Heftig.co: So funktioniert die erfolgreiche Klickfallen-Website

Konstantin Görlich

Der Firmensitz in Belize, die Domain aus Kolumbien und in den deutschen Social-Media-Rankings ganz vorne: Heftig.co ist ein ebenso simples wie reichweitenstarkes Internetphänomen. Und ein genau so nerviges. fudder-Autor Konstantin Görlich erklärt, wie es funktioniert:



“Click baiting” wird die Methode genannt, mit der zwei erst kürzlich enttarnte Jungunternehmer aus Brandenburg so erfolgreich sind. Das kommt von “to bait” und bedeutet anlocken, ködern, eine Falle stellen. Die Opfer: arglose Social-Media-Nutzer, die vorwiegend bei Facebook über die radikal auf hohe Klickraten optimierten Überschriften stoßen, aus Neugier darauf klicken und sie dann schlimmstenfalls virenartig weiterverbreiten.


Die Inhalte hinter den Locktextschnippseln: alte bis ganz alte YouTube-Videos, gebrauchte Fotostrecken, schlecht übersetzte Texte. Darin: niedliche Tiere, kranke Menschen, Marketing-Gags, Gewalt, Emotionen. Nichts davon ist selbst produziert, versteht sich. Das meiste wurde in den staubigen Ecken des Internets zusammengeklaubt und bekam als nicht enden wollender Nachrichtenstrom einen zweiten Frühling.

Mit dieser Masche ist Heftig.co, man mag es kaum glauben, ungefähr so erfolgreich wie Spiegel.de und Bild.de zusammen. Wie das Branchenmagazin Meedia.de berichtet, schafften die beiden Nachrichtenseiten im April mit 6000 Artikeln zusammen gut 2,6 Millionen Social Media Interaktionen (jeweils um die 1,3 Millionen), während Heftig.co auf fast 2,4 Millionen kam - mit ganzen 90 Beiträgen.

Die Klickfallen-Überschriften funktionieren im Prinzip ganz einfach. Es gibt im Grunde nur wenige Typen:

Ich
. “Erst habe ich mich nicht getraut, dieses Video anzusehen.” Schön. Und wer bist Du? Und worum geht es? Diese Art Überschrift reduziert ihren eigenen Inhaltswert auf das hinter ihr liegende Dateiformat. Kein Foto, kein Text, kein Audio, nein, hier geht es um ein Video! Und um irgend jemanden, der aus irgend einem ebenso ominösen Grund das Video nicht schauen wollte. Dann aber, warum auch immer, doch: “Aber das war es definitiv wert. Wow.” Dass es gleich gegen mehrere journalistische Grundsätze verstößt, das Video überhaupt zu bringen: geschenkt.

Du
. Du wirst, Du musst, tu dies, tu das! Du wirst ständig angesprochen, sowohl in den Überschriften als auch in den Textschnippseln. Und Du sollst Dinge tun. Am Ende eines jeden Beitrags wirst Du aufgefordert, selbigen zu teilen, natürlich auf Facebook, von wo Du wahrscheinlich gekommen bist. Du wirst nirgendwo im Internet eine größere “Auf Facebook teilen”-Schaltfläche finden! Überhaupt sind die Superlative auf Heftig.co das Allergrößte!

Zahlen
. “23 psychologische Tricks, die du kennen musst.” Bis hier hin ist das schon eine fast ausreichend aktivierende Überschrift. Das Opfer wird direkt angesprochen und verpflichtet. Stark. Was dann aber kommt, geht direkt in die Liste: “Nummer 13 funktioniert immer.” Natürlich ist Nummer 13 nicht besser oder schlechter als die anderen Tricks. Und natürlich sind manche gar keine Tricks, sondern von irgendwo kopierte Weißheiten oder gar nur Vermutungen. Aber das merkt man erst nach dem Klick. Gern wird hier im zweiten Teil auch eine der anderen Regeln angewendet: “Bei Nummer 4 kamen mir die Tränen!”

Die Was-passiert-dann Maschine
. “Eigentlich filmte er nur ein bisschen den Strand” leitet diese Art Überschirft mit einer fast an Inhalt grenzenden Beschreibung  ein. “Dann traute er seinen Augen kaum.” Auf diese billige Weise Neugier und damit Klicks zu erzeugen ist die prototypsiche Heftig.co-Überschrift. Wobei Neugier eigentlich zu viel gesagt ist, denn im Grunde funktioniert die Überschrift auch nur wie ein weiterlesen-Link.

“Du wirst kaum glauben, was dann passierte” steht inzwischen typisch für die Masche von Heftig.co, diese Machart wird meistens verwendet, wenn heftig parodiert wird. Die besten heftig-Überschriften deutscher Medien trägt das Tumblr-Blog heftigstyle zusammen - darunter natürlich auch ein Artikel von fudder.de.

Mehr dazu: