Heiko Butscher: Schlagzeug

David Weigend

Endlich steht ein Rocker beim SC auf dem Platz; einer, der "Seek and Destroy" von Metallica am Schlagzeug draufhat und mit seiner Coverband "Black Wave" schon vor 1500 Zuschauern aufgetreten ist. Der 27-jährige Verteidiger über sein lilafarbenes Drumkit, "Jugend musiziert" und St. Pauli.



Heiko, es hat sich mittlerweile sogar bis zu uns herumgesprochen, dass du Schlagzeug spielst.

Ich komme aus einem 600-Einwohner-Dorf, Dietmanns in Oberschwaben. Da gibt’s auch einen Musikverein. Mein Vater hat da schon Flügelhorn gespielt. Dann hieß es, der Sohnemann muss auch noch rein.

Hattest du Prioritäten?

Man durfte sich das Instrument nicht auswählen, sondern man wurde zugeteilt – zu dem, was gerade gesucht wurde. Das war bei mir das Schlagzeug. Mit zehn fing ich an. Nebenher habe ich Fußball gespielt. Ganz normal, in den untersten Ligen. Das Erfolgreichere war aber die Musik. Ich habe sehr viel Unterricht genommen.

Stimmt es, dass du bei „Jugend musiziert“ teilgenommen hast?

Ja, mit richtig gutem Abschluss. Das erste Mal solo, das zweite Mal in der Gruppe. Ich habe ein ganz normales Drumset gespielt, außerdem Xylophon, Vibraphon und noch mal was mit kombinierten Geräten. Schlagwerk besteht ja aus etwa 200 verschiedenen Musikinstrumenten. Von 16 bis 18 Jahren habe ich das mehr betrieben als Fußball. Mit 17 habe ich ein halbes Jahr lang gar kein Fußball gespielt, weil ich keine Lust drauf hatte.



Sehen eigentlich Schlagzeugnoten genauso aus wie Klaviernoten?

Im Grunde sind es ganz normale Noten, aber die Schläge sind auf einer Linie notiert. Dann sieht man den Rhythmus und den spielt man zum Beispiel auf der kleinen Trommel.

Kannst du vom Blatt spielen?

Damals ja. Inzwischen leider nicht mehr so gut.

Banderfahrung?

Ja. Ich habe in einer Coverband gespielt, „Black Wave“. Da war ich 16 und habe mich für Rock interessiert. Mein Cousin war am Bass, ein anderer Kollege hat Trompete und Gitarre gespielt und wir hatten eine Sängerin, die nebenher Querflöte spielte. Wir haben dann ziemlich schnell „Runaway“ von Bon Jovi gecovert, außerdem Rockklassiker von Metallica, „Enter Sandman“ und „Seek and Destroy“. Richtig fetzig.

Wo seid ihr aufgetreten?

Im Umkreis von zehn bis 15 Kilometern. Da kennt sowieso jeder jeden. Unser Material hat anfangs für eine Stunde gereicht, auf privaten Festen. Es sprach sich herum, die Auftritte wurden größer. Zum Schluss haben wir vor 1500 Leuten gespielt. Das war ein Sommerfest von irgendeinem Verein, Open Air. Normalerweise heizt da abends ein DJ ein. Aber das haben wir dann gemacht. War richtig klasse. Ich habe auch Soli gespielt. Da ging ein Lied los, die anderen stiegen für fünf Minuten von der Bühne, dann hab ich da irgendwie rumgehackt. Richtig abgerockt. Dann kamen die anderen wieder hoch und wir haben weitergespielt.



Hattest du lange Haare damals?

Nein, ich hatte kurze. Zwei von uns, die sahen so Metallicamäßig aus.

Spielst du heute noch?

Ich komm nur relativ selten dazu. Das Schlagzeug steht daheim bei meinen Eltern in Dietmanns, im Hobbyraum. Heute fahre ich nach Hause, da werde ich bestimmt wieder ne halbe Stunde spielen. Ich setz mir dann Kopfhörer auf und mach irgendwas rein, was mir gerade gefällt und spiele dazu.

Musik zur Zeit?

Ich bin immer noch auf der Rockschiene. Zuletzt habe ich mir das neue Foo Fighters-Album gekauft.

Welches Schlagzeug hast du?

Ein Kit von Sonor, in lila. Das habe ich mit 13 bekommen. Damit habe ich auch meine Auftritte bestritten. Das Set habe ich mit den Jahren aufgestockt, Zusatz-Tom, zwei drei Becken dazu.

Welches Konzert hast du zuletzt besucht?

Verdammt lang her. Die Foo Fighters spielen am 28. Oktober in Oberhausen. Das ist ein Sonntag, da spielen wir leider selber. Ich bin ein großer Fan von Dave Grohl (Nirvana-Schlagzeuger, Foo Fighters-Gitarrist und Sänger, d. Red.). Die Sachen, die er bei Nirvana spielt, hören sich ja relativ einfach an. Aber wenn du dir mal die youtube-Video reinziehst, merkst du, der hats richtig drauf.



Sonstige Drum-Idole?

Lars Ulrich, wegen der unglaublichen Geschwindigkeit. Und Chad Smith von den Chilli Peppers wegen des Grooves.

Hast du dich hier schon nach einer Band umgeschaut?

Ich habe Leute kennen gelernt von der Band somepeople. Die suchen einen Schlagzeuger und haben mich gefragt, ob ich nen geraden Rhythmus spielen kann. Da werde ich bestimmt mal vorbeischauen.

Hörst du noch was außer Rock?

Klar. Als ich früher „klassisches“ Schlagzeug gespielt habe, sind wir auch öfters mal mit dem Kirchenchor aufgetreten. Ich war damals auch Teil eines Symphonieorchesters, da haben wir die „Carmina Burana“ gegeben, von Carl Orff. Da habe ich vor allem Pauke gespielt. So hat sich ein Bezug zur Klassik aufgebaut. Es ist immer stimmungsabhängig. Manchmal höre ich drei Tage am Stück nur Klassik und dann geht das wieder überhaupt nicht. Mir gefällt die Feinfühligkeit bestimmter klassischer Interpreten.

Zurück zum Rock. Angenommen, du gehst mal auf ein Konzert und trinkst da ein paar Bier. Gibt’s da einen Konflikt mit Regeln, die der Trainer aufstellt?

In Bochum galt die Regel: Ab dem vierten Tag vor dem Spiel um 23 Uhr zu Hause sein. Natürlich war es kein Problem, wenn du ins Kino gehst und erst um 23.30 Uhr daheim warst. Aber wenn du um 23.30 Uhr besoffen in irgendeiner Disco abhängst, dann gibt es Sanktionen. Beim SC heißt die Devise „Professionelles Verhalten“, was im Grunde das Gleiche beinhaltet. Eigentlich versteht es sich ja von selbst, dass man sich drei oder vier Tage vorm Spiel in der Stadt keine zehn Bier reinkippt.



Und nach dem Spiel?

Wenn man ein gutes Spiel gemacht hat und danach noch gemeinsam auf die Piste geht, ist der Trainer der Letzte, der was dagegen sagt.

Sieht sich deine Mutter deine Spiele an?

Wenn unser Spiel im Fernsehen kommt, kann sie sich das einfach nicht anschauen. Da ist sie zu nervös. Meist sitzt sie dann auf dem Balkon oder macht was draußen im Garten. Mein Vater und mein Schwager sitzen vorm Fernseher. Meine Mutter kommt dann rein und fragt: „Wie stehts? Gab’s was Besonderes?“ Dann geht sie wieder raus. Am Sonntag kommt sie nach Freiburg. Ich schätze, sie geht dann auch ins Stadion. Aber sie ist in diesen Situationen einfach wahnsinnig nervös. Früher ist sie manchmal nach Stuttgart gekommen ins Daimlerstadion und hat dann eine Zigarette nach der anderen geraucht.

Du machst nebenher ein Fernstudium in Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hagen. Wie kriegst du das zeitlich hin?

Die ganzen Unterlagen schickt man mir nach Hause. Ich habe ein Semester lang Zeit, mir den Stoff reinzuhämmern. Am Ende des Semesters kommt dann die Prüfung. Es ist nicht ganz einfach, sich den ganzen Stoff selber beizubringen. Und natürlich geht der Job vor. Aber ich nehme mir schon die Zeit zum Lernen. Ich möchte später was in der Hand haben. Dafür muss ich was machen und das nehme ich in Kauf. Ich bin jetzt im fünften Semester. Vor zwei Wochen habe ich Prüfungen in BWL und VWL geschrieben. Es ging so. Das Ergebnis kriege ich erst in drei Monaten. Die nächsten Prüfungen sind in Buchführung und Wirtschaftsinformatik. Mache ich ganz gern.

Irgendwelche Rituale, wenn du heimkommst nach Dietmanns – abgesehen vom Schlagzeugspielen?

Ich gehe einkaufen mit meiner Mutter und meiner Schwester. Meistens auf den Markt nach Bad Wurzach. Ich darf dann die Tüten schleppen oder den Kinderwagen schieben. Meine Schwester ist Mutter von Zwillingen, ich bin der Patenonkel von denen.



In einem Interview in „Der Sonntag“ hast du vor einigen Tagen von Aufstieg gesprochen. Unseres Wissens war dies das erste Mal, dass ein SC-Spieler in dieser Saison dieses Ziel formuliert hat. Besteht jetzt nicht die Gefahr, dass Euch die Fans an diesem Ziel messen werden?

Ich habe betont, dass es sich beim Aufstieg um meine persönliche Zielsetzung handelt. Mit allem anderen gebe ich mich nicht zufrieden. Platz 4 reicht mir nicht. Natürlich wollen wir uns als Verein nicht in die Favoritenrolle stürzen. Aber mein persönlicher Anspruch bleibt der Aufstieg. Dafür werde ich alles in die Waagschale werfen. In der ersten Liga geht es einfach richtig schön ab. Vielleicht kann jeder von uns noch zwei, drei Prozent mehr herausholen, damit es am Ende reicht.

Welche Erinnerung hast du an St. Pauli?

Ich habe vor zwei Jahren mit Bochum im Pokal am Millerntor gespielt. Es war die zweite Runde. Das Spiel lief beschissen, wir haben 0:4 verloren und sind rausgeflogen. Wir waren Zweite Liga, St. Pauli Regionalliga. Was da auf den Rängen abging, war Wahnsinn. Zum Warmmachen lief schon AC/DC und Manowar. Da bläst’s dir das Ohr weg. Auch die Mischung der Zuschauer ist beachtlich. Da steht der Schlipsträger neben dem Zahnlosen. Richtig geil.

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