Hier züchtigen Lehrer mit dem Bambusstock (5)

Müslüm Erikci

Müslüm berichtet heute vom Schulalltag in Malaysia: Frontalunterricht, Fahnenappell und Kampfsportübungen. Die strengen Disziplinierungen der Lehrer dürften bei deutschen Pädagogen Kopfschütteln auslösen. Außerdem dröselt Müslüm das komplizierte Schulsystem seines Gastlands auf.


(Schulhof, Mädchen und Jungen getrennt)

Zunächst ein paar Sätze zu den Ritualen meines Schullebens.
Jeden zweiten Nachmittag trifft man sich in der Schule, um verschiedene Marschtechniken einzustudieren. Einmal in zwei Wochen kommt man dafür an einem Samstagmorgen.


Von Dienstag bis Freitag hisst jeweils eine Marschtruppe ihre eigene Flagge, zuvor marschiert man fünf Minuten lang. Anfangs kam es mir lächerlich vor, sich vor die ganze Schule zu stellen und bei einem einzigen Fehler ausgelacht zu werden.

Aber mittlerweile respektiere ich ihr Hobby, da es ihnen egal ist, ausgelacht zu werden, so lange sie das machen können, was ihnen Freude bereitet un ihnen etwas bedeutet.
Außer den Gesellschaften haben wir auch „Prefects“, die so genannten Aufpasser der Schule. Es gibt für jegliche Bereiche Prefects, etwa für die Bücherei oder das Mescid.

Mescid ist so etwas wie eine islamische Kapelle, kleiner als eine Moschee und ohne Minare.
Ich bin seit zwei Wochen für das Mescid zuständig und es liegt mir sehr viel daran, es sauber zu halten und der Imam zu sein.


(Lehrer und Disziplinator)

Auch die meiste Freizeit verbringe ich in der Schule, da man hier nicht, wie in Deutschland, eine Auswahl an Sportvereinen hat. Die Schulen bieten Nachmittags Aktivitäten wie Fußball, Linguistik und Kampfsport.

Mich interessiert vor allem die malaische Kampfsportart Silat, eine Mischung aus Karate und Taekwondo. Der Unterschied zu diesen Kampfkünsten besteht  jedoch darin, dass man tänzerisch kämpft. Es kommt darauf an, wer kreativer, schneller und geschickter ist. Durch Schläge in Bereiche wie Brust und Rücken lassen sich Punkte erzielen.

Die Schule spiegelt die Gesellschaft in Malaysia. Die stärkste Volksgruppe stellen die Malaien, dahinter kommen die Chinesen, die sich durch Fleiß und Kooperation auszeichnen. 
Schließlich die Inder. Sie sind in meiner Schule diejenigen, die sich gegenseitig verkloppen.

Jeder hängt mit seinesgleichen ab. Die Folge ist, dass es zu Spaltungen zwischen den drei Gruppen kommt.
Bei der Lehrerschaft verhält es sich ähnlich, wenn auch nicht so extrem wie bei den Schülern.


(Schulmauer)

Wir haben 95% Lehrerinnen und nur 5% Lehrer. Die meisten Männer wählen diesen Beruf nicht, da er ihnen zu stressig ist.
Obwohl die Lehrer hier im Vergleich zu Deutschland nichts machen, außer Beispiele Lösungen vom Buch an die Tafel zu schreiben.
Der Unterricht ist zu 99% frontal. Nur selten werden wir Schüler aufgefordert, Fragen zu beantworten.

Das Verhältnis zwischen den Lehrern und uns ist wie das zwischen Herrscher und Diener. Denn die Lehrerin genießt viel Respekt und hohe Autorität. Falls man einer Lehrerin begegnet, verneigt man sich kurz und grüßt sich gegenseitig.

Die meisten Lehrer sind zugleich Disziplinslehrer und tragen stets einen Schlagstock aus Bambus mit sich, um Schülern nach einer Straftat, etwa Rauchen oder eine Schlägerei, auf die Innenfläche der Hand zu schlagen.

Erst heute war ich dabei, als einer den Bambus zu spühren bekam. Der Abdruck wird mit Sicherheit einige Tage zu sehen sein.


(Affen an der Schule)

Die Schule, die ich besuche, ist erst vor sechs Jahren gebaut worden und nennt sich Sekolah Menergah Kebangsaan (SMK). Das heißt: eine öffentliche, weiterführende Schule.

Das malaische Schulsystem ähnelt dem amerikanischen dahingehend, dass man nach der Grundschule nicht die Wahl hat zwischen Gymnasium, Realschule oder Hauptschule, sondern mit 11 Jahren zur SMK geht, die einer High School ähnelt.

In der SMK gibt es sechs Klassenstufen, wobei jede einzelne wiederum in zwölf Stufen geteilt wird. Die ersten vier lauten aktif, amanah, alif und bakti. Um euch das besser zu erläutern, nehme ich als Beispiel meine Klassenstufe.

Ich gehe in die „ Form 4 Aktif“.
Die Bezeichnung „ Form“ bedeutet Klasse und die Zahl dahinter kennzeichnet die Klassenstufe. Aktif bedeutet das ich in die höchste und damit in die beste Stufe von meiner Klassenstufe gehe.

Die meisten Klassen bestehen aus 30-35 Schülern, und das zwölffach. Dann kommt man pro Klassenstufe auf 360-420 Schüler. Aus diesem Grund werden die einzelnen Klassenstufen in zwei geteilt. Die erste Hälfte kommt am Morgen bis 13.00 Uhr und die andere Hälfte hat von 13 Uhr bis 19 Uhr Unterricht.

Am Nachmittag finden Korikulum bzw. AG’s statt, den ganzen Tag über wimmelt es von Schülern.


(Polizeikadett an der Schule)

Form 4 wäre mit der 12. Klasse in Deutschland zu vergleichen, wobei ich mit 17 Form 5 besuchen müsste. Doch ich habe mich für eine Klassenstufe niedriger entschieden, denn im 5. Jahrgang sind Examen (SPM: Sijil Pelajaran Malaysia), mit denen man die Schule abschließen kann.
In Form 3 und 5 hat man Examensprüfungen, die wichtigere von beiden ist die SPM.

Falls man mit den SPM-Ergebnissen nicht zufrieden ist, kann man mit der Schule weitermachen und seine Examen in der 6. Klassenstufe wiederholen.

In der Form 6 werden die Stufen von 12 auf 4 reduziert.
Einmal in drei Monaten hat man in nur einer Schulwoche Klassenarbeiten in jedem Fach. Wenn ich mir überlege, dass ich früher im Schnitt eine Arbeit pro Woche geschrieben habe und nun 10 in einer Woche, bevorzuge ich es, jede Woche eine Arbeit zu schreiben.

MfG Müslüm