Hey UB, früher fand ich dich scheiße, jetzt find' ich dich toll!

Philip Hehn

Als fudder-Autor Philip Hehn zum ersten Mal einen Entwurf der neuen UB sah, fand er sie nicht nur hässlich, nein: "Das Ganze sah für mich aus wie ein großer, facettierter Kaka". Doch mit dem tatsächlichen Gebäude ist auch seine Begeisterung für den neuen Prachtbau der Uni gewachsen. Warum er dank des Gebäudes ein architektonisch-erotisches Erwachen erlebt hat:



Ich weiß nicht mehr, wann ich die neue UB das erste Mal gesehen habe. Es ist lange her. Ich fand sie scheiße. Das Ganze sah für mich aus wie ein großer, facettierter Kaka – falls solches Vokabular hier in der bürgerlichen Presse erlaubt ist – in pseudogediegener Alu-Optik, ein zerstörerisch-invasiver Fremdkörper, der, so stellte ich mir vor, würde man sich in den Küchen uralter Im-Grün-WGs zur Geisterstunde zuflüstern, wie eine der unsagbaren Monstrositäten H.P. Lovecrafts nachts Magisterabsolventen und Jugendstil-Altbauten frisst und Social-Media-Strategen und klinische Depressionen scheißt.


Vielleicht wurde das winzige Foto, anhand dessen ich den Siegerentwurf zu beurteilen hatte, ihm nicht gerecht, vielleicht war ich auch sauer, dass da mit der zugegeben absurd hässlichen alten UB mir nichts, dir nichts ein nicht unmaßgeblicher Teil meiner Studien- und damit Lebenserinnerungen coventriert wurde, vielleicht war ich engstirnig, vielleicht war ich einfach (noch ein schmutziges Wort) konservativ. Ich wollte lieber eines der quaderförmigen Gebäude haben, vielleicht eines der bunten. Bunte Gebäude sind fröhlich.

Aber mich fragte ja niemand. Die Bücher und Studenten zogen um in die alte Stadthalle, diverse Geräte knusperten ein wenig ziellos an dem alten Gebäude herum (fudder berichtete), um die seltsam stehengebliebenen Aufzugsschächte sprossen schiefe Säulen und mächtige Betonplatten, und unversehens sprossen in meinem sprödkalten Herzelein seltsame neue Gefühlchen: Eines Tages lief ich an der Rückseite des fertiggestellten Betonskeletts entlang, das wie eine gezackte Klippe über mir aufragte. Durch den Knick in der Fassade auf Höhe der Warsteiner-Galerie lief in meiner Fantasie ein Wasserfall, hingen Lianen.



Ich entdeckte das Gebäude für mich. Eines Sommerabends saß ich auf der Bank am Brunnen im Alleegarten und die Abendsonne sank plötzlich zwischen die Betondecken und ließ das gesamte Gebäude einige Minuten golden aufleuchten. Die von der Aussparung Ecke Theater freigelegten Stützen, Decken und Treppen erinnerten mich an Strukturen im Innern eines Knochens. Die Schrägungen und Facetten des mit seiner Fassade behängten Gebäudes waren gar nicht schlimm, sondern faszinierend und elegant wie die Linien einer Landschaft, die zu sehen Leute um den halben Planeten fliegen, um dann auf Partys davon zu berichten.

Es ist nicht ganz leicht, seine ästhetischen Vorlieben zu erklären, ohne sich dabei im Kreis zu drehen – das ist schön, weil es mich an etwas erinnert, das schön ist – oder wie ein Horst zu klingen. Mir gefällt an der UB vielleicht, dass sie einem Gebäude unähnlich genug sieht, dass ich andere Kategorien darauf anwenden kann, Gesichter in der Wolke erkennen kann. Es werden nicht halt irgendwie ein paar Säulchen / Blenden / Fensterlädchen / sonstiges Gedöns an die vier Wände mit Dach drüber, die ich brauche, um die Bücher trocken zu halten, geklebt. Ein in die Stadt geknalltes Zweckgebäude weicht nicht einem aufgehübschten Zweckgebäude, sondern einer riesigen Skulptur.

Wenn ich jetzt Besuch habe, lege ich Wert darauf, ihnen das Ding zu zeigen, das einzige Gebäude der Stadt, auf das das zutrifft, mal abgesehen vom benachbarten, herrlich bizarren teuersten und künstlerisch wertvollsten Schrebergarten/Miniatur-Roggenacker der Welt. Ich bin stolz wie Bolle, auf Freiburger Immobilien bezogen ein ungewohntes und etwas beunruhigendes Gefühl. Wie bei einem alten Freund, von dem man sich eines Tages fragt, ob er schon immer so heiß war, durchlaufen die Stadt meines Herzens und ich gemeinsam ein architektonisch-erotisches Erwachen, und es ist ganz bezaubernd.

Heute bin ich froh, dass sich die „nehmen wir doch mal was Quaderförmiges“-Fraktion nicht durchgesetzt hat. Hey UBchen, lass uns Freunde sein, ok? Und hey Freiburg, gerne mehr davon.