Hochrad: Ein Fahrrad mit Aussicht

Tamara Keller

Wenn Wiebke Gerhardt durch die Stadt fährt ist sie nicht zu übersehen: Denn sie fährt ein Hochrad. Gebaut wurde das von Oliver Baur, der "Cycloholic" im Stühlinger betreibt - eine Werkstatt für ungewöhnliche Fahrräder. Warum Hochräder die Hemmschwelle bei Fremden senken - und wie es ist darauf zu fahren:



Wiebke Gerhardt ist nicht zu übersehen als sie zu unserem Treffpunkt angefahren kommt: Sie fährt nämlich ein Rad dessen Hockerhöhe rund 36 cm höher ist als die eines normalen 36-Zoll-Rades. Es ist ein Hochrad. Aber die Höhe allein macht das spezielle Fahrrad nicht aus: Denn es ist von den Pedalen, über die Rahmenstange bis zum Lenker hin neon-pink.


“Mit was bist du hier?”, fragt mich die 29-Jährige als erstes. “Zu Fuß”, antworte ich fast schon beschämt darüber, dass ich nicht daran gedacht habe mein - ganz normales - Fahrrad mitzunehmen. “Ich würde dir gerne den Mann vorstellen, der die Hochräder baut. Der Fahrradladen ist auch gut zu Fuß zu erreichen. Bist du interessiert?” Natürlich bin ich das! Vor meinem inneren Auge sehe ich schon einen Fahrradladen voller verrückter Hochräder.

Die gibt es im Laden von Oliver Baur leider nicht. Viel zu entdecken gibt es bei "Cycloholic – Der Laden" im Stühlinger Gewerbehof aber trotzdem: Überall stehen und hängen normale Fahrräder, Teile davon oder auch einfach nur Fahrradreifen.

Einige exotischeren Werke sind ringsherum auf Regalen ausgestellt. Über der Eingangstür steht ein graues Rad, dass nur aus alten Fahrradgabeln zusammengebaut wurde, hinter der Theke befindet sich ein weiteres Fahrrad, dass von der Form her einem Motorrad gleicht und mit seinem samtroten bezogenen Sitz auch ein kleines bisschen edel aussieht. “Wie man sieht sind die Hochräder nur ein Teil von vielem. Sie sind für mich ein nettes Nebenprojekt, um unter anderem junge Menschen wie Wiebke auszustatten,” sagt Oliver Bauer.



Weit und breit ist außer Wiebkes, jedoch kein weiteres Hochrad zu sehen. “Das liegt daran, dass ich neben meiner Bastlerei auch versuche einen ganz normalen Fahrradservice anzubieten”, sagt der 39-Jährige. Unter dem Namen “Cycloholic” arbeitet er schon seit zehn Jahren. “Im Grunde genommen habe ich zwei Standbeine. Auf der einen Seite bin ich Künstler und um auch ein bisschen Sicherheit zu haben habe ich nun seit drei Monaten den Fahrradladen.”

Die Hochräder, die der Freiburger jetzt konstruiert, sind alle Ergebnisse von Internetrecherche. “Ich hab die Websiten von verschiedenen Ami-Tüfftlern besucht.” Der Hochrad-Hype - dort heißen die Räder "Tallbikes" - selbst kommt auch aus den USA, ist aber gar nicht so neu: “Es gibt Fotos aus den 50er Jahren die eine Familie mit Hochrädern zeigen, die nur aus Bettgestellen zusammengebastelt wurden," sagt Oliver. “In den Vereinigten Staaten ist das ein viel verbreiteteres Phänomen als in Deutschland. Die Deutschen schlafen mal wieder ein bisschen. Ich versuche, dagegen zu wirken.”

Seinen ersten Prototypen beschreibt der Fahrradexperte jedoch als einen Haufen Schrott. Trotzdem war der Spaß für Olli ganz schnell da. Acht oder neun Hochräder hat er mittlerweile schon gebaut, davon wurden vier Stück für Kunden zum Verkauf angefertigt - eins davon ist Wiebkes Rad.

“Am Anfang hätte ich das niemals gedacht, aber auf dem Hochrad fühle ich mittlerweile viel sicherer,” sagt Wiebke. “Man fühlt sich einfach wie abgekoppelt vom Boden und kann über alle Büsche hinwegsehen.” Da Hochrad ist rund 36 cm höher als ein reguläres Rad - es ist fast so, als würde man auf einen normalen Fahrradrahmen einen weiteren draufsetzt.

Für Wiebke zählen vor allem die Tatsachen, dass sie durch die ungewohnte Höhe, eine viel bessere Übersicht beim Fahren hat. Aber auch die Autofahrer, sehen sie viel früher und bremsen meistens schon früher ab. “Der Zirkuseffekt sorgt in diesem Fall für ein Sicherheitsplus”, sagt Oliver.



Das Hochrad gibt Wiebke oft auch die Möglichkeit mit Leuten ins Gespräch zu kommen: “Es gibt genau drei Dinge bei denen die Menschen ihre Hemmschwelle auf der Straße gegenüber fremden Personen vergessen: Du hast einen Hund, du hast ein kleines Kind oder du hast eben ein Hochrad.” Die Kommunalberaterin für neue Energien ist dann auch gerne mal dazu bereit, neugierige Nachfrager direkt vor Ort eine Probefahrt machen zu lassen. “Den meisten sieht man an, dass es für sie ein positives Erlebnis ist", sagt Wiebke. "Man sieht so ein gewisses Leuchten in den Augen.” Durch das Hochrad hat Wiebke sehr viele Leute kennengelernt, die nun zu ihrem engen Freundeskreis zählen. “Eine echte Kuppelmaschine eben”, fügt Oliver hinzu.

“Und jetzt bist du dran!”, sagt Wiebke zu mir. Ob wohl meine Augen auch leuchten werden, wenn ich auf dem Sattel sitze? Doch erstmal muss ich da hoch kommen. Etwas unbeholfen versuche ich, den Lenker mit beiden Händen festzuhalten. Meinen linken Fuß will ich auf das Pedal stellen, während der Rechte in die Schwunghol-Position geht. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Was ist, wenn ich umfalle? Ich fühle ich mich an die Zeit erinnert, in der mein Papa das erste Mal die Stützräder von meinem Fahrrad abmontierte. Nur dass ich jetzt etwas fahren will, das ungefähr fünfmal so hoch ist wie mein altes Kinderfahrrad von damals.

Mein erster Versuch scheitert dann auch - Ich schaffe es nicht, genügend Schwung zu holen, um mein rechtes Bein über den Sattel schwingen zu können. Beim zweiten Mal klappt es! Ich sehe die Welt von weiter oben. Hätte Oliver das Fahrrad nicht festgehalten, dann hätte ich wohl eher alles aus dem Blickwinkel von unten gesehen. Ich genieße die Runde im Hof. Bis mir klar wird: Hilfe, wie komme ich hier jetzt wieder runter?

Auch das Absteigen ist mehr Kopf- als Körpersache. Erst beim dritten Mal schaffe ich es, abzusteigen ohne das Olli das Rad festhalten muss. Da ist noch viel Übung nötig. Aber Wiebke lässt mich sicher mal wieder fahren, wenn ich ihr zufällig in der Stadt begegne.



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