Lesung

"Heroin fühlt sich gut an, wenn du mit der Welt unzufrieden bist", Ex-Junkie und Youtube-Star Sick im Interview

Felix Klingel

Shore, Stein, Papier; also Heroin, Koks und Geld: Das waren jahrelang die Grundpfeiler im Leben von Sick. Mit einer Youtube-Serie über sein Leben erreichte er Millionen, am Samstag erzählt er davon in Freiburg.

Ehrlich, abgefuckt aber immer wieder verdammt lustig und charmant: In seiner Youtube-Serie "Shore, Stein, Papier" erzählt der Ex-Junkie mit dem Künstlernamen "Sick" eindringlich von seinem Leben zwischen Drogen, Knast und Therapie. Inzwischen ist der 45-jährige clean, hat einen Spiegel-Bestseller geschrieben und ist in der Drogenprävention aktiv. Am Samstag tritt er in Freiburg auf und erzählt seine Geschichte.


Sick, kommst Du am Samstag mit der Bahn nach Freiburg?

Nein, wir kommen mit dem Auto.

Sind Bahnhöfe, die ja immer irgendwie eine Drogen-Szene um sich haben, problematisch für Dich?

Nein, nicht wirklich. Also in Hannover macht mir das noch komische Gefühle, weil es mein altes Revier ist. Aber in anderen Großstädten ist das kein Problem. Ich war erst in Frankfurt und bin dort ums Bahnhofsgelände herum. In den Eingängen saßen junge Männer, alle Bleche in der Hand, genau wie ich früher. Das tut mir inzwischen mehr leid, als dass ich geil auf einen Rückfall werde.

Du warst jahrelang heroinabhängig und hast mit 15 das erste Mal Shore, also Heroin, geraucht. Wie kam es dazu?

Es kam alles mit einem plötzlichen Schulwechsel von Sindelfingen nach Hannover. Von jetzt auf gleich, innerhalb von zwei Tagen. Der neue Freund meiner Mutter hat mir auf dem Weg noch gesagt, dass er meine Mutter liebt, ich aber unerwünscht bin. Und so hat es angefangen, dass ich mit 13 mehr draußen rumgehangen bin als zu Hause, in der großen neuen Stadt.



Und dort bist Du auf Drogen gestoßen?

Ja, ich habe viele Leute kennengelernt, mit denen ich später zu den falschen Personen geworden bin. Ich hab’ nicht die falschen Leute kennengelernt, wir waren alle Kinder. Alle ein bisschen deprimiert und mit schwierigen Elternhäusern. Also haben wir angefangen zu kiffen. Bevor ich auf Shore gekommen bin, war ich zwei Jahre dauerbekifft. Wenn der Freundeskreis das macht, stellst du das nicht in Frage.

Wie kam dann der Sprung zu härteren Drogen?

Einer der Jüngsten damals hat das Zeug mitgebracht. Er hat seinen Bruder beklaut, der gedealt hat. Mit Nadeln und Zeitungspapier hat er Stoff aus den großen Tüten besorgt. Wir sind alle Jugendliche zwischen zwölf und 16, haben umsonst Stoff, fast ungestreckte Kiloware. Ein paar Wochen und wir waren alle drauf. Heroin fühlt sich einfach gut an, gerade wenn du unzufrieden bist mit der Welt.

Bei deinem ersten Konsum wusstest du gar nicht, dass Du Heroin rauchst.

Ja, hieß doch Shore. Dass das der Straßenname für Heroin ist, wusste ich nicht.

Hättest Du es genommen, wenn Du es gewusst hättest?

Klar. Scheißegal wie das Zeug heißt – los geht’s. Das Gefühl war entscheidend.

Keine Bedenken?

Nein, mit 15 habe ich nicht verstanden, dass das nur eine Gefühlsmanipulation ist. Man fühlt sich natürlich besser, aber nur solange der Rausch da ist.

So richtig intensiv wurde dein Konsum, als Koks in Spiel kam. Was ist das Gefährliche daran?

Kokain bringt für mich eine unglaubliche Gier mit, die man nicht mehr steuern kann. Wenn du Koks ballerst, also intravenös nimmst, oder es rauchst, hat das eine andere Qualität, als wenn du eine Nase ziehst. Kaum hast du geknallt, willst du schon wieder, und wieder, und wieder. Obwohl dir die Suppe schon aus dem ganzen Körper läuft. Man rafft es nicht mehr. Man ist wie fremdgesteuert.



Da wurde es dann teilweise sogar lebensgefährlich?

Ja, ich wusste, ich krepier daran, aber ich mach es trotzdem. Das ist ein ganz ekliges Gefühl. Ich bin ein paar Mal umgefallen. Als ich hochgekommen bin, hab ich mir wieder direkt den nächsten Knaller fertig gemacht, weil ich dachte: "Alter, wie geil war das denn!" Unterbewusst ist es vielleicht auch das Ziel, sich abzuschießen. Aber eigentlich wollte ich leben und nur ein bisschen Spaß haben mit Koks. Wenn du dir die ganze Serie anguckst, hat das aber nichts mehr mit Spaß zu tun, sondern mit einer Erkrankung, die dich ewig fesselt und in der Gesellschaft stigmatisiert ist.

War es eine bewusste Entscheidung, noch zu einer anderen Droge zu greifen?

Nein, das kam einfach so. Auf der Szene trifft man eben mal Leute, die man gut leiden kann und die einem mal ein paar Koks-Steine schenken: "Hier probier mal, total geil".

Wie lange hast du gebraucht, um von den harten Drogen wegzukommen?

Im Spätsommer 2012 bin ich aus meiner letzten Entgiftung gekommen.

Das fällt zusammen mit dem Start von "Shore, Stein, Papier" auf Youtube.

Genau, ich war gerade raus aus der Entgiftung und mit meiner Mutter für eine Woche in Bayern. Sie fragte mich also ständig: Was machst du jetzt? Was soll ich der Frau sagen? Wahrscheinlich kaufe ich zwei Kilo Gras, fange wieder an zu ticken und werde heroinrückfällig. Keine Ahnung, was ich sonst machen sollte. Die Rettung kam in Form eines Anrufes. Ramon von 16bars.de hat mich gefragt, ob meine Geschichte vor der Kamera erzählen will. Ich kannte ihn von früher, da ich mit ihm schon ein Rap-Label gegründet habe. Das hatte sich aber wieder verschlagen. Da hatte ich eine Antwort für meine Mutter. Und eine Aufgabe.

Hast du mit dem Erfolg gerechnet?

Nein, ich dachte das wird sich kein Schwein angucken. Am Ende kam für mich eine riesige Therapie raus.

Inwiefern?

Es war das erste Mal, dass ich laut ausgesprochen habe, was wirklich gelaufen ist. Dadurch habe ich Erkenntnisse erlangt über mich und mein Leben. Während der Dreharbeiten habe ich eine Depression bekommen, habe wochenlang nur geheult. Ich dachte mir steht ein Lkw auf der Brust, ich habe kaum mehr Luft bekommen. Und am Ende hatte ich die Quintessenz: Du konntest nie mit deinen Gefühlen umgehen. Und darum hast du sie weggemacht mit den Drogen. Jetzt wo das klar ist, ist clean sein eigentlich ganz einfach.



Was hat sich verändert?

Ich setze mich sofort mit meinen Emotionen auseinander. Kommt ein komisches Gefühl auf, rede ich sofort darüber. Zur Not schrei ich ein bisschen. Aber ich konsumiere nichts mehr weg, das funktioniert nicht.

Deine Tour heißt "Alles andere als eine Lesung" – du liest in Freiburg also nicht nur aus deinem Buch vor?

Ne, stell dir mal vor ich komm da hin und lese zwei Stunden aus’m Buch vor. Wie langweilig ist das denn. Wenn ich einen nur labern hör’n will, kauf ich mir ein Hörspiel. Ich hab Requisiten dabei, Bildmaterial und Videos, und erzähle einzelne Geschichten. Aber ich will da auch nicht zu viel verraten.
Was: Shore Stein Papier live mit Sick
Wann: Samstag, 24.11, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus Freiburg
Tickets: BZ-Ticket

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