Hoch lebe das stasiVZ – aber bitte ohne mich!

Christian Deker

Viele Klicks dank ausgeforschter Interessen: Mit personalisierter Werbung will studiVZ endlich richtig Geld aus den Millionen Nutzern machen. Bis zum 9. Januar müssen alle studiVZ-Nutzer einer neuen Datenschutzerklärung zustimmen, sonst fliegen sie raus. fudder-Autor Christian Deker fragt sich: der letzte Tropfen ins ohnehin schon volle Fass, um das verhasste Profil endgültig zu löschen?



"Es geht beispielsweise darum, dass Frauen keine Werbung für Rasierer bekommen." So wird StudiVZ-Pressesprecher Dirk Hensen auf Spiegel Online zitiert. Im neuen Jahr will die Online-Community ihren Werbekunden endlich anbieten, was anderswo im Internet längst Standard ist. Personalisierte Werbung – das heißt Reklame für Produkte, die genau auf die Interessen und Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt ist.


Die relevanten Informationen, die Werbefirmen heute schon mit Hilfe von so genannten Cookies erheben, will studiVZ sich ganz einfach aus den Profildaten besorgen. Ein solcher Schritt könnte für die Nutzer unangenehm werden. Ohnehin wird das studiVZ schon von Personalabteilungen und Professoren benutzt, um Informationen über Bewerber und Studenten einzuholen. Peinliche Partybilder, das Bekenntnis zu sexuellen Vorlieben oder auch nur die Liebe zu einem Fußballverein. Was für viele eine belanglose Information oder nur ein Spaß ist, kann schnell zur Fußangel werden.

Dass hinter studiVZ in erster Linie kommerzielle Interessen stecken, muss jedem spätestens seit dem 85-Millionen-Verkauf an den Holtzbrinck-Verlag klar sein. Kommerzielle Interessen sind ja auch völlig legitim. Aber: Wo sind die Grenzen? Die meisten studiVZ-Nutzer haben sich im Glauben registriert, bei einem kostenlosen und harmlosen Online-Netzwerk gelandet zu sein. Über Monate hinweg entwickelte sich daraus aber ein Mammut-Verzeichnis mit nach Betreiberangaben über 4 Millionen Nutzern. Statt Studenten, die mit ihrem kleinen Start-Up tolle Arbeit geleistet haben, sitzen nun "CEOs" in der Chefetage, die zuvor für andere große europäische Unternehmen gearbeitet haben.



In einer E-Mail wurden alle studiVZ-Nutzer am 13. Dezember über die Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) informiert. Wer bis zum 9. Januar nicht zugestimmt hat, kann sich nicht mehr einloggen. studiVZ bestreitet, die Daten an andere Firmen weiterzugeben oder Dritten Einsicht in die Daten zu ermöglichen. Es gehe lediglich darum, die Werbeeinblendungen auf den einzelnen Nutzer abzustimmen. Im Einzelnen würden dafür die Angaben zu Alter, Geschlecht, Wohnort, Uni-Standort und Fachrichtung genutzt. Die Werbekunden würden lediglich pauschal die Zielgruppe buchen, die Einblendungen aber studiVZ selbst vornehmen.

In den neuen AGB findet man unter Punkt 5, dass StudiVZ die bei der "Registrierung mitgeteilten Daten (z.B. Geschlecht und besuchte Hochschule, Studiengang/-richtung, Interessen, Clubs/Vereine, Musikrichtung/Bands, Lieblingsbücher/-filme etc.) nutzt". Letztlich sollen also persönliche Daten professionell vermarktet werden, die von den Nutzern einmal im guten Glauben hergegeben wurden, den Freunden ein paar Informationen über sich zu geben. Studenten, die sich ab dem 9. Januar neu anmelden, können der Datennutzung überhaupt nicht widersprechen. Und wer sein Profil löscht, hat danach zwar zu den Daten keinen Zugang mehr, diese werden aber gemäß Punkt 3.3 der AGB weiterhin genutzt.



Schließlich soll man nach Punkt 6 der AGB auch zustimmen, Werbung über seine E-Mail-Adresse, Mobilfunk-Nummer und Messenger-ID zu erhalten. Zwar kann man dagegen in den Datenschutzbestimmungen widersprechen. Aber so lange man sich nicht regt, werden die Daten für das alltägliche Werbe-Bombardement freigegeben. Der Begriff "stasiVZ", wie das studiVZ immer wieder ironisch bezeichnet wird, ist so langsam gar nicht mehr so fehl am Platz.

Es gibt scheinbar nur zwei Wege aus dem Dilemma: entweder das Profil komplett zu löschen, oder die Daten soweit zu reduzieren, dass damit kein Schindluder mehr getrieben werden kann. Ich werde mich wohl fürs Löschen entscheiden – aber bis zum 9. Januar ist ja noch ein bisschen Zeit.

Fotos: sxc.hu/studiVZ, Montage: cd

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  • studiVZ: Neue AGB http://www.myspace.com/wirsindhelden" titel="">