Helferkreis und Moses-Projekt: Unterstützung für Mütter in Not

Martin Jost

Für einige Frauen ist Schwangerschaft eine Katastrophe: Sie sind schlecht vorbereitet und ihr Leben steht auf wackligen Füßen. Der Freiburger Helferkreis für Mutter und Kind und das Moses-Projekt stützen sie.



Ein Altbau mit mehreren Mietwohnungen in der Kartäuserstraße. Eine junge Frau parkt den Kinderwagen vor der Haustür, nimmt ihr Baby auf den Arm und klingelt. Sie will in der Kleiderkammer des Helferkreises für Mutter und Kind e.V. Schuhe für ihren Sohn umtauschen. „Die sind toll, aber passen ihm leider gar nicht.“


Die Kleiderkammer ist ein Weg, auf dem der Verein Helferkreis Mütter unterstützt, denn Babyklamotten sind teuer und schnell verwachsen. Die Kammer hat aber noch eine zweite Funktion: Während kleine Anziehsachen gegen größere Anziehsachen getauscht werden, entwickeln sich formlose Gespräche zwischen Hilfesuchenden und Ehrenamtlichen.

„Manchmal merken die Frauen gar nicht, dass es an einer Stelle brennt“, sagt Tony Otten, die ehrenamtlich in der Geschäftsstelle des Vereins arbeitet. Sie kämen mit einer Frage zu einem Thema und im Nebensatz erzählen sie von einem Behördenbrief, auf den man ganz schnell reagieren muss.

Unter den Unterstützten sind viele Frauen, denen Deutsch zu sprechen schwer fällt oder die nicht selbstbewusst sind im Umgang mit deutscher Bürokratie. Der Helferkreis begleitet sie auf Ämter oder hilft ihnen mit Papierkram. Es soll ihnen aber nicht Verantwortung abgenommen, sondern schwerpunktmäßig das Selbstwertgefühl gestärkt werden. „Wir machen den Frauen bewusst, was sie schon geschafft haben“, sagt Tony Otten. Es gehöre auch zur Strategie der Mitarbeiterinnen des Helferkreises, die Mütter oder Schwangeren mit „Frau …“ und mit „Sie“ anzureden.

Welche Motivation haben die Aktiven, wie Tony Otten nach einer ein halbes bis dreiviertel Jahr dauernden Schulung Müttern und werdenden Müttern zu helfen? „Wir haben einen christlichen Hintergrund“, sagt Tony Otten. „Wir wollen, dass es den Kindern gut geht – und dafür muss es den Müttern gut gehen.“ Christlicher Hintergrund bedeutet aber nicht kirchlicher Träger – der Verein und seine Projekte sind frei und überkonfessionell.  

„Soziale Indikation“

 
Der Helferkreis wurde 1984 auf Betreiben der Verlegergattin Mechtild Herder gegründet. Anfang der 80er Jahre schlug die Debatte um den Paragraphen 218 hohe Wellen. Mit dem Verein sollen Schwangere in prekärer Lage ausreichend unterstützt werden, dass eine Zukunft mit Kind für sie vorstellbar und möglich wird. Bei der anonymen Telefonberatung oder bei der vertraulichen praktischen Hilfestellung werden die Frauen nicht gedrängt, sich für das Austragen des Kindes zu entscheiden, aber der „sozialen Indikation“ für eine Abtreibung wird Druck genommen, wenn Hilfe in Aussicht steht.

„Nach unserer Erfahrung ist entscheidend, dass sich werdende Mütter, die denken, dass sie nicht allein klar kommen, möglichst früh an uns wenden. Je früher sie sich Unterstützung holen, desto wahrscheinlicher ziehen sie selbst später Ihr Kind auf“, sagt Tony Otten.

Weil sich das Angebot des Helferkreises traditionell auf die Hilfe für Mütter mit Kindern in den ersten Lebensmonaten und -jahren richtet, ging 2003 noch das Moses-Projekt an den Start. Es ist eine Kooperation des Helferkreises mit Diakonischem Werk, Diakoniekrankenhaus und St.-Josefs-Krankenhaus. In diesem Projekt werden Schwangere in akuten Notlagen nach Wunsch ganz anonym beraten und können sogar anonym und unter der Aufsicht und Fürsorge eines der beiden Krankenhäuser zur Welt bringen können.



Über 80 Prozent der Frauen, die sich Hilfe suchen, entschieden sich schließlich dafür, das Baby zu bekommen, sagt Tony Otten. „Das eigene Kind zur Adoption freizugeben ist nicht unbedingt die schlechteste Lösung, wenn eine Mutter sieht, dass sie keine Chance hat, ihr Kind zu ernähren und zu erziehen. Jeder Mutter fällt es schwer, ihr Kind in fremde Hände zu geben, und es spricht für viel Mut und Vertrauen in die Adoptionsberaterin und die fremden Eltern, wenn sie diesen Weg beschreitet.“

Das Kind anonym zu gebären ist eine weitere Möglichkeit. Der Helferkreis sieht sie als letzten Ausweg, aber begleitet auch diesen Schritt. Bis zu acht Wochen nach der Niederkunft hat hier die Mutter die Möglichkeit, sich doch persönlich des Kindes anzunehmen. In jedem Fall soll sie aber wenigstens einen Brief hinterlassen. „Für die Kinder ist es erfahrungsgemäß ganz, ganz wichtig, zu wissen, warum ihre Mutter sie in dieser Situation ihres Lebens nicht selbst großziehen konnte“, sagt Otten. Die „sehr, sehr wenigen“ anonymen Geburten, die es gegeben hat, waren alle von Frauen, die erst kurz vor Ende der Schwangerschaft an das Moses-Projekt heran getreten sind.

15 Ehrenamtliche, eine Sozialpädagogin in Teilzeit und eine Bürokraft in Teilzeit arbeiten im Helferkreis für Mutter und Kind e.V. mit – begleiten auf Ämterwege, beraten über die Pflege des Babys oder organisieren Notunterkünfte und materielle Hilfen. Noch einmal rund 30 Ehrenamtliche engagieren sich als Zuhörerinnen und Unterstützerinnen im Moses-Projekt, das nach dem biblischen Propheten benannt ist, weil seine Mutter sich dem Mythos zufolge rechtzeitig zu helfen wusste.

Helferkreis und Moses-Projekt tragen sich allein durch Spenden und Förderbeiträge. Zusätzliche ehrenamtliche Helferinnen werden aber auch noch gesucht. Oder einfach ein paar zu klein gewordene Schuhe für die Kiste in der Kleiderkammer.



Mehr dazu:

Was: Anonyme Beratung und Hilfe, anonyme Geburt
Wann: 24/7
Wo: Moses-Projekt Freiburg, Telefon: 0761.8818217

Was: Infoabend zur Tätigkeit und zur Schulung ehrenamtlicher Helfer
Wann: 5. Oktober 2011, 18 Uhr
Wo: Familienpflegeschule, Kartäuserstr. 43 [Bild 1: "pregnant silhouette" von mahalie via Flickr, Lizenz CC BY-SA 2.0; Bilder 2, 3 und 4: Martin Jost]