Herzeleid 2.0: Die Freiburger Online-Seelsorge

Aljoscha Harmsen

Sich die Sorgen von der Seele zu reden war gestern. Seit ein paar Wochen macht es die Freiburger Telefonseelsorge auch möglich, sie sich von der Seele zu tippen. Wie das geht und welche Erfahrungen die Seelsorger bisher gemacht haben, steht im folgenden.



Die Telefonseelsorge Freiburg ist eine von 17 Stellen in Deutschland, die über die telefonische Betreuung hinaus nun auch Chat-Seelsorge anbieten. Rund 150 Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich als Online-Seelsorger. "Dafür müssen sie neben der einjährigen Telefonseelsorge-Ausbildung und Erfahrung am Sorgen-Telefon eine Zusatzausbildung für die Arbeit im Chat absolvieren", erklärt Bernd Blömeke, Leiter der Telefonseelsorge im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).


Seit vier Jahren wird die andere Form der Seelsorge bundesweit angeboten. In Freiburg sei die Chat-Seelsorge schon seit 2001 geplant gewesen, aber die technischen Hürden konnten erst vor ein paar Wochen überwunden werden. "Es ist eine andere Form des Kontakts, in der wir lernen müssen, Ausdrucksformen, die im Chat etabliert sind, richtig zu verstehen." Die Themen seien dagegen ähnlich wie am Telefon.

Wie kann man teilnehmen?

Um an der Chat-Seelsorge teilzunehmen, müssen sich die Ratsuchenden anmelden und einen freigegebenen Termin belegen. Ein Termin dauert in der Regel eine Stunde. Sechs Termine wollen die Seelsorger pro Tag als bundesweiten Durchschnitt anbieten.

"Wir beobachten, wie sich die Medien weiterentwickeln und haben festgestellt, dass es dubiose Angebote gibt, auf die wir reagieren müssen", sagt Blömeke. Er denkt dabei zum Beispiel an Suizid-Foren. "Wir wollen ausprobieren, ob unsere seriösen Angebote nicht besser angenommen werden."

Der 50-jährige Betreuer problematisiert das neue Angebot aber auch: "Das Telefon ist schon eine reduzierte Form. Chat und E-Mail sind noch reduzierter." Das mache es für die Ehrenamtlichen schwierig, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. "Ist er wirklich männlich oder weiblich? Ist es ein echtes Leiden oder nur ein vorgeschobenes?"

Der Vorteil des Angebots bestehe andererseits darin, dass durch die anonymisierte Form sich auch Ratsuchende melden, die sonst nie ein Gesprächsangebot wahrnehmen würden.



Wer tippt im Sorgenchat?

"Wir haben Kontakt mit Menschen, die sich selbst verletzen oder Missbrauchserfahrungen gemacht haben, sich also in hoch beschämenden Situationen wiederfinden. In der Online-Betreuung gibt es nicht den Erwartungsdruck, dass das Gegenüber etwas sagt", so Blömeke. Den Begriff 'Therapie'  möchte er allerdings nicht benutzen. "Unser Ziel ist es, den Betroffenen Möglichkeiten zu eröffnen. Sie sollen über den Kontakt zu uns weiterkommen und eventuell auch den Schritt zu einem Therapeuten oder einer persönlichen Beratung wagen."

Zum Erfolg des Angebots hält sich Blömeke bedeckt. "Wir können die Ratsuchenden nicht befragen, ob es geholfen hat, denn damit würden wir ein Eigeninteresse verfolgen." Die Arbeit wird durch die Träger der Seelsorgestellen finanziert.

"Für die Freiburger Chat-Seelsorge arbeiten zwölf Ehrenamtliche", erklärt Erich Biel, der zusammen mit Peter Kallenberger die Freiburger Telefonseelsorge leitet. Mindestens drei Jahre Erfahrung am Telefon verlangt er von seinen Mitarbeitern, bevor sie an die Chat-Tastatur dürfen.

Im Moment bieten die Freiburger zwei bis vier Sitzungen pro Woche an, mit jeweils einem Ratsuchenden und einem Betreuer pro Sitzung. Der Altersdurchschnitt sei deutlich geringer als am Telefon. "Im Chat finden sich hauptsächlich Personen zwischen 25 und 30 Jahren ein. Zum Telefon greifen eher Personen zwischen 40 und 50 Jahren", so Biel.



Dabei überwiege der Frauenanteil bei beiden Medien deutlich. Besonders aber für Menschen, die Depressionen haben, sei der Chat eine gute Gesprächsmöglichkeit.  "Depressionen können dazu führen, dass sich ein Mensch stark zurückzieht, aber über den Chat noch wagt, zu kommunizieren. Wir nehmen an, dass Chat und Telefon nicht von identischen Zielgruppen wahrgenommen werden. Manche Menschen sehen selbst telefonischen Kontakt als zu hohe Schwelle an." 

Für die Chats bestehe eine höhere Nachfrage, als es Angebote gibt. "Manchmal sind die Termine innerhalb einer halben Stunde vergeben. Für die Zukunft wollen wir sieben bis zehn Termine anbieten."

Der Schritt ins Netz ist keine ganz neue Idee. "Seelsorge im Internet gibt es seit 1998", sagt Norbert Kebekus, Referent im erzbischöflichen Seelsorgeamt und Leiter der Internetseelsorge in Freiburg. Diese arbeitet allerdings unabhängig vom Angebot der Telefonseelsorge und betreut nur per E-Mail.

"Inzwischen haben wir ein Team von acht Mitarbeitern und mittlerweile 400 bis 500 Erstkontakte pro Jahr." Manche der Ratsuchenden blieben bis zu einem halben Jahr mit den Seelsorgern in Kontakt. "Wir schreiben ja nicht nur eine einzige Mail zurück, wie man das aus Illustrierten kennt. Damit ist kein Problem gelöst." Zwischen fünf und zehn E-Mails seien Durchschnitt.

"Die Themen reichen von Sexualität, Beziehungsfragen, Einsamkeit, Glaubensfragen bis hin zu Sucht und Krankheit." Die E-Mail zwinge den Ratsuchenden, sein Thema niederzuschreiben. Damit beginne schon eine Verarbeitung.




Mehr dazu:

Für die Telefonseelsorge werden Freiwillige gesucht. Wer sich dafür bewerben möchte, kann sich unter info@telefonseelsorge-freiburg.de melden.