Heisler: Ich glaube, man nennt mich Präsident

Helena Barop

Alex Heisler hat das ZMF gegründet. 24 Mal hat er seitdem das Festival organisiert. Jetzt sind die Zelte in der Hand von Koko Entertainment, denn Heislers Verein hat im WM-Sommer pleite gemacht. Trotzdem fühlt sich Heisler offenbar noch als derjenige, ohne den am Mundenhof gar nichts läuft. Helena hat den Allgemeinmediziner in Köndringen besucht. Ein Portrait.



Fünf Fragen in drei Stunden

Wer sich mit Alex Heisler unterhalten will, muss geduldig sein. Achim Rau, einer seiner engsten Mitarbeiter, schaut sich fast ehrfürchtig in Heislers Arbeitszimmer um - ein künstlerklischeehaftes Chaos aus Platten, CDs und Büchern, die sich um einen Flügel und einen Schreibtisch scharen. "In jeder Ecke steckt hier ein bisschen ZMF", sagt Heisler. Mit zweifelndem Blick fragt er, ob ich Zeit habe. Dass Alex Heisler zu unserem Gespräch eine Stunde zu spät kommt, lässt sich auf die Patienten schieben, die der Allgemeinmediziner in seiner Praxis im idyllischen Köndringen behandelt. Dass es in drei Stunden nur mit viel Mühe möglich ist, Heisler fünf Fragen zu stellen, liegt an dem unerschöpflichen Vorrat an Geschichten und Anekdoten, die aus dem ZMF-Gründer heraussprudeln.

Mit Konstantin Wecker hat er Nächte durchgefeiert. Dem Jazzer Cab Calloway hat er den Lebenstraum erfüllt, mit einem Orchester aufzutreten. Zum Frühstück hat er morgens um Sechs beim Bäcker einhundert Brötchen gegen einen Flamenco eingetauscht. Einmal ist er mit dem Flugzeug über das Festivalgelände geflogen und hat sich querflötespielend aus dem Fenster gelehnt.

Mit manchen Künstlern ist er so vertraut, dass sie sich auch medizinisch von ihm behandeln lassen. Nächtelang könnte er so weitererzählen von großen Momenten und kleinen Geschichten aus seinem Leben mit den Stars.



Wenn er von "seinen Künstlern" erzählt, kann man sich vorstellen, wie bei der Festivalorganisation die Fäden bei ihm zusammenlaufen. Nicht nur die Stars, auch ihre musikalische Geschichte und ihre Musik kennt er genau. In einem alten Koffer bewahrt der selbst ernannte Vater des Festivals Programmhefte und Fotos auf und zeigt sie gerne her. Das ZMF ist sein Lebenswerk.

Dauernd große Namen

Vor 25 Jahren fing alles an. Heisler hatte klassische Konzerte im Audimax organisiert, von acht bis zehn, Eintrittspreis: vier Mark. Das klingt nicht besonders revolutionär, trotzdem brauchte er die Unterstützung des späteren Kardinal Lehmann. Dieser hatte beim damaligen Universitätsdirektor Bernhard Stoeckle ein gutes Wort für die Konzertvorhaben an der Uni eingelegt. Der Lehmann, der Wecker, der Chick Corea. Große Namen scheinen in jedem seiner Lebensabschnitte aufzutauchen.

Bei einer feuchtfröhlichen Konzertnachfeier hatte jemand die Idee, die Musik aus der Uni in ein Zelt zu holen. Kurz darauf war auch schon ein Zirkuszelt organisiert, bei einer Stadtratssitzung boxte er im Arztkittel in der Mittagspause sein "Weltfestival" durch.

Als der damalige Oberbürgermeister Rolf Böhme und Bernhard Stoeckle die Genehmigung im letzten Moment doch noch zurückzogen, baute Heislers Team das Zirkuszelt in Nacht und Nebel trotzdem auf dem Platz der Alten Synagoge auf. Aus einer Schnapsidee wurde Realität. "Erst aufbauen, dann fragen, das ist eine alte Zirkusweißheit." Das hat er damals gelernt.



Der Woodstockvergleich

Erst war es schwierig, aber dann lief es. Und es lief gut. Gerne erinnert sich Alex Heisler an den ersten Abend, als alle Schwierigkeiten endlich überwunden waren und er sich nicht mehr mit bürokratischen Bedenken über mobile Toiletten und Lärmbelästigung auseinandersetzen musste. "Einer der schönsten ZMF-Momente war für mich außerdem, als der Woodstockorganisator Michael Lang gesagt hat, das ZMF sei für ihn Little Woodstock", sagt Heisler strahlend.

Es lief gut - bis zum vergangenen Jahr. Deutschland taumelte durch seinen Fußballsommer, überall machte sich gute Laune breit und keiner hatte Lust, für Musik im Zelt zu zahlen, wenn doch draußen überall Leinwände standen und Sascha, Sportfreunde Stiller und Co. auch auf den Fanmeilen zu hören waren - für lau.

So jedenfalls erklärt sich Alex Heisler einen der härtesten Momente in seinem Leben. Das ZMF war pleite. Ausgerechnet vor seiner Jubiläumsausgabe.



Chef ohne Sessel

Wem genau welche Fehlkalkulationen und Fehleinschätzungen zuzuschreiben sind, erklärt er nicht. Fest steht: Das ZMF ist jetzt in der Hand von Koko-Entertainment und Alex Heisler ist froh, dass jemand bereit war, das Festival zu retten. Er ist von seinem Chefsessel vertrieben, ab jetzt wird er sich nicht mehr die zweieinhalb Festivalwochen inklusive Praxisalltag um die Ohren schlagen müssen.

Weniger Verantwortung, weniger Arbeit, aber auf keinen Fall weniger Herzblut wird er in diesem Jahr in seine Zelte stecken.

"Es ist wichtig, dass nach 25 Jahren die Wurzeln nicht vergessen werden", sagt er. Das sieht er als seine neue Aufgabe an. Und was genau ist seine neue Rolle? "Ich glaube, man nennt mich Präsident."

Um Konkurrenzveranstaltungen wie "Stimmen" in Lörrach oder das "Zeltfestival Konstanz" macht er sich keine Sorgen. "Das ZMF ist einzigartig. Wir sind wie der gute alte Kaufmannsladen in der Dorfidylle, wo es alles gibt."



Dr. Alban und die Eitelkeit

Als ich gegen halb eins im Mondschein den heiseren Heisler in seinem Köndringer Fachwerkhaus verlasse, habe ich noch seine Anekdote über Dr. Alban im Ohr, an den ich mich nur dunkel aus meiner Grundschulzeit erinnere: "Dr. Alban, ein Arztkollege von mir, der hat zu jedem Song eine andere Lackhose angezogen.

Und er kam im eigenen Jet geflogen. Aber als er mit mir übers Festivalgelände gelaufen ist, wurde er nicht erkannt. Er war stocksauer. Das war für mich ein Genuss, denn es geschah ihm recht. Er war eitel. Das sind wir zwar alle auch ein bisschen, aber die Künstler sind dann doch noch ein bisschen eitler."