Heiße Küsse & kommunikative Engpässe: Schüleraustausch-Erlebnisse, die wir nicht vergessen haben

fudder-Redaktion & Anne Blasel

Die eine hat während des Schüleraustauschs in Frankreich ihren ersten Kuss bekommen, der andere hat in Dänemark vier Wochen lang mit einem Fremden im selben Bett geschlafen. Und ihr? Welche tollen oder schlimmen Erfahrungen habt ihr während eures Schüleraustauschs gemacht? Um euch zu inspirieren, haben wir vorgelegt und erzählen euch, was bei uns so was, wann, wo passierte:

 

Nordengland, 1992

"Die Stufenparty während meines Schüleraustausch in eine nordenglische Kleinstadt in der Nähe einer nordenglischen Großstadt konnte mich und meine mitgereisten deutschen Klassenkameradinnen und -kameraden nicht so richtig begeistern, während unsere englischen Gastgeber schon Tage vorher aufgeregt Outfits planten.

Die Sause fand in einem Club statt, zu dem wir gruppenweise in Doppeldeckerbussen - immerhin schön typisch englisch! - gekarrt wurden. Der Club war etwas seltsam und ziemlich uncool: Alkohol, Kaugummi und Turnschuhe (!) waren vor Ort streng verboten, und zur Deko standen Käfige mit Porzellanraubtieren herum. Bizarr! Aus den großen Boxen dröhnte grausige Chartmusik, und zusammen mit den anderen deutschen Austauschschüler hing ich alsbald in den großen und mit Sofas ausgestatteten Waschräumen ab, wo wir über die Musik lästerten und mit unseren brandneuen Hypercolor T-Shirts spielten.

Irgendwann fing in der Disco der Auftritt der angekündigten Band an. "Hey, das müsst ihr sehen!", sagte eine der englischen Gastgeberinnen, zu uns abhängenden, gefrusteten Deutschen. Und so ging ich in den Hauptraum der Disco. Dort dröhnte die Musik, irgendwelcher Pop, es war gerappelt voll, alle drängten um die Tanzfläche - aber ich konnte nichts sehen. So kletterte ich auf einen der Käfige, in dem ein Porzellanleopard saß. Von dort konnte ich auf die Tanzfläche sehen. Dort war jedoch keine Band: Die fünf Männer hatten zumindest keine Instrumente. Stattdessen tanzten sie, synchron und in koordinierten Outfits. Ich war gerade dabei, den Hauptakteur zu begutachten, einen Mann mit einer blondierten Stehfrisur, da verlor ich den Halt und fiel vom Käfig. Aua.

Den Rest des Abends verbrachte ich dann wieder im Waschraum mit den anderen Deutschen, über die "Band" lästernd. Während der Busfahrt nach Hause war die Gastschwester meiner Freundin T. ziemlich aus dem Häuschen, was ich kaum nachvollziehen konnte. Sie hatte für die Schülerzeitung ein Interview mit der "Band" geführt, und einer der Typen hatte sie geküsst, danach. "Robbie kissed me!", sagte sie immer wieder. "Robbie kissed me!" So was von albern!

Ich dachte nicht mehr an diese Band. Bis einige Monate später jemand aus meiner Stufe, der ebenfalls mit in Nordengland gewesen war, in einer Unterrichtspause eine Bravo las. "Sag mal, ist das nicht die Band von dieser schlimmen Schulparty in England?" Tatsächlich, das waren sie, auf einem kleinen Foto auf einer der letzten Seiten des Hefts, ihre Hintern präsentierend. Der Typ mit der schlimmen blondierten Frise war unverwechselbar. Darunter der Bandname, den ich an dem Partyabend entweder nie gehört, oder gleich wieder vergessen hatte: Take That."



Michigan, 1997

"Ich habe keine Ahnung, wie Ivana heute aussieht, wo sie lebt, was sie macht, ob sie verheiratet ist oder Kinder hat. Damals, 1997, an jener High School im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan, war sie blond, zierlich, schüchtern, schön. Ich glaube sogar, sie war Single, aber ich hatte mich natürlich nicht getraut, sie das zu fragen – viel zu schüchtern war ich als 16-Jähriger noch, trotz Baggy Pants und Basecap.

Außerdem wohnte ich bei einem der unbeliebtesten Typen der Schule: einem Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der sich tagein, tagaus in sein Jugendzimmer im Basement zurückzog, um dort Online-Rollenspiele zu zocken und mit seinen Hacker-Kumpels irgendwelche Dinge im Internet anzustellen. Mein Freund aus Deutschland, der ebenfalls am Schüleraustauschprogramm teilnahm, hatte mehr Glück. Er kam zur coolsten Typen der High School: Sie hatten eine angesagte Band, hingen mit hübschen Mädels ab, fuhren mit einem Van rum und bauten Scheiße.

Ivana wohnte in der Nachbarschaft meiner Gastfamilie. Ihre Eltern waren – soviel hatte ich herausgekriegt – irgendwann aus Kroatien in die USA gekommen, ihr Vater machte irgendwo auf dem Campus irgendwas mit Computern. Sie hatte Geschwister, einen Bruder und eine Schwester. Manchmal sahen wir uns in der High School, ab und zu trafen wir uns auf dem Heimweg, quatschten miteinander, trennten uns wieder.

Unter meinen Fotos von damals befinden sich auch zwei von ihr. Sie entstanden während eines Schulausflugs am Lake Michigan, Ivana ist aber beide Male nur zufällig drauf – ich hätte mich nicht gewagt, sie direkt abzulichten. Ich habe die Fotos lange nicht mehr angeschaut. Vielleicht such ich sie nachher mal, schaue sie mir an und spiele das gute alte Gedankenspiel namens 'Was wäre, wenn'."

Dänemark, 2010

"Ich war einmal mit der Schule auf einem Austausch in Dänemark. Ich kam mit der Oberpfeife aus meiner Stufe in eine Gastfamilie. Diese stellte uns aber nur ein Bett zur Verfügung. Also musste ich eine Woche lang mit ihm in einem Bett schlafen und musste die ganze Nacht seine Füße unter meiner Decke spüren. Das war schlimm."



Vermont, 2006

"Mein Erlebnis ist eher peinlich. Ich war sechs Wochen in den USA, in Vermont. Es war die letzte Feier, bevor wir wieder nach Hause mussten. An der Schule gab es einen Jungen, der Gitarrist in einer Band war, und sein Kumpel hat mir am Tag davor erzählt, dass dieser mich küssen wolle. Deshalb spielten wir auf der Feier irgendwann Flaschendrehen. Ich hatte mit ihm vor der ganzen Gruppe meinen ersten Kuss. Letztendlich war es aber keine Lovestory, da er eigentlich nur Interesse hatte, ein deutsches Mädchen zu küssen. Bis auf dieses Erlebnis war der Austausch aber cool."



Boston, 2009

"Austauscherlebnisse habe ich ziemlich viele. Ein einprägendes war jedoch definitiv bei meinem Austausch mit einer Highschool im Bostoner Dunstkreis. Dort war ich in einer unglaublich netten Austauschfamilie untergebracht. Meine Austauschmutter hatte irische Wurzeln, mein Austauschvater war Inder.

Es ist ja weithin bekannt, dass indisches Englisch im Prinzip als eigene Sprache angesehen werden kann. Ich hatte das etwas unterschätzt. Ich verstand nicht einmal seine salbungsvollen Begrüßungsworte - ich glaube es ging um Alkohol.

Von da an führte ich jeden Abend mindestens eine Stunde Konversation, bei der ich nichts, aber auch gar nichts verstand. Ich nickte freundlich, lächelte freundlich und habe mir Abend für Abend die Zunge fast abgebissen, um nicht lachend vom Stuhl zu fallen. Seinen Namen weiß ich bis heute nicht, obwohl ich die Familie Jahr für Jahr besuche."

fudder-Debatte

In welchem Land warst du auf Schüleraustausch? War das geil? Oder eher scheiße? Was war dein schönster, was dein schlimmster Moment? Und: Sehnst du dich nach damals zurück?

Du bist gefragt!


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