sie mit vertraut tiefer Stimme und drückt mich an ihren Busen, der von einem wallenden Dritte-Welt-Laden-Kleid, pardon Eine-Welt-Laden-Kleid, verhüllt ist: „Sag mal, wann bist du denn an der Reihe?“ Das ist eine Frage, die mir an dem Tag noch öfter gestellt wird. Offensichtlich geht die ganze Verwandschaft davon aus, dass ich mich als nächste zum Standesamt begebe. Meine Tante werde ich nicht mehr los, bis wir im Festsaal angekommen sind. Mir ist schon ein bisschen schummrig, weil sie mich zwischen Erzählungen von ihrer eigenen Hochzeit, Fragen nach meinen Heiratsplänen und Entzückungsworten über das jungvermählte Paar mit Sekt abgefüllt hat. Die unentspannteste Person im Festsaal ist:

die Hochzeitsplanerin

Keine Angst, so verrückt, dass sie eine Professionelle für diesen Job engagiert hat, ist meine Cousine auch wieder nicht. Wobei, vielleicht hätte sie gut daran getan. Denn ihre Freundin, die sich diese Aufgabe unter den Nagel gerissen hat, wirkt, als sei sie am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Soweit es das lange enge Satinkleid und die hochhackigen Schuhe zulassen, rennt sie ausholenden Schrittes zwischen den Gästen hin und her und kontrolliert, ob sich auch jeder an den für ihn vorgesehenen Platz setzt. Gleichzeitig bemüht sie sich, die geplanten Vorführungen für das Jubelpaar zu koordinieren. „Es ist halt ärgerlich, dass fast niemand auf meine Mail reagiert hat, dann hätte ich das im Vorfeld regeln können“, wird sie nicht müde, zu erwähnen. Die letzten zwei Wochen hat sie sich Urlaub genommen, um sich ganz auf die Hochzeit konzentrieren zu können, mit allem was dazu gehört: Planungsteam zusammenstellen, Telefonkonferenzen abhalten, Aufgaben delegieren. Unnötig zu erwähnen, dass sie selbst seit Jahren Single ist und sowas von auf der Suche. Bei ihrem verbissenen Auftreten heute wundert es mich ehrlich gesagt nicht, dass die bisher erfolglos war. Nach einigem Herumstolpern habe ich meinen Platz gefunden. Dem Himmel sei Dank, ich sitze gegenüber von 

meinem Bruder.


Herrlich! So kann ich mir wenigstens beim Essen den angstrengenden Small-Talk schenken. Dafür weiß ich, dass nun definitiv die Gefahr besteht, bei dieser Feierlichkeit in feuchter Fröhlichkeit zu versumpfen. Natürlich war mein Bruder der erste am Tisch und hat vorsorglich schon mal zwei Pils organisiert. „Auf deine Hochzeit, du bist doch die Nächste, oder Schwesterherz?“, grinst er und prostet mir zu. „Klar, und dich engagiere ich als Hochzeitsplaner“, gebe ich zurück. Hast du schon das rosa Kleid von X gesehen? Die sieht aus wie ein Bonbon. Und dieser Typ mit den zurückgeschleimten Haaren, der gehört aber nicht zu unserem Familienteil, oder? Meine Güte, die Tante Y ist schon wieder total betrunken – die üblichen Lästereien unter Geschwistern eben, die Rettung aus feierlicher Langeweile. Wir werden allerdings unterbrochen, Evas nun offizieller

Schwiegervater

klopft an sein Glas. Natürlich, es gab ja noch gar keine Reden! Während ich unauffällig versuche, die Garnele auf meinem Salat elegant zu schälen – was mir nur bedingt gelingt – höre ich Wortfetzen wie „mutige Entscheidung“, „freuen uns auf Enkelkinder“,  „immer gewusst“, „gemeinsame berufliche Pläne“ und so weiter. Schließen schließt der Schwiegervater seine Rede mit „Es ist was es ist“ von Erich Fried. Oh yes! Für meinen Geschmack hat er für diesen Anlass ein bisschen viel über Scheidungen geredet, über Paare, die zu schnell aufgeben, die schnelllebige Zeit und zu wenig Durchhaltevermögen. Erstens sind wir hier immer noch auf einer Hochzeit, auf der ich als Braut wenigstens in dem Moment nicht an Scheidung denken wollen würde und zweitens hat der Gute dabei wohl vergessen, dass die Eltern von Eva frisch getrennt sind und ziemlich verkrampft nebeneinander aus der Wäsche gucken. Feingefühl scheint nicht gerade die Sache der angeheirateten Verwandschaft und Bekanntschaft zu sein. Zumindest deutet auch der spätere Auftritt der 

Kumpels des Bräutigams

nicht daraufhin. Die drei – unter ihnen übrigens der mit geschleimten Haaren – präsentieren eine Diashow mit Schnappschüssen des Bräutigams, unterlegt mit dem Soundtrack seiner Jugend. Nette Idee, aber es gibt Details, die sie dazu besser nicht ins Mikrophon hätten grölen sollen: Gut, dass er damals im Skilager immer das Feuer auspinkeln musste, ist eine Information, die zwar nicht sonderlich spektakulär ist, aber auch keinem weh tut. Was er mit seinen Kumpels in der Sauna gemacht hat, ist in diesem Rahmen schon weniger angebracht, zu erwähnen. Ich gucke zu Eva. Die nimmt’s mit Humor, während ihr Mann etwas verschämt in Richtung seiner Schwiegermutter schielt. Ach, irgendwie sind die drei ganz süß und Mühe haben sie sich gegeben. Wenn nur am Ende ihres Auftritts nicht noch der Faux-Pas mit der

Exfreundin

des Bräutigams gewesen wäre. Unter großem Applaus wird sie auf die Bühne bestellt – als Erstes fällt auf, dass sie optisch genau das Gegenteil von meiner Cousine ist: lange blonde Locken, groß, sehr schlank. Die drei Kumpels wirken allesamt, als wären sie selber scharf auf sie gewesen. Die Exfreundin soll nun also erzählen, warum der Bräutigam so ein toller Typ ist. Offensichtlich wurde sie vorher nicht über den Auftritt informiert und steht erstmal etwas ratlos vor den anderen Gästen. Sie versucht, das Beste draus zu machen und erzählt, wie er damals mit romantischen Überraschungen versucht hat, sie zurückzugewinnen, nachdem sie ihn verlassen hatte, weil er ihr zu langweilig war. Tja, wie so oft: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint… Mindestens einer im Raum wird es jetzt zu bunt: 

Die Braut

verlässt den Saal. „Jetzt geh schon hinterher, du Idiot“, zischt ihre Mutter dem Schwiegersohn zu. Der zieht mit strafendem Blick an seinen Kumpels vorbei und folgt seiner Frau. Eva sitzt draußen in ihrem nicht mehr ganz blütenweißen Kleid. „Du hattest deine Scheißkumpels noch nie im Griff“, klagt sie, „und warum du deine Ex unbedingt einladen musstest, kapiere ich eh nicht. Klaus ist ja schließlich auch nicht hier“, verweist sie auf ihren Verflossenen. „Ja, der ist auch in Südamerika, seit er dich sitzen gelassen hat“, so die in diesem Moment definitiv ganz falsche Antwort ihres Mannes. Der besinnt sich aber, als er sieht, wie Eva die Tränen aufsteigen. Stupsnase, feuchte Augen, eine gezielt tragische Handbewegung, um die Haare aus dem Gesicht zu streichen – das Kindchenschema hat bei ihr schon immer gezogen. Ich erinnere mich noch, aus wievielen Streits in unserer Kindheit ich als Verliererin hervorgegangen bin, weil ich vor unseren Eltern nie zu solch unlauteren Mitleidsmitteln gegriffen habe. Gnädig lässt sich die Braut überreden, nun endlich die Hochzeitstorte anzuschneiden. Zwei Hände mit zwei Ringen auf dem Messer, 100 digitale Bilder und dann spielt der 

DJ

zum Hochzeitswalzer auf. Meiner Meinung nach ist ein guter DJ wirklich eine Investition, die sich auf solchen Festen lohnen würde. Aber komischerweise sparen die meisten Menschen daran und engagieren einen Freund, der allein wegen der Gigabyte-Zahl seiner Musik auf dem Rechner den Auftrag erhält. Quantität statt Qualität. Zugegeben – musikalisch einen gemeinsamen Nenner bei Gästen aus mindestens drei Generationen zu finden, ist schier unmöglich. Aber diese grauenhafte Kombi aus einer halben Stunde Walzer, danach Rock Classics, Schlager und Oldies abwechselnd, ist eine Zumutung. Der Job als DJ ist wahrlich undankbar. Von allen Seiten wird er bestürmt – spiel doch mal dies, spiel doch mal das – und jeder möchte sich durch die Playlist seines Laptops klicken. Einer lässt sich nicht beirren, auch nicht durch Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir…“: 

Der Single

Hätte man sich denken können, dass der mit den zurückgeschleimten Haaren auf dieser Hochzeit in der Hoffnung tanzt, selber unter die Haube zu kommen. Vielleicht will er auch nur seinen Spaß. Jedenfalls hat er die Nerven, mich zum Disco-Fox aufzufordern. Dabei war ich eben noch so froh, dass ich beim Walzer unter großem Gelächter nur meinem Bruder auf die Füße treten musste. „Ist das nicht wunderschön, dass Eva sofort ja gesagt hat? Wer hätte gedacht, dass mein alter Freund Markus so romantisch veranlagt ist und ihr den Antrag wirklich bei diesem Rundflug macht…“, schreit er gegen „Ist es wahre Liehiebäh“ von Marianne an, während ich es dieses Mal bin, der auf die Füße getreten wird. Hilfesuchend schaue ich mich um. Und gerade, als der Single mir irgendwas über mein tolles Outfit ins Ohr brüllt, befreit mich mein Lieblingscousin aus seinem entschlossenen Griff.



Bei „Let’s twist again“, löst sich das Paargetanze und die Anspannung endlich auf. Alle Typen – Singles, Geschiedene, junge Familien, Braut und Bräutigam, Eltern, Geschwister, Tanten, Onkels und sogar die Hochzeitsplanerin – tanzen durcheinander. Auf einmal ist doch noch alles gut – vielleicht liegt’s am Alkohol, vielleicht daran, dass alle froh sind, dass größere Eklats abgewendet werden konnten, vielleicht, weil eine Hochzeit letztlich doch ein schöner Anlass ist. Ich weiß schon, nicht alle Hochzeiten sind so wie diese. Aber es gibt verdammt viele. Jedes Mal frage ich mich, ob nicht das Brautpaar am allerwenigsten davon hat. Die Nächste werde ich bestimmt nicht sein und sollte ich jemals heiraten, dann hoffentlich ganz anders. Aber immerhin: Es wurde getanzt!

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