Hier regieren Jazz und Swing: Das Paul Kuhn Trio im Jazzhaus

Matthias Cromm

"Es tut mir leid, dass ich den Zauber, Charme und die entspannte Größe der Darbietung nicht adäquat in Worte zu fassen vermag", schreibt fudder-Autor Matthias Cromm am Ende seiner Rezension von Paul Kuhns Konzert am Sonntag im Jazzhaus. Allein, er irrt. Denn es ist ihm auf wunderbare Weise gelungen:



Im Swamp hängt ein altes knittriges Plakat schief im Rahmen: Paul Kuhn Trio. Wenn Gabi und Klaus zu "This Joke isn't Funny Anymore" ins Räng Teng Teng laden, steht ein Doppelbilderrahmen auf der Theke neben dem DJ Pult: Ian Curtis und Paul Kuhn.


Den Namen Paul Kuhn verbindet man ja schnell mit dem deutschen Stimmungslied a.k.a. dem deutschen Schlager der 50er und 60er Jahre. Titel wie "Es gibt kein Bier auf Hawaii" oder "Bier, Bier, Bier ist die Seele vom Klavier", "Der Mann am Klavier", "So kühl, kühl, kühl wie mein Bier" und so weiter. Wer auf Flohmärkten in den Vinylsinglekartons stöbert, trifft häufig auf das Gesicht von Paul Kuhn, meist mit Zigarette und/oder einem alkoholischen Getränk in der Hand - ein bisschen ist er der Sinatra Deutschlands.

Er ist mit Leib und Seele dem Jazz und Swing verschrieben, vor und nach seiner Schlagerkarriere, sein ganzes Leben. Er war und ist einer der großen deutschen Jazzmusiker, Bandleader, Sänger, Pianisten, Arrangeure, Unterhalter und Produzenten. Musik ist für ihn kein Beruf, sondern Passion - und Passion setzt sich nie zur Ruhe.

Ich hatte, um ehrlich zu sein, schon schwere Sorgen: Das Paul Kuhn Trio Konzert im Jazzhaus war eigentlich schon für den 28. April angesetzt. Ein Schwächeanfall während der Tour hatte Krankenhausaufenthalt und Reha nötig gemacht, er bekam einen Herzschrittmacher, hat eine Nierenschwäche, ist Dialyse Patient (dreimal die Woche), hat drei Bypässe, eine neue Herzklappe, schwere Gürtelrose - und obendrein ist er durch seine schwere Makula-Degeneration fast blind: Er kann keine Noten mehr lesen.

Paul Kuhn muss niemandem mehr etwas beweisen

Immerhin ist Paulchen Kuhn Jahrgang 1928. Das letzte Konzert war das im Burghof in Lörrach mit dem Filmochester Babelsberg, das erste seit seiner Genesung war gestern im Jazzhaus. Als ich nach Bekanntgabe der Konzertabsage im April mit seinem Produzenten und Freund Frank Kleinschmidt vom Freiburger Jazzlabel In & Out Records telefoniere, sagt der, er mache sich zwar Sorgen um Herrn Kuhn, aber er könne sich kaum vorstellen, dass irgendetwas oder irgendjemand Herrn Kuhn von weiteren Auftritten abhalten könne. Er sei auf dem Wege der Besserung, langweile sich bereits und wolle lieber heute als morgen zurück auf die Bühne, ans Klavier.

Klingt gut. Um das klarzustellen: Ich bin sicher, Paul Kuhn muss niemandem mehr irgendetwas beweisen, er braucht höchstwarscheinlich auch nicht ganz dringend Geld. Er will spielen, und irgendwie muss er auch.

Das wird deutlich als er von seinem Bassisten Martin Gjakonovski auf die Bühne geführt wird. Ein kleines gebeugtes Männchen mit großen Ohren, in schicker marineblauer Jacke mit Einstecktuch und mit übergroßer orangefarbener Sonnenbrille; der Weg, den er zu gehen hat, ist mit hellleuchtenden Klebebandstreifen auf der Jazzhausbühne markiert, tastend versucht er, sich am Flügel abzustützen.



Er ist dünn geworden. Als seine Hände die Tasten suchen, kehrt Leben ein, er strahlt ins Publikum, seine Stimme klingt kräftig und kein Stück nach 85-jährigem Opa. Mir wird langsam klar, wie schwierig es gewesen sein muss, das kleine Paulchen im Krankenhaus zu behalten: Das Klavier scheint eine phantastische Therapie zu sein, er wirkt, als wäre sein Alter, alle Krankheit, aller Schmerz hinweggeblasen. Hier regieren Jazz und der Swing, und das bedeutet: Leben.

Er wolle ein paar Lieder vorspielen, sagt er, aus dem Great American Songbook - das sei groß genug und voller schöner Stücke, die ihm gut gefielen. Er plaudert über seine ersten Auftritte in den USA in den 40er Jahren, er singt und spielt, seine Finger flitzen zielsicher über die Tasten, seine Stimme klingt voll und warm. Er müsse immer erst mal die Töne suchen, meistens seien es 88, dann ginge es eigentlich ganz gut.

Geboten sind die grossen Jazzstandarts, Themesongs, verjazzte Walzer, Swing. Zu jeder Nummer erzählt er eine kleine Geschichte, es sei doch interessant, mal zu erfahren, warum Charlie Parker sein Stück "Scrapple from the Apple" so genannt habe. Charlie Parkers Heimat Harlem sei ja nun der Kern des Apfels, eigentlich würde man das Kerngehäuse ja gar nicht mitessen, aber es sei nun einmal das Zentrum, das Herz. Er möge gerne Bebop, Charly Parker oder Dizzy Gillespie, den meisten großen Musikern wie Glenn Miller und so hätte das ja damals nicht so gut gefallen, zu schnell, zu schwierig, man müsse ja ständig üben. Er aber möge Bebop und spiele das jetzt mal vor.

Die Getriebenheit des Künstlers

Wenn Bassist Martin Gjakonovski und Drummer Guido May solieren, sitzt Herr Kuhn schmunzelnd am Flügel. Schön sei das, und Martin Gjakonovski sei sein Lieblingsbassist. Der Schlagzeuger Guido May aus München helfe aus, weil Stammschlagzeuger Willy Ketzer wegen der Konzertverlegung keine Zeit habe (er ist mit Helge Schneider auf Tour). Mit Guido May hat er eine gute Wahl getroffen, es ist eine Freude zu sehen, wie sich Piano, Bass und Schlagzeug duellieren.

Ich schätze, der Bassist und der Drummer sind zusammen so alt wie Paulchen Kuhn. Das ist gut, denn Martin Gjakonovski muss stets als kleine Gedächtnisstütze herhalten. "Ich wollte Ihnen noch was vorspielen, ein schönes Stück, wie war doch gleich der Titel?" - Martin Gjakonovski flüstert etwas in Richtung Paul Kuhn. "Ah, stimmt! Ein schönes Stück. Tut mir leid, das ist nicht persönlich gemeint. Das Stück heißt 'You're Driving Me Crazy', ich spiele das jetzt mal vor." Und schon gleiten die Hände über die Tasten, und Paul Kuhn singt in seiner abgehangen, unangestrengt-legeren aber erfüllend-lebendigen Art.

Beim letzten Ton der Stücke breitet sich jeweils ein freudiges Lächeln über Paul Kuhns Gesicht. Ich wette, hinter den orangefarbenen Gläsern seiner Sonnenbrille funkeln die Augen über die glückliche und ungebrochene Liebe zur Musik. Das Konzert besteht aus zwei Sets, am Ende des zweiten Sets kommt Gastsängerin Gaby Goldberg auf die Bühne. Ich will nicht viel Worte verlieren, ich mag sie nicht so gerne. Ohne Frage ist sie eine perfekte Sängerin mit einer brillianten Stimme, aber mir ist das zu glatt, ihr Gesang erreicht mich nicht, ich mag nicht, was sie sagt (ich mag eigentlich nicht, wie sie es sagt), und ich mag nicht, wie sie Paulchen Kuhn ohne Liebe so albern tätschelt. Ich mag ihr Kleid nicht (Abendkleider waren auch mal was anderes), und ich mag nicht, wie sie lacht.



Schade, eigentlich sind die Duette sehr schön, aber mir wird nicht warm ums Herz und mir fehlt bei ihr irgendetwas Schwerbeschreibliches, was Musik für mich so wertvoll macht. Vielleicht ist es Liebe, Sehnsucht, Leben, Charakter, oder die Getriebenheit des Künstlers. Wie sagt doch Paul Kuhn in einem anderen Zusammenhang? Im Jazz, sagt er, sei es nicht so wichtig, was man spiele, sondern, wie man es spiele. Damit hat er verdammt recht, und das ist nicht nur im Jazz so.

Dann ist Pause, er müsse zehn bis 15 Minuten Hitzepause machen, die Herren dürften nun gerne ihre Jacketts ausziehen, er täte das auch. Wer kein Jackett trage, dürfe etwas anderes ausziehen, es sei ja doch sehr warm. Er verwandelt sich unter dem frenetischen Applaus des ausverkauften Jazzhauses wieder in den alten gebeugten Mann und wird von der Bühne geleitet. Nach 15 Minuten ist er wieder da, ohne Jackett und ohne Gabi. Er plaudert jovial und charmant, fragt Martin Gjakonovski nach den Liedtiteln, spielt und singt.

Paul Kuhn ist Unterhalter und Gastgeber erster Klasse, er ist ein Teil deutscher Musikgeschichte, Fernsehgeschichte, Nachkriegsgeschichte. Er entstammt aus der Zeit als das Wort Entertainer noch nicht von Langweilern, Pausenfüllern, Lückenbüßern, blöden Spaßmachern und unwitzigen Comedians besudelt war. In seiner Liga spielen nach meiner Ansicht aktuell höchstens noch Götz Alsmann und Helge Schneider.

"Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn"

Es tut mir leid, dass ich den Zauber, Charme und die entspannte Größe der Darbietung nicht adäquat in Worte zu fassen vermag. Aber vielleicht so viel: Mein Begleiter, seines Zeichens Musikconnaisseur erster Kajüte, ein Mann im besten Alter und im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte, langjähriger Boxer und Gentleman, hat spätestens beim Titel "As Time Goes By" (ihr wisst schon, play it again, Sam, Casablanca, Bogard und Bergmann) ein bisschen angefangen zu weinen. Mir war auch schon schon recht weich in den Knien, und ich hatte einen seltsamen Druck auf den Augäpfeln.

Paul Kuhn verabschiedet sich unter Standing Ovations mit den Worten: "Seien Sie nett zu Ihren Nachbarn, seien Sie nett zu Ihren Freunden, seien Sie bitte auch nett zu den Leuten, die Sie leider nicht so gerne mögen, bleiben Sie ein anständiger Mensch, und ich hoffe, wir sehen uns noch einmal wieder."

Das hoffe ich auch, und alle Anwesenden wissen, wie ernst es Paul Kuhn damit ist. Leider gibt es am Merch-Stand keine Schallplatten. Ich hätte alle gekauft ...

Apropos Schallplatten: Ich suche seit Jahren eine Paul Kuhn Single: Paulchen am Klavier und seine Musik Mixer, Titel: "Die blauen Wildlederschuhe", EMI/Columbia 1956, 27-5543 - falls die jemand hat, ich hätte gesteigertes Interesse!