Hinterhof Bar Basel: Subkultur trifft Qualität

Bernhard Amelung

Wo wachsen Kunst und Subkultur am besten? Auf brachliegendem Industriegrund. Ein Vorzeigebeispiel dafür ist die Basler Hinterhof Bar. Hier tritt nicht nur der Techno-Poet Pantha du Prince oder die Berghain-Resident Steffi auf; hier wird untergründige Kultur jeglicher Art ansprechend vorgestellt und diskutiert.



Das Dreispitz-Areal, eine ehemalige Industriezone auf dem Boden der Stadt Basel und der Gemeinde Münchenstein, ist ein Gebiet im Umbruch. Früher wurden hier Waren umgeschlagen, Handels- und Zollpapiere ausgestellt. Heute beherbergen die verlassenen Lagerhallen Werkstätten, Künstlerateliers und Kreativbüros. Der Basler Alternativsender Radio X ist hier untergekommen genauso wie das Medienfestival „Shift“, das einmal im Jahr stattfindet. Bis Herbst 2013 soll auch die Hochschule für Kunst und Gestaltung (HGK) einen bis dahin fertig gestellten Neubau beziehen. Das bisherige Zollfreilager wird somit endgültig zum „Kunstfreilager“, wie dieser Basler Randbezirk schon heute liebevoll genannt wird.


Dort befindet sich seit etwas mehr als einem Jahr auch die Hinterhof Bar. „Wir sind im ehemaligen Bananenlager der Firma Safruits S.A.“, erklärt Philippe Hersberger die Umgebung. Er gehört zum Gründerkern der Bar, des Clubs, der Galerie. Was ist sie überhaupt, die Hinterhof Bar? Der dynamische Endzwanziger holt ein wenig aus: „Als Label für Bar- und Clubveranstaltungen gibt es uns schon sehr lange. Bevor wir Ende 2009 auf das Dreispitz-Areal gezogen sind, hatten wir im Club Nordstern eine eigene Eventreihe laufen“ - den „Hinterhof im Nordstern“. Musikalisch ausgerichtet war sie am French-/Filter-House und NuRave, wie er vor allem Mitte der nuller Jahre durch Label wie Ed Banger oder Kitsuné durch die Clubs getragen wurde.



Angefangen hatte alles mit einem Schulprojekt im Rahmen einer Film-AG. „Die Projektarbeit war bereits fertig. Wir brauchten nur noch einen Namen, unter dem wir unser Werk vorstellen konnten“, erzählt Hersberger. „Hinterhof als Name lag auf der Hand, weil wir uns nach der Schule stets bei einem Freund, im Hinterhof seines Elternhauses, getroffen haben.“ So feierten die Basler Schüler als „Hinterhof Films“ ihren ersten öffentlichen Auftritt.

Diesen Namen hat die Posse zunächst auf Partys in Wohngemeinschaften weitergetragen, und von dort über das eine oder andere Festival in den Nordstern. Schon damals kümmerten sie sich selbständig um den Barbetrieb. Auch schleppten sie haufenweise Deko auf ihre Veranstaltungen. Sie investierten jede Menge Zeit und Geld, noch vielmehr aber Herzblut und Leidenschaft in ihre Veranstaltungen. „Ohne dabei auf unser Budget zu achten“, legt Hersberger nach.

Das ist heute anders. Denn mit der Eröffnung der Hinterhof Bar wurde aus jugendlichem Spaß ein ernstes Business. „Wir betreiben unsere Location inzwischen haupttätig“, so Hersberger. „Doch Business heißt für uns nicht, ausschließlich auf Gewinnsummen zu achten. Abstriche an der Qualität zugunsten betriebswirtschaftlicher Interessen gibt es bei uns nicht.“ Kein leichtes Unterfangen, zumal sich die Betreiber selbst hohe Qualitätsanforderungen hinsichtlich Programm und Bar auferlegt haben.



Seit die Hinterhöfler auf dem Dreispitz-Areal untergekommen sind, haben sie die Basler Clubkultur mit namhaften Künstlern bereichert. Der Techno-Künstler Pantha Du Prince, das Pariser Duo Nôze, die Berghain-Resident Steffi – sie alle waren schon zu Gast im Hinterhof. Die Clubbetreiber besetzten jedoch auch Nischen wie Dubstep, Funk oder Disco.

„Wir möchten vielseitig aufgestellt sein und uns nicht in eine Genreschublade reinzwängen lassen. Wir möchten auch nicht als Techno- oder Elektroschuppen bekannt werden“, erklärt Hersberger die Programmvielfalt. „Unser Club soll eine offene Plattform sein für Underground-Veranstaltungen und große Namen. Bei uns hat auch eine klassische Roller-Disco mit Boogie-Sounds der siebziger und achtziger Jahre Platz.“ Wie am vorvergangenen Samstagabend. Wer auf acht Rollen ankam, bekam freien Eintritt.

Wen sprechen die Betreiber damit an? Hersberger formuliert es folgendermaßen: „Zu uns kommen aufgeschlossene und neugierige Menschen, die gerne etwas Neues entdecken, die sich eine Liebe zum Detail bewahrt haben und gute Cocktails zu schätzen wissen.“ Dementsprechend streng sei die Tür, Einlass erst ab 20 Jahren. „Wir sind ja keine Teenie-Abiturienten-Disko.“ Eines ist ihm jedoch schon nach kurzer Zeit aufgefallen: „Dubstep-Abende werden hauptsächlich von Jungs besucht. Bei Disco- oder Funk-Nächten verhält es sich gerade umgekehrt. Erklären kann ich mir das jedoch nicht.“



Doch auch Nicht-Clubgänger möchte Hersberger und sein Team erreichen. „Nachtaktive Menschen, die einen gut gemixten Cocktail zu schätzen wissen.“ Schon zu Nordstern-Zeiten haben sie sich mit ihrer Barkultur einen Namen erarbeitet. Deswegen sei auch das Wort „Bar“ im Namen geblieben. In dieselbe Kerbe schlagen die Hinterhöfler auch mit dem Offspace. Dahinter verbirgt sich eine 200 Quadratmeter große Industriehalle, die nahtlos in den Bar- und Clubbereich übergeht. Sie ist Freiraum für Kunst, Atelier und Ausstellungsfläche in einem. Die Künstler können den Raum mit Hilfe von Bausteinen nach eigenem Gutdünken einteilen.

Das Besondere daran: die Ausstellung ist abends, während des Bar- und Clubbetriebs, geöffnet. „Wir möchten auch Menschen an bildende Kunst heranführen die nicht unbedingt in ein Museum gehen “, so Hersberger. Dass sie damit nicht nur auf Zustimmung stoßen, sei ihm bewusst. „Manche finden’s sicher scheiße. Aber auch das ist eine Reaktion, und nur durch die Interaktion mit dem Menschen lebt die Kunst.“

Desweiteren wird in diesem Jahr zum ersten Mal auch das Flachdach der Hinterhof Bar in die Programmgestaltung mit einbezogen. Gestaltet von den Züricher Jungdesignern Küng / Caputo, durch das Projekt „Nutzdach“ begrünt, sollen in den Sommermonaten Unplugged-Konzerte stattfinden und DJs auflegen. Interaktion und Kommunikation zwischen den Besuchern soll eine 9-Loch-Minigolf-Bahn fördern, die von verschiedenen Künstlern gestaltet wird. Allzu lange aufschieben sollte man einen Besuch in der Hinterhof Bar nicht. Denn die Lagerhalle, in der sie untergekommen ist, soll Ende dieses Jahres bereits abgerissen werden.