Hildegard, 90, Fußballfan und Ex-Model

Fabienne Hurst

Hildegard Erzberger ist 90 Jahre alt und liebt Fußball. Sie selbst stand im Tor, spielte Handball und trainierte Dreikampf. Mit Anfang 40 wurde sie als Model entdeckt – und posierte über 30 Jahre lang für Jeans, Automarken und Kaffee. fudder erzählt die lebenslustige Dame von ihrem außergewöhnlichen Leben als Sportlerin und spätes Mannequin.



Hildegard Erzberger
stemmt Hanteln, kreist die Arme, lockert die Oberschenkelmuskeln. Jeden Donnerstag ist Gymnastik im Seniorenheim. „Da bleibt man fit“. Hildegard Erzberger ist 90. Abends schmeißt sie gerne mal den Fernseher an, am liebsten Sport, da kenne sie sich aus. „Frauenfußball ist ja eigentlich Quatsch, ich stand einfach bei den Jungs im Tor“, sagt die schlanke Dame mit dem schlohweißen Haar und lacht. „Heute spielen die ja wie die Männer, machen sogar Kopfbälle. Was man sich damit alles einhandeln kann!“ Sie schaltet trotzdem jeden Abend ein und fiebert mit, wenn die deutschen Mädels übers Feld rennen.

Sie selbst hat sechs Jahre lang Handball gespielt, als Torhüterin ist sie mit ihrer Mannschaft herumgereist, zu Turnieren in Krakau, Königsberg und Berlin. „Aber wir verdienten keine Millionen. Wir bekamen zwei Mark am Tag, und das reichte gerade für ein Kotelett. Das Bier hat dann meist der Trainer bezahlt.“ Ihr Lachen ist ansteckend.



Bei den Jungs im Tor

Als sie 1938 zum Frauenarbeitsdienst nach Masuren im damaligen Ostpreußen musste, heuerten sie die Jungs der örtlichen Fußballmannschaft an. „Die hatten von irgendwoher gehört, dass ich im Tor stand und waren knapp besetzt. Und dann habe ich eben bei denen mitgespielt.“

Als der Krieg kam, musste Hildegard Erzberger fliehen, zu Fuß bis nach Hessen, mit einem Kind und ein paar Windeln im Arm. „Das sind Geschichten, die muss ich alle einmal aufschreiben.“ Aber das sei schwierig, die ganzen schlimmen Erinnerungen belasteten sehr. Sie wolle sich lieber an die schönen Dinge erinnern, an das Leichtathletiktraining, die Sportfeste, die schönen Jahre mit ihrem Mann.

1954 kratzte das Ehepaar sein Erspartes zusammen und fuhr zur Fußballweltmeisterschaft in die Schweiz. „Eigentlich wollten wir nur zwei Spiele sehen, aber plötzlich hieß es: Deutschland ist im Endspiel.“ Da mussten sie natürlich bleiben. An das Finale in Bern erinnert sich die Sportbegeisterte noch ganz genau: „Es schüttete in Strömen, wir waren nass bis auf die Hemden, aber das machte nichts. Alle sagten: Das ist Fritz-Walter-Wetter.“  

In der Bahn als Model entdeckt

Mit 42 wurde Hildegard Erzberger entdeckt. In der Frankfurter Straßenbahn sprach sie eine Agentin an, ob sie nicht einmal zum Probe-Shooting kommen wolle. „Mein Mann war im Dienst, meine Tochter arbeitete auch schon, und ich sollte einfach zuhause herumsitzen?“ sagt sie mit gespielter Entrüstung. Das kam für sie nicht in Frage.

So begann ihre Karriere als Fotomodell. Sie posierte für Kaffeeröstereien, Automarken, amerikanische Jeans, später als Seniorenmodell für die Bundesbahn und Schwarzwälder Kirschtorte. Auch heute interessiert sie sich für Mode, gerade hat sie sich eine kiwigrüne Tunika bestellt.



Seit ein paar Jahren hat die 90-Jährige aufgehört zu modeln. Sie wohnt im betreuten Wohnen im Müllheimer Elisabethenheim. „Hier ist es wunderbar“, sagt sie und klappt die Liege ihres Balkonstuhls nach hinten. „Ich wohne alleine, kein Mensch stört mich. Und wenn etwas passieren sollte, ist gleich jemand zur Stelle.“

Ein Nachbar vom Balkon nebenan schaut herüber und grüßt. „Heute abend spielen die deutschen Frauen, das wird bestimmt ein gutes Spiel“, ruft Frau Erzberger. Der Nachbar nickt. Eigentlich interessiere er sich nicht sonderlich für den Sport, aber wenn das Spiel zu empfehlen sein, sehe er es sich natürlich an. Er geht zurück in die Wohnung. „Na hoffentlich habe ich ihm nicht zu viel versprochen“, sagt Frau Erzberger. „Jetzt müssen die Frauen heute wirklich alles geben.“  

Hildegard Erzberger erzählt:

 


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[Fotos: Fabienne Hurst und privat]