Hitler im Jogginganzug und Chucks: So war’s bei "Er ist wieder da" im Wallgraben Theater

Dorothea Winter

Das Wallgraben Theater spielt die Satire "Er ist wieder da" nach dem gleichnamigen Roman von Timur Vermes. Eine Was-Wäre-Wenn-Geschichte der anderen Art: Adolf Hitler taucht nach 71 Jahren mitten in Berlin aus dem Nichts auf.

Die Handlung

Adolf Hitler erwacht im Jahr 2011 vor einem Berliner Kiosk wieder zum Leben – und das in seiner Originialuniform von 1945. Nach anfänglicher Irritation über die Umstände, gewinnt er die Gunst des Kioskbesitzers. Dieser hält ihn für einen mittellosen, aber genialen, Hitler-Komedianten. Der geschäftstüchtige Kiosk-Besitzer stellt den vermeintlich begabten Schauspieler TV-Produzenten vor.

Diese sind von seiner Darbietung derart überzeugt, dass sie ihn in ihr TV-Programm aufnehmen und Hitler der neue Star am Privatfernsehen-Himmel wird. Machtversessenheit und Naivität der Produzenten und Sensationsgeilheit und Verblendung der Öffentlichkeit führen zum Super-GAU. Hitler gründet eine Partei mit dem Wahlslogan "Es war nicht alles schlecht" und wird dafür als neuer Messias gefeiert.

Die Schauspieler

Hans Poeschl, der Adolf Hitler spielt, schafft es eindrücklich, die Darstellung der Figur nicht ins Lächerliche zu ziehen. Er beleuchtet die verschiedenen Facetten der historischen Figur: Der Tierverrückte, der erfolglose Maler, der fanatische Nationalsozialist und der massenbegeisternde Rhetoriker.

Doch auch die anderen Schauspieler müssen sich nicht hinter dem Hauptheld des Stückes verstecken. Durch ihre Gegenüber bekommt die Figur Hitlers erst ihren Feinschliff. Überzeugend stellt Sybille Denker die machtversessene Produktionsleiterin dar. Und absurd komisch mimt Elisabeth Kreßler das gothic-verrückte, blauäugige Berliner-Mädchen. Die zum Beispiel in einer Szene in ihrer purer Naivität Hitler ihr Liebesleben offenbart und sich männlichen Rat sucht.

Das Besondere

Die Dialoge. Das Stück lebt von den absurd komischen Dialogen zwischen Hitler und seinem Gegenüber. Auch soziologisch sehr interessant herausgearbeitet, wie der Mensch ständig darauf bedacht ist, das Gesagte seines Gesprächspartner in seinen Kontext zu deuten. So erwähnt der TV-Produzent ständig (Schauspiel-)Programm und (Visiten-)Karte Hitlers. Dieser verwendet die beiden Worte natürlich in einer etwas anderen Bedeutung.

Ebenfalls genial auch Hitlers Monologe.So zum Beispiel sein ausschweifendes Plädoyer für das Tragen der Lederhose. Seiner Meinung nach sollte die Lederhose als Uniform der deutschen Bundeswehr eingeführt werden. Des Weiteren erläutert er, dass er die Lederhose für das männlichste Kleidungsstück hält, weil sie die muskulösen Waden des Mannes perfekt in Geltung setzt und eine alte Tradition aufweist. Auch bekundet er seinen Unmut darüber, dass er beim Tragen der Lederhose in öffentlichen und politischen Veranstaltungen oftmals mit Hohn und Spott konfrontiert wurde. Und diese Ausführungen lässt er von seiner Sekretärin abtippen und auf seinen Blog posten.

Die Interpretation

Die Interpretation des Stückes ist durchaus gelungen. Die Kostüme sind unauffällig und doch aussagekräftig. Sie schaffen es, dem Zuschauer eine leichte Einordnung der Figuren zu ermöglichen. Und bieten ein geniales Bild: Hitler in Jogginghose und Chucks. Das wirkt derart befremdlich, dass man sich fast nicht traut, darüber zu lachen.

Während des Stücks entsteht ein Verfremdungseffekt, der den Zuschauer an seine Rolle als Zuschauender erinnert: Das Durchbrechen dieser vierten Wand zwischen Zuschauer und Bühne wird durch den sichtbaren Umbau der Bühne zwischen den Szenen erzeugt. Die Reflexion über das Thema und das Dargestellte kann somit sofort geschehen und der Beobachter konsumiert das Stück nicht bloß als reines Unterhaltungsmedium.

Die Bühne

Das Bühnenbild ist sehr simpel gehalten. Durch einfache Eingriffe und wenige Mittel werden neue Szenerien geschaffen. In jeder Szene gibt es unverkennbare Merkmale, die dem Zuschauer die örtliche Einordnung vereinfachen. Das Bühnenbild ist zurückhaltend und lässt den Schauspielern Platz zur künstlerischen Ausfaltung.

Das Publikum

Wenig junge Leute im Publikum, überwiegend Ü-50-er, was der Stimmung jedoch keinen Abbruch tut. Anfangs ist noch zurückhaltendes vereinzeltes Lachen zu hören. Doch nach und nach wird das Publikum lauter und nach kurzer Zeit wurde oft im Plenum schallend gelacht. Die dargestellten Situationen sind einfach zu komisch.

Pauschalurteil

Das Stück ist ohne Frage sehenswert. Geniale Dialoge und hervorragende Darstellung der verschiedenen Figuren. Das heikle Thema wird nicht lächerlich dargestellt, sondern regt zu Diskussionen und Reflexionen an.
Was: Theaterstück "Er ist wieder da"
Wann: Bis zum 22. Juni
Wo: Wallgraben Theater
Website: Wallgraben Theater
Tickets:

BZ-Ticket

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