HipHop-Oper: Der Rap des Nibelungen

Claudia Füssler

Die Nibelungensage als HipHop-Verwurstung - kann das gut gehen? Ob man sich am Freiburger Theater an diesem Projekt nicht ein wenig verhoben hat, wird sich am 8. Juni zeigen. Dann gehen 35 Jugendliche auf die Bühne, um uns eines besseren zu belehren. Ein Probenbesuch.



Der erste Gedanke: völlig absurd. Abwegig, fast schon respektlos. Der zweite: irre. Irre gut, wenn das klappt. Das derzeit wohl außergewöhnlichste Projekt, das am Theater Freiburg geprobt wird, bringt zusammen, was doch eigentlich so gar nicht zusammen gehört: die Musik Richard Wagners mit Rap und HipHop. „Der Rap des Nibelungen“ ist eine der aufwendigsten und mit Kosten im sechsstelligen Bereich teuersten Produktionen in dieser Spielzeit am Theater – und ein Experiment für alle Beteiligten. Mit ungewissem Ausgang.


Jörn Hedtke hat die Kapuze seines schwarzen Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen. Er geht in die Hocke und schlägt mit der flachen Hand rhythmisch auf den Boden, gebannt beobachtet von 35 Jugendlichen, die sich im Kreis um ihn herum aufgestellt haben. „Das muss klingen wie aus einem Guss, die Konsonanten extrem hart, die Vokale kurz: pt p pt p pt p“, erklärt der HipHop-Sänger, der für die Beats in der Oper verantwortlich ist, und sofort flüstert es beschwörend und tadellos synchron aus 35 Kehlen: „Baby komm’, bitte komm’, Baby komm.’ “

Die Jugendlichen, die seit vergangenem Herbst gemeinsam mit Experten an dem Wagnis HipHop-Oper arbeiten, bilden die sogenannte Youth Crew. Sie stammen aus Freiburg und Umgebung, besuchen Gymnasien, Real- oder Hauptschulen und bilden einen Chor aus Rappern, Sängern und Breakdancern. Die Youth Crew wird begleitet von einem 40 Mann starken Orchester, das sich aus Schülern, Studenten und einem DJ zusammensetzt und von Norbert Kleinschmidt dirigiert wird, der das Projekt musikalisch leitet. Ein drittes Team bildet die Bühnencrew für Graffiti, Video und Bühnenbild.



Die Hauptrollen in dem Stück spielen und singen Profis – sowohl klassische Opernsänger als auch HipHopper und Rapper. Die Idee, Wagner mit den modernen Musikstilen in Berührung zu bringen, stammt von Markus Kosuch. Der Regisseur hat im Mozartjahr 2006 ein ähnliches Projekt an der Komischen Oper Berlin realisiert und für die „Hip H’Opera Cosi fan tutte“ mit Jugendlichen viel Lob bekommen. Freiburg ist die Weiterentwicklung in größeren Dimensionen.

„Wir haben hier ein Begegnungsprojekt im doppelten Sinne geschaffen“, sagt Projektleiterin Katharina Mohr, „zum einen mit der durchaus gewagten Vermischung von Klassik und HipHop, zum anderen treffen Laien und Profis aufeinander.“ Und wenn man es ganz genau nimmt, ist es sogar Begegnung im dreifachen Sinne, denn die Jugendlichen, die für das Monumentalepos nun gemeinsam auf der Bühne stehen, haben sich vorher größtenteils nicht gekannt. Weil der gesamte Ringzyklus mit 18 Stunden Darsteller und Publikum gleichermaßen überfordern würden, haben sich die Macher auf die Geschichte von Siegfried, Brünnhilde und Hagen konzentriert.

„Es geht vor allem um die problematische Beziehung der drei Figuren zu ihren Vätern“, erklärt Katharina Mohr. Und dass es ein hartes Stück Arbeit gewesen sei, die Jugendlichen erst einmal an den Stoff heranzuführen. Gelungen ist das mit der ausführlichen Besprechung einzelner Szenen und Figuren sowie jugendkompatiblen Erklärungen à la „Also, der Vater hockt jetzt deprimiert auf Walhall rum“.



Außerdem ist der Ring so komplex, dass es eine Weile dauert, bis man versteht, wie da die Fäden zusammenlaufen. Eine Erfahrung, die auch Joyce Bieser gemacht hat. Die 15-Jährige tanzt seit ihrem vierten Lebensjahr Ballett und ist jetzt Mitglied in der Youth Crew. „Ich konnte mir anfangs überhaupt nichts unter der Nibelungensage vorstellen und hab’ sie auch ewig nicht verstanden“, erinnert sich die Schülerin aus Herbolzheim. „Irgendwann war mir dann zumindest klar, dass da die totale Inzestgeschichte drin steckt. Wie kommt man nur auf solche Ideen? Auch die Walküren finde ich ganz merkwürdige Figuren.“ Merkwürdig genug, um begeistert jeden Samstag und an mehreren Wochenenden zu proben, trotz Realschulprüfung, die jetzt ansteht.

„Okay, wir sind nochmal bei Takt 42.“ Markus Kosuch lässt nicht locker. Er sitzt auf der Probenbühne und blickt in müde Gesichter. Kein Einsatz stimmt, keiner kann seinen Text. Egal, Kosuch geht wieder und wieder die Szene durch, spricht die Videoeinspielungen ab, will von den Jugendlichen die richtigen Töne hören.

Nörgeleien von schräg hinten links ignoriert er einfach. „Ick bin ja echt jespannt, wat dit mal wird. Vor allem, ob, gell, mein Alberich“, frotzelt dort der Berliner Rapper Paul Maass alias Chefkoch, der den Hagen spielt, in Richtung seines Kollegen Joachim Faber alias Joachim Deutschland. Doch auch der qua Amt coole Rapper hat ein bisschen Muffensausen. Er sinniert: „Ich und Opernsänger auf einer Bühne – wenn das mal gut geht.“

Was: Der Rap des Nibelungen
Wann: Premiere am Dienstag, 8. Juni 2010, 18 Uhr
Wo: Theater Freiburg

[Fotos: Julian von Tiedemann]