HIV-Test: Wenn "negativ" positiv ist

Christoph Müller-Stoffels

In Toronto tagt die bislang größte Weltaidskonferenz. Aids ist nach wie vor eine der gefährlichsten Krankheiten. Impfen kann man sich nicht, aber testen lassen. fudder-Praktikant Christoph hat selbst einmal einen HIV-Test durchführen lassen.



Als ich unter der Dusche stehe, bin ich nervös. Gleich werde ich das Ergebnis meines ersten HIV-Tests abholen. Was, wenn ich positiv bin? Ich gehöre keiner Risiko-Gruppe an und wüsste nicht, wo ich mich infiziert haben könnte. Andererseits war ich im Winter zwei Monate in Indien. Ob ich mir dort etwas durch offene Wunden geholt habe? Ich wüsste nicht wann, aber kann ich sicher sein?


Mir geht durch den Kopf, wie sich mein Leben wohl verändern würde, wenn das Ergebnis postitv wäre. Vor einer Woche wurde mir das Blut abgenommen. Da bleibt eine Menge Zeit, um sich Gedanken zu machen. Ich habe mich für einen Test beim Gesundheitsamt entschieden. Der ist kostenlos und anonym. Im Unterschied zu Ärzten, wo man den Test bezahlen muss, bekommt man das Ergebnis nur mündlich mitgeteilt.

Die Zahl der Neuinfizierungen liegt in Deutschland derzeit bei etwa 2000 bis 2500 pro Jahr. Was, wenn ich einer davon bin? Es ist Zufall, dass ich gerade zum Beginn der bislang größten Weltaidskonferenz in Toronto das Ergebnis meines Tests abholen darf. Während ich eine Tasse Instant-Kaffee trinke, versuche ich mich zu beruhigen.

Die Ansteckungswahrscheinlichkeit liegt bei den meisten Übetragungswegen nur zwischen 1:100 und 1:1000. Wichtigste Ausnahme ist die Übertragung von der Mutter auf das Kind während der Geburt, wo die Wahrscheinlichkeit bei 15 Prozent liegt. Noch höher ist sie bei verseuchten Bluttransfusionen. Hier beträgt das Infektionsrisiko 95 Prozent. Ich habe bislang noch keine Bluttransfusionen bekommen.

Vor ein paar Tagen habe ich meine Freundin gefragt, wie sie auf ein positives Ergebnis reagieren würde. “Ich würde dich noch mehr lieben”, sagte sie, “ich hätte ja dann weniger Zeit.” So etwas hilft. Aids gilt immer noch als unheilbar. Eine Prophylaxe gibt es noch nicht, auch wenn fieberhaft nach einem Impfstoff gesucht wird. In Deutschland sind Frauen immer noch weniger gefährdet.

85 Prozent der Neuinfizierten in Deutschland sind Männer, 70 Prozent haben sich beim Sex mit Männern angesteckt. Dass Aids aber mitnichten wie lange behauptet eine “Schwulenseuche” sei, zeigt das Beispiel Afrika. Fast 26 Millionen Menschen waren allein südlich der Sahara mit dem Virus infiziert. Das Geschlechterverhältnis ist dabei ausgeglichen. Die weltweit höchste Aids-Rate hat Swasiland, wo 2005 42 Prozent der Bevölkerung infiziert waren.

Ich mache mich auf den Weg zur Beratungsstelle. Den Regen bemerke ich kaum, ich bin mit anderen Dingen beschäftigt. Im Wartezimmer der Beratungsstelle versuche ich mich abzulenken. Als ich zum Blut abnehmen kam, musste ich nicht warten. Nun ist die Tür zu und im Wartezimmer sitzt außer mir noch eine junge Frau.

Neben diversen Plakaten, die auf die Wichtigkeit des Kondomgebrauchs hinweisen, hängen auch die aktuellen HIV-Statistiken des Robert-Koch-Instituts an der Wand. Es ist merkwürdig, wie anders ich die heute wahrnehme. Der Zahlenhaufen hat plötzlich eine erschreckende Bedeutung.Endlich geht die Tür auf und ich darf ins Büro zu Anita Ruess. Sie ist als Sozialarbeiterin angestellt. Dank ihrer Ausbildung als Krankenschwester darf sie auch Blut abnehmen. Das Gesundheitsamt müsste sonst eine Ärztin dafür einstellen.

Frau Ruess erzählt mir von ihren Erfahrungen, wenn sie das Testergebnis mitteilt. Drei bis fünf Mal pro Jahr muss sie die negative Botschaft vom positiven Test übermitteln. Die Reaktionen sind unterschiedlich. Manche nehmen es sehr gefasst auf, haben bereits damit gerechnet. Andere brechen zusammen, schlagen den Kopf gegen die Wand. Oder sie weigern sich, der Sozialarbeiterin zu glauben. Allerdings ist der Test sehr genau. 99,9 Prozent der Infizierten erhalten auch ein positives Ergebnis. Die Wahrscheinlichkeit eines falsch-positiven Ergebnisses liegt bei 0,2 Prozent.

Um mit Sicherheit von einer Infizierung sprechen zu können, muss deshalb ein zweiter Test gemacht werden. Nicht alle kommen für einen zweiten Test wieder. Frau Ruess bemüht sich, ihn gleich zu machen, nachdem sie das erste Ergebnis mitgeteilt hat.

Ist das Ergebnis negativ, kommt es auch vor, dass ihr Menschen um den Hals fallen. “Das sind die Momente”, sagt die sympathische Frau lächelnd, “um die mich meine Kolleginnen beneiden.” Es kommt meistens dann vor, wenn sich jemand leichtsinnig in Gefahr begeben hat. Zwar seien Männer, die Sex mit Männern haben, immer noch die am stärksten gefährdete Gruppe, aber Heterosexuelle würden nachlässiger, der Kondomgebrauch ginge zurück.

Als ich das Büro verlasse, hat sich das Wartezimmer gefüllt. Die Stimmung ist angespannt. Wer hier sitzt und sich keine Gedanken über sein Leben macht, hat etwas nicht verstanden. Ich trete wieder in den Regen. Auch diesmal stört er mich nicht, aber das hat jetzt andere Gründe. Ich fühle mich ein bisschen wie neu geboren.

Mein Ergebnis war negativ.

Ich nehme die Welt jetzt anders wahr. Ich freue mich, dass ich lebe, freue mich, dass ich gesund bin. Das Leben ist genial, wunderschön! Ich werde es jetzt noch mehr genießen. Und ich werde noch vorsichtiger sein.

Mehr dazu:

 
  • Hier findet Ihr Adresse, Telefonnummer und Sprechzeiten der Aids-Beratungsstelle des Gesundheitsamtes Freiburg.
  • 2005 sind weltweit über 3.100.000 Menschen an Aids gestorben, es gab gleichzeitig 4.900.000 Neuinfektionen. Insgesamt leben 40.300.000 Menschen mit HIV/Aids. Die Zahlen für Deutschland und die Welt veröffentlicht das Robert-Koch-Institut.
  • Über die Herkunft von Aids herrscht weiterhin Unklarheit. Es ranken sich diverse Verschwörungstheorien um die Krankheit. Eine sieht im HI-Virus eine Biowaffe des US-Militärs. Eine Gruppe von Forschern glaubt dagegen nicht, dass ein Virus für Aids verantwortlich ist. Die Homepage gibt es hier.
  • Im Oktober 2003 deckte der britische Fernsehsender BBC in einer Reportage auf, dass Priester, Nonnen und katholische Sozialarbeiter auf direkte Weisung des Vatikans überall in der Dritten Welt verbreiten, Kondome böten keinen Schutz vor Aids. Einen Bericht darüber, der damals in der Netzzeitung stand, findet Ihr hier.