Hitze, Pfusch und Alkohol

Lilian Kaliner

Lilians Fazit nach zwei Monaten Buckeln auf einer australischen Kirschfarm: Nie wieder mit Australiern zusammenarbeiten! Die letzten Hitzewochen haben geschlaucht. Am Fließband fielen die Mädchen regelmäßig um. Abkühlung gab's nur im siffigen Wasserloch.



Wir haben es geschafft. Gestern war der letzte Tag der Kirschsaison. Wegen der Hitze reiften die Früchte schneller als gedacht, jetzt haben wir unseren Van gepackt. Zwei Monate Kirschenpacken, am Ende auch Kirschenpflücken, ich kann jetzt ehrlich keine Kirschen mehr sehen. Gestern haben wir verzweifelt versucht, die dicke Staubschicht zu beseitigen, die sich auf alles gelegt hatte.


Ein Kampf, den man gegen den staubigen Boden unserer Farm nicht gewinnen kann. Die Zeit auf der Kirschfarm war ein Erlebnis. Wir haben die verschiedensten Leute kennengelernt und das Leben in einer australischen Kleinstadt. Es fällt uns schwer, Young zu verlassen. Es war uns zeitweise ein Zuhaus. 
Die Arbeit der letzten beiden Wochen war sehr anstrengend, da die richtigen Pflücker bereits gefahren waren. Es gab nicht mehr genug zu ernten. Also musste die Packcrew morgens Pflücken und Mittags Packen. Pflücken hat uns allen am Anfang viel Spaß bereitet, es war eine Abwechslung und nicht so laut wie in der Shed.



Doch als dann die Hitzewelle kam und wir bei knapp 40 Grad an die neun Stunden pflücken mussten, war der Spaß vorbei. Wir fluchten, schimpften und ersehnten das Ende der Saison. Da half es auch nicht viel, dass der Farmer mit eisgekühlter Cola die Gemüter beruhigen wollte.

Bei solch hohen Temperaturen verlangsamt man schnell die Bewegungen, was bei einer Bezahlung nach gepflückten Kisten bei allen zu einem unglaublichen Stundenlohn von knapp vier Euro führte. Das war gemein und wahrlich keine Motivation.

Die Australier haben die Hitze ziemlich gut weggesteckt, sie sind es ja gewöhnt. Doch die Deutschen haben kämpfen müssen. Patrick musste sich, vermutlich in Folge eines Sonnenstichs, über zwei Tage hinweg übergeben. In der Shed, wo es auch nicht viel kühler war, vielen die Mädchen am Fließband regelmäßig um. Ihnen wurde von der Hitze und von dem vorbeiziehenden Fließband einfach schlecht.



Wie gesagt, das war insgesamt die unangenehme Ausnahme. Als der letzte Baum gepflückt war, sind wir alle samt Klamotten in den Damm gesprungen. Das war unser Freiheitsprung. Es störte uns in diesem Augenblick nicht, dass aus der braunen Siffbrühe eigentlich die Kühe trinken. Zwanzig Leute in einem braunen Wasserloch. Gut, dass unser Japaner auch davon Fotos gemacht hat.

Fazit nach zwei Monaten Kirschfarm: das Reisekonto ist voll, die Hälfte unserer Kleider unwiderruflich versaut; viele tolle Erlebnisse und der Wunsch, nie wieder mit Australiern zusammenzuarbeiten. Nicht, dass es mit ihnen keinen Spass machen würde. Australier machen ununterbrochen Späße und sehen alles locker. Da lag auch das Problem. Patrick ist als Aufseher in der Shed an der Unpünktlichkeit schier verzweifelt. Er hatte betrunkene Arbeiter und klagte: "Was sie machen, ist Pfusch, bis sie es machen, dauert’s ewig und während sie es machen, trinken sie Bier!" Stimmt leider, auch wenn es so nie langweilig wurde. Der Farmer war ganz begeistert von der deutschen Organisation und hat uns angeboten, nächstes Jahr am ersten Oktober wieder zu kommen. Wir werden sehen, ob wir dann wieder Lust auf Kirschen haben.

In einer Stunde fahren wir direkt in die Hauptstadt Canberra. Gute zwei Stunden sollte die Fahrt dauern, dann werden wir zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder einen Schlafplatz suchen. Vorher verschicken wir noch schnell die Weihnachtspäckchen an unsere Eltern.

Das Abschiedsgeschenk unseres Farmers waren fünf Kilo Kirschen. Jipphie!