Heute holen wir uns Sklaven

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, dass nicht alle Ameisen fleißig sind? Die meisten Arten sorgen zwar sehr effektiv für ihren Nachwuchs und ihre Königin, doch die auch in Deutschland beheimatete Amazonenameise ist sich fürs Arbeiten zu schade. Sie geht lieber von Zeit zu Zeit auf Sklavenjagd.

Wenn es warm wird, senden die Amazonenameisen Scouts in alle Richtungen aus, um Nester anderer Ameisenarten aufzuspüren. Wird ein Scout fündig, so eilt er zu seinen Kollegen zurück und schart ein Angriffsbataillon um sich.


Diese folgen dann der zuvor gelegten Duftspur zu dem fremden Nest und greifen an. Meistens haben sie wenig Gegenwehr zu befürchten, denn sie senden ein Pheromon aus, das die anderen Ameisen die Flucht ergreifen lässt. Sollte doch eine Arbeiterin oder Soldatin des angegriffenen Nestes in den Verteidigungsmodus schalten, so hat sie keine Chance: Die Mandibeln (also Fresswerkzeuge) der Amazonenameise sind deutlich kräftiger, größer und schärfer und auf den Kampf spezialisiert.

In den Ameisenhaufen eingedrungen suchen die Amazonen die Brutkammern auf und verschleppen ein paar hundert Larven und Puppen wieder zurück in ihr Heimatnest. Dort werden diese von schon früher versklavten Ameisen großgezogen, um wiederum selbst zu Sklaven zu werden.

Die Amazonenameisen, die selbst meistens weniger als 20 Prozent der Nestbevölkerung ausmachen, übernehmen nur Wächteraufgaben und eben beschriebene Feldzüge. Das Besorgen von Nahrung und die Aufzucht des Nachwuchses überlassen sie ihren Untergebenen. Sie lassen sich sogar von den Sklaven mit einem Sekret Mund-zu-Mund-befüttern, da sie selbst keine feste Nahrung aufnehmen können.

Allerdings würden sie nie ein benachbartes Nest komplett ausrauben. Durch nachhaltige Bewirtschaftung kann ein Amazonenameisenstaat von drei in ihrer Umgebung lebenden anderen Ameisenvölkern gut überleben.