Heilige Tage - Das WM-Tagebuch

Rudi Raschke

"Während einer Weltmeisterschaft ist die Welt freundlicher" - diesen Satz des spanischen Schriftstellers Javier Marias hatte ich heute im Kopf, als ich mich in München umgeschaut habe. Es war ein wunderbarer Tag voller Vorfreude.



Und endlich, einen Tag vor Eröffnung und der greifbaren Nähe von so etwas wie einem Fußballmatch, scheint sogar der ganze WM-Quatsch, den sich das Land seit mehr als einem halben Jahr verordnet, irgendeinen höheren Sinn zu ergeben.


Wenn ich morgens aus dem Küchenfenster auf die Kreuzung schaue, sehe ich den WM-tauglichen Rollrasen, den die beiden Nachbarschaftskneipen für ihre nicht mal 100 qm große Gartenstuhlfläche rangekarrt und sauber verlegt haben. Auf ihrem Marktplatz haben vorgestern Tausende Oberhachinger Bürger fehlerfrei die Nationalhymne von Paraguay geschmettert, lese ich in der Zeitung. Sie wollten als gute Gastgeber der Roque-Truppe auftreten. Der Wirt vom Imbiss "Kleiner Ochsenbrater" am Viktualienmarkt, ein knurriges Bayern-Urvieh, hat seinem Angestellten zuliebe die Fahne Togos gehisst. Und tatsächlich fanden sich endlich auch 30 Costa Rica-Schlachtenbummler, die heute singend über den Marienplatz gezogen sind.

Schwer zu sagen, was die bei uns Freunden gastierende Welt denkt, wenn sie einen Supermarkt betritt und dort den Produkte-Fasching betrachtet, der seit Frühjahr durchs Regal tobt: Rasierschaum, Kartoffelchip-Tüten und Nutella-Gläser treten ja nur noch im Fußballkostüm an. Heute habe ich erstmals daran gedacht, dass dieser Irrsinn vielleicht als Ausdruck einer gewissen Fußballverrücktheit Gnade finden möge.

Der morgige Tag ist für mich wie der Heilige Abend für einen Fünfjährigen: Das Abendprogramm steht fest, gegen 14 Uhr trete ich den Weg ins Münchner Stadion an, wo um 18 Uhr im Mittelrang der Nordtribüne für mich die Bescherung steigt. Um die Stunden davor rumzukriegen, leiste ich mir um 11 Uhr noch die ultimative Fußball-Verrücktheit: Den offiziellen WM-Gottesdienst in der Münchner Frauenkirche. Mal schaun, ob’s hilft.

[Der gebürtige Freiburger Rudi Raschke ist der Autor unseres WM-Tagebuch-Blogs, das wir in den kommenden vier Wochen auf fudder führen werden. Er lebt in München und arbeitet als Redakteur des Playboy]