HipHop in Südbaden: Rapper mit Heimatgefühlen

Sarah Nagel

Die besten Rapper der Welt kommen aus Südbaden. So sehen es zumindest viele der Musiker selbst. Das mag glauben, wer will. Schließlich gehört Angeberei zum Job der HipHop-Künstler und Prahlerei ist Ehrensache. Aber selbst der Zweifler muss zugeben, dass bei den heimatverbundenen "Badner Buben" (Maximum One, Lahr) derzeit fast so viele Alben erscheinen wie Frauen in Snoop-Dog-Videos. Für fudder haben sich nun zwei Produzenten, ein DJ, zwei Beat-Boxer und 21 Rapper zusammengetan und ein ganz neues Badnerlied geschrieben: den "Heimatsong".



So überzeugt wie von sich selbst sind Rapper meist nur von ihrer Heimatstadt: Die „Jungs aus'm Hof“ sind „ländliche Motherfucker“ aus Rheinfelden und mächtig stolz darauf. Christoph Wiestler (23) von „Menschlich“ gibt seinen „Senf dazu, wie’n Würstchenmann am Münsterplatz und beweist, dass Freiburg gute Künstler hat“. Und Peter Geibelhardt (23) belehrt als Smurf seinen Zuhörer: „Du willst wissen, welche Stadt von Hunderttausend die geilste ist? Schrei’ Lörrach – Sieben-Neun-Fünf-Neununddreißig’“.

Der Heimatsong offenbart eine intensive Heimatverbundenheit der Künstler. Dabei sind auch die 21 Rapper nur eine Auswahl aller Aktiven der Region. Sie gehören allerdings zu den auffallend Aktiven: Erst am vergangenen Freitag haben beispielsweise die Freiburger Sebastian Schickler (26) und Leo Geiger (23) als Platon und ExtraO ihr neues Album „Brainstorming“ im Waldsee vorgestellt.



Nur wenige Wochen zuvor brachte Smurf (Bild oben) erstmals sein Album „Evergreen“ im Lörracher Nellie Nashorn auf die Bühne. Timo Horl (21) veröffentlichte als Sokom sein Album „Raus mit der Sprache“ und Max Eichner (23) und Simon Dages (22) aus Lahr brachten unter ihren Künstlernamen Maximum One und Nais Nois das Mixtape Malaria raus. Und das sind nur die Veröffentlichungen der vergangenen Monate.

Im „Heimatsong“ kommen sie erstmals alle zusammen: Da lädt Sidney Ruf (25) von KC seine Hörer nach Breisach ein, „an der Brücke nach Europa“, Sebastian Moser (23), der als MOC die Deutsche Freestyle-Meisterschaft gewonnen hat (also einen Wettbewerb im frei improvisierten Rappen), singt Rheinfelden ein „I’m Lovin’ it“ und Sokom wäscht seine Hände sogar angeblich im Freiburger Bächle – anstatt in Unschuld, wie die meisten.

Die Heimat zu repräsentieren, sein Revier zu markieren, das hat lange Tradition in der HipHop-Kultur. Die Szene erstreckt sich mittlerweile von Ettenheim nach Ecuador, von Lettland nach Lörrach, von Schottland nach Schopfheim – und bezieht ohne Ansehen von Hautfarbe und gesellschaftlichem Status jeden ein, der sich beteiligt.

Doch die Szene lebt und wächst auch durch den internen Konkurrenzkampf. Sich gegenseitig zu dissen (also verbal fertig zu machen) gehört zum Sport: „Ich stell’ mit Parts die ganzen Affen in den Schatten wie Wolken“, behauptet beispielsweise Platon, der auch gerne mal seine besten Freunde runterputzt und sich selbst häufig als „besten Rapper Freiburgs“ vorstellt. Wenn nicht zu viele Leute zuhören und kein Mikrofon in der Nähe ist, zeigt er aber durchaus Respekt für seine HipHop-Kollegen.

Tatsächlich war die Entwicklung der Musik lange Zeit geprägt von Konflikten zwischen Stadtvierteln, Städten und Regionen. Heutzutage werden aufgeputschte Konflikte zwischen Rappern aber meist schnell als PR-Gags enttarnt. Und was sich Gangster-Rap nennt, ist mittlerweile gerade in Deutschland auch schick bei Jungs aus gutem Hause. Die provozieren dann zum Beispiel mit frauenfeindlichen Texten, während ihre selbstbewussten Frauen – wie Melanie Wilhelm (Melbeatz) im Fall von Kool Savas – die Beats dazu produzieren.

Kein Konkurrenzkampf  zwischen Bonndorf und Breisach

Genauso wenig wie Kool Savas ein schlechtes Frauenbild hat, will Smurf wahrhaftig seine starken Freunde holen, wenn er im „Heimatsong“ von „ziemlich fiesen Typen, die das hier mit dir regeln“ singt. Und „Der Henker“ – nach eigener Aussage wegen Drogenhandels von seiner Heimat auf dem Land verbannt und seitdem Freiburgs Rap-Heiland – soll in Wahrheit ein extrem netter Typ aus Sulzburg sein, der schlichtweg leidenschaftlich das Spiel mit der Sprache in verschiedenen Rollen zelebriert.

Fakt ist, dass einige Provokateure Außenstehende so abgeschreckt haben, dass oft übersehen wird, mit wie viel Witz, Charme und Liebe sich die meisten ihrer Kunst widmen – über Jahre hinweg und teilweise ohne damit je wirklich etwas verdient zu haben. Der „Heimatsong“ zeigt, wie vielfältig sich die HipHop-Musiker mit ihrer Sache auseinandersetzen – und dass sich diese Vielfalt im Badnerland auch ohne ausgeprägte Feindschaften zwischen Bonndorf im Osten und Breisach im Westen wunderbar entwickeln konnte.



Als Sebastian Schickler (Bild oben rechts) und Leo Geiger am Freitag zum Beispiel ihr Album vorgestellt haben, traten im Waldsee unter anderem Timo Horl (Sokom), Paul Brenning (von Acoustic Instinct) und Andreas Wieland (DJ F-Dicz) auf. Dessen Mitbewohner war übrigens auch im Publikum: Simon Klink (Azél), der ursprünglich aus Lörrach kommt und mit Peter Geibelhardt (Smurf) Musik gemacht hat.

Manch weitere Zusammenarbeit hat sich durch den „Heimatsong“ ergeben. Wenn Maximum One also über sich selber sagt: „So muss der Südwesten klingen“, spricht er am Ende – zwischen die Zeilen gemischt von DJ F-Dicz – bei aller Konkurrenz doch für alle.



Ihr könnt euch den Track "Heimatsong" am Ende des Artikels unter der Foto-Galerie anhören oder hier auf fudder herunterladen. 
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Mehr dazu:


Termine


Was: 
DJ F-Dicz mit den Goldfingerbrothers
Wann: Freitag, 24. Juli 2009
Wo: Klub Kamikaze, Freiburg Was: Acoustic Instinct
Wann: Samstag, 8. August 2009
Wo: Das Schiff, Basel

Was: MOC mit Le Grande uff Zac
Wann: Sonntag, 26. Juli 2009
Wo: Das Fest, Karlsruhe

Was:
Die Jungs aus'm Hof
Wann: Samstag, 2.. August 2009
Wo: JKF-Festival, Basel

Was: Qult mit „Rap auf der Straße“
Wann: 17.-19. Juli 2009
Wo: Freiburger Innenstadt

Audio-Diaschau: Heimatsong

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Foto-Galerie der Künstler: