Heute: Alice Francis im Jazzhaus

Bernhard Amelung

Femme fragile, Femme fatale, Flapper Girl: Alice Francis vereint in ihrer Künstlerpersönlichkeit drei konträre Frauenbilder der Zwanzigerjahre. Zusammen mit ihrer Band tritt sie am Freitagabend im Jazzhaus auf.



Da ist einmal Alice Francis, eine junge Frau mit schmalen Schultern und kindlichen Gesichtszügen. Diese betont sie oft mit weißem Kajal – er lässt die Augen größer erscheinen – und rosa Lipgloss. Er sorgt für jugendlich pralle Lippen und glatte Lippenkonturen.


Betritt sie die Bühne eines Konzertlokals, blickt sie aus ihren großen Augen am Publikum vorbei, ganz so, als ob sie in der Ferne jemanden suche. Sie wispert, haucht ein „Guten Abend“ ins Mikrofon. Sie bewegt sich langsam und mit Bedacht. Jetzt bloß keinen Fehler machen, sagen ihre Gestik und Mimik. So auch im September 2013 im Freiburger Club Schmitz Katze, als sie ihr damals neues Album „St. James Ballroom“ vorgestellt hat.

Francis, die Femme fragile, ist möglicherweise ein Erbe ihrer Kindheit. Sie wird in das Rumänien der Wendezeit geboren und wächst auf dem Land bei Timisoara (Temeschwar) als Tochter einer Rumänin und eines Tansaniers auf. Sie kommt nach Köln, da ist sie noch kein Teenager.

In dieser Zeit treiben sie Fragen nach ihrer Herkunft und Identität um. Halt und Orientierung findet sie im Sprechgesang und schwarzamerikanischem Hip-Hop. Sie hört Musik von Bands wie Public Enemy und N.W.A., deren Rapper Eazy-E und Ice Cube sie verehrt.

Später schreibt sie ihre Gedanken auf. Die Sehnsucht nach und das Schaffen von Heimat werden zu wiederkehrenden Themen in ihren Versen. Diese singt und rappt sie im Rhythmus der bekannten Beats. Das gibt ihr Kraft. Ihr Selbstbewusstsein erstarkt. Sie strebt nach Unabhängigkeit, emanzipiert sich von ihrem Elternhaus und erkennt ihre Weiblichkeit als Trumpf. Da ist Alice Francis, die Femme fatale; bloß nicht mit ihr anlegen.



2007 lernt sie Johann Niegl kennen, Student der Multimedialen Komposition und Beat-Programmierer in Köln. Er lebt heute in Hamburg und ist an zahlreichen Musikprojekten beteiligt, darunter Synthfiction (mit Joscha Reiber) und Niegl Bros. (zusammen mit seinem Bruder Robert).

Niegl und Francis gehen zusammen ins Studio. Er produziert für sie Beats, war federführend an der Produktion des Albums beteiligt. Seine Musik weist mal Einflüsse des französischen Elektronikmusikers Ludovic Navarre (St. Germain) aufweisen, dann wieder baut sie auf Jazz-, Soul- oder Funk-Samples auf.

Walking-Bässe und geswingte Ride-Becken, Bläsersätze und Gitarren-Instrumentals haben es ihr angetan. Sie dringt vor in den Musikkosmos der Zwanziger Jahre. Sie lernt die Songs von Mahalia Jackson, Josephine Baker, aber auch Eartha Kitt kennen und lieben. Diese Frauenpersönlichkeiten werden ihr zu musikalischen Vorbildern und Partnerinnen im Geiste.

Fortan nennt sich Francis auch Miss Flapperty, ein Kofferwort aus dem englischen Wort für Freiheit (Liberty) und Flapper. „Flappers“ oder „Flapper-Girls“ waren in den 1920er Jahren Frauen, die selbstbewusst auftraten und mit gesellschaftlichen Konventionen brachen. Sie trennten sich von vielem, was traditionell als weiblich galt.

Statt aufwändiger Hochsteckfrisuren trugen sie ihr Haar zu einem kurzen Bob geschnitten. Sie legten Korsagen ab, trugen weite Kleider, besuchten Jazzclubs, tranken öffentlich Alkohol, rauchten und lebten somit eine antipuritanische Gegenkultur, wie sie der US-amerikanische Schriftsteller Scott F. Fitzgerald in seiner Erzählung „Bernice Bobs Her Hair“ im Jahr 1920 beschrieb.

Bei Francis findet dieser Bruch vor allem im St. James Ballroom statt. Es ist nicht nur der Titel ihres Debütalbums, sondern ein Sehnsuchtsort, der in der wirklichen Welt nicht gegeben ist.

Alice Francis - Gangsterlove

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

Was: Konzert: Alice Francis; danach Electroswing-Nacht mit KimSka & Paavo
Wann: Freitag, 21. März 2014, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus