Hier lebte der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi

Manuel Lorenz

Zwei Jahre lang lebte der "Jahrhundertfälscher" Wolfgang Beltracchi mit seiner Frau Helene in einer Villa am Hang der Freiburger Eichhalde. Am Freitag ist seine Autobiografie "Selbstportrait" erschienen - in der es auch um Freiburg geht. fudder-Redakteur Manuel Lorenz hat dem "Unglückshaus" einen Besuch abgestattet.



Wolkenverhangener Himmel, abgestorbene Bäume, ein einsamer Rabe, Efeu, die Vogesen: Der Morgen auf der Eichhalde sieht aus wie ein Caspar David Friedrich - oder eine schlechte Fälschung desselben. Denn, dass der Winter dieses Jahr nicht wirklich echt ist, merkt man auch hier, vor dem ehemaligen Anwesen des Ehepaars Beltracchi. Außerdem brechen Relikte von Silvester die Romantik: Luftschlangen, Knallkörper, eine Sektflöte aus gelbem Plastik. Selbst Werner Spies, der unglückliche Kunstexperte des 20. Jahrhundert, würde die Szenerie als pseudo entlarven.


Hier oben, Eichhalde 40, 79104 Freiburg, wohnten der “Jahrhundertfälscher” (Die Zeit) und seine Frau zwei Jahre lang, 2007 und 2008, feierten zuerst ein rauschendes Fest, bei dem Colombi-Bar-Chef Salvatore Casamento an einer mobilen Theke Cocktails mixte und Colombi-Sternekoch Alfred Klink “eine lange Folge von Köstlichkeiten” kochte - wie es in der am Freitag erschienenen Autobiografie “Selbstportait” heißt; dann, am Abend des 25. Augusts, es regnete in Strömen, und die Beltracchis fuhren in ihrem Land Rover den Hang hinunter, stießen sie an einer Kreuzung auf eine Polizeisperre. Aussteigen, an den Wagen, Handschellen, Knast.

Kurz vor der Kurve liegt das “Unglückshaus”

Der Weg nach oben ist lang, aber angenehm. Einer führt durch das gediegene Herdemer Musikerviertel. Man passiert Händel und Haydn, schaut bei Schubert vorbei, begrüßt Bach, Liszt und Wagner und lässt Strauss schön rechts liegen. Dann führt ein steiler Waldweg direkt zur Eichhalde hoch. Ein Bach plätschert, ein Vogel zwitschert, eine betagte Joggerin dreht allein ihre Runde.

Schließlich: Eichhalde, Panoramablick, Reichenghetto. Ein Mann in orangefarbener Daunenjacke führt seine beiden Afghanen spazieren, eine Dame mit weißem Haar und rotem Mantel steuert ihren Roadster runter ins Tal. An den Villen fehlen jegliche Namensschilder, auf den Grundstücken stehen Überwachungskameras. Kurz vor der Kurve liegt das - Zitat - “Unglückshaus”.



Der Freiburg-Aufenthalt der Beltracchis fühlt sich irgendwie verdächtig unecht an. Nicht, dass es hier überhaupt keine Prominenten gibt. Zumindest leben hier Jogi Löw, Gernot Erler und Christian Streich. Aber die sieht man in der Öffentlichkeit, in Bars, in Cafés und auf Veranstaltungen. Die Beltracchis hat man nie irgendwo gesehen - weder auf Vernissagen, noch bei Theaterpremieren oder in Konzerten. Sie wären doch aufgefallen, man hätte sie sich gemerkt: Er, ein Gesichts-Klon von Dürers “Selbstbildnis im Pelzrock”, sie, ihre Haare, eine Replik von Klimts “Danae”.

Wo hätten sie ihresgleichen auch finden sollen, im beschaulich-bescheidenen Freiburg im Breisgau? Am ehesten wohl noch im Colombi-Hotel, wo die beiden 2006 residierten, bis ihre Villa endlich umgebaut war. Beltracchi: “Wir freuten uns über hübsch gebundene, frische Blumen und Schälchen mit Leckereien.”

Die Villa erinnert übrigens tatsächlich “an die futuristischen Häuser der ersten James-Bond-Filme”. Was natürlich passt, denn ein Paar wie die Beltracchis hätte sich Ian Fleming auch nicht besser ausdenken können. Goldpinsel, Lizenz zum Fälschen, Man kleckst nur zweimal, Die Kunst ist nicht genug. Allein schon die Front: Auf der Linken Seite die mit edlem Holz verkleidete Garage, in der Mitte das schmiedeeiserne, kubistische Tor, rechts die Mauer aus zurückhaltenden Gabionen. Nach hinten der Schrägaufzug mit Solardach, der aussieht wie eine Skisprungschanze aus einem Science-Fiction-Film.



An einem Pfahl vor der Villa steckt in einer Plastikfolie ein Zettel: “Wir vermissen zwei 7 Monate alte Kater, einen weißen mit schwarzem Schwanz und einen ganz Schwarzen.” Auf dem Stromkasten daneben klebt ein Sticker des Theaterkollektivs “Schluß mit ohne”, der “den sofortigen Ausstieg aus der Zeit” fordert. Am Straßenrand: ein schwarzer Cayenne, ein cremefarbener Cayman, der Transporter einer Schreinerei aus dem Landkreis Emmendingen, ein Lkw der schwäbischen Ofenmanufaktur “Feuertempel”.

“Wahnsinns Hütte, oder?”

Ein Mann in blauem Overall kommt die Treppen der Villa herunter. Er steigt in den Laderaum des Lkws und füllt behutsam Benzin in eine Kettensäge.

Smalltalk. “Was ist da grad in der Villa los?” - “Ah, da werkeln bloß ein paar Architekten rum.” - “Und Sie? Sie reißen das Ding jetzt aber nicht ab, mit Ihrer Motorsäge.” - “Noi. Ich säg’ nur ein Loch ins Dach. 30 mal 30 Zentimeter. Fürs Ofenrohr.” Ein Ofen? Wahrscheinlich der spacige, der auch auf der Seite des Lkws abgebildet ist: ein nacktes Rohr, das von der Decke in den Raum hineinragt und an dessen Ende, quasi in der Luft schwebend, ein Oval hängt. Themawechsel. “Wahnsinns Hütte, oder?” - “Ha noi, da hab’ ich schon ganz andere gesehen.” - “Echt? Wo denn?” - “In Norwegen, auf Mallorca, in Dubai - und in Stuttgart.” - “In Stuttgart?” - “Ha jo, da kommt der Schwab’ in mir durch.”

Norwegen, Mallorca, Dubai, Stuttgart. Warum sind die Beltracchis ausgerechnet nach Freiburg gekommen? Vielleicht einfach, weil es sich hier so schön fälschen ließ.