Hausverbot im Bermudadreieck?

Adrian Hoffmann

Die Freiburger Polizei, die Stadtverwaltung und Discobetreiber wollen etwas gegen die zunehmende Gewalt im "Bermudadreieck" in der Innenstadt tun. In einem Bericht der Badischen Zeitung vom Samstag war von dem so genannten Karlsruher Modell die Rede - eine Initiative, die die Karlsruher Polizei mit der Stadtverwaltung und Discobetreibern wegen der gleichen Problematik wie in Freiburg gestartet hat. Fritz Rüffel, Leiter des Polizeireviers Karlsruhe-Markplatz, sagt uns im Interview, welchen Erfolg die Aktion "Sicheres Nightlife" hat - und wie es weiter gehen soll:

     

   

Was hat das Karlsruher Modell für eine Vorgeschichte?

    Fritz Rüffel: Wir hatten zweistellige Zuwachsraten mit Schlägereien und ähnlichen Geschichten. Wir haben circa 450 Gaststätten, da sind an Wochenendtagen 5000 bis 10000 Menschen unterwegs - und nach Mitternacht hatten wir ungefähr 150 Einsätze. Dann kam noch dazu, dass 25 Prozent der Täter immer die gleichen waren. Da musste einfach etwas geschehen. Deshalb hat mein Vorgänger 2003 die Aktion Sicheres Nightlife initiiert. Man muss ja gar nicht immer alles neu erfinden. Das ist das abgekupferte DFB-Programm. Wenn ein Fan im SC-Stadion randaliert, dann hat er in allen Bundesligastadien Stadionverbot. Dieses Konzept haben wir einfach auf die Karlsruher Gaststätten übertragen.    

Und der Kern der Idee sind übergreifende Hausverbote?

    Fritz Rüffel: Genau. Das geht aber noch darüber hinaus. Wir bieten Schulungen für das Bedienpersonal an, wie sie verbal auf Aggressivitäten reagieren können, und wir informieren die Betreiber darüber, was sie für rechtliche Möglichkeiten haben.    

Beherrschen sich die Randalierer seit dem Projektstart?

    Fritz Rüffel: Ja, das hat sich so bestätigt. In der Regel ist es vorher immer so gelaufen: Die Randalierer haben Stunk gemacht, sie sind aus der Gaststätte rausgeflogen, auf die Straße, und dann sind sie ins nächste Lokal. Dann ging das ganze Spiel von vorne los. Das wollten die Gaststättenbetreiber und wir so nicht mehr. Karlsruhe soll eine lebendige Stadt sein, aber dieses Gewaltpotenzial wollten wir eindämmen - so etwas zerstört auf Dauer den Ruf einer Stadt. Deswegen werden wir jetzt direkt zur Gaststätte gerufen, wo uns der Randalierer quasi an der Tür übergeben wird. Dann stellen wir die Personalien fest.    

Und dann werden Fotos an die Wand gehängt: Wanted?

    Fritz Rüffel (lacht): Nein, nein. Wir sind nicht im Wilden Westen. Aber was an den Wänden der Verbund-Gaststätten hängt, sind Listen der anderen Gaststätten im Verbund. Und diese Plakate haben eine kolossale Präventivwirkung. Und bevor die Gaststättenbetreiber einen Provokateur aus dem Laden werfen, zeigen sie ihm die Liste und sagen: Wenn du hier Theater machst, kannst du nirgends mehr rein. Das wirkt, das sind die O-Töne der Betreiber.    

Wenn jemand dann doch rausgeworfen wird - wie geht es dann nach den Personalien weiter?

    Fritz Rüffel: Die Gaststätten werden alle zusammen von einem Rechtsanwalt vertreten. Und er verschickt Briefe an Menschen, die für zwei Jahre ein Hausverbot bekommen, in der unter anderem steht: Wenn das Hausverbot missachtet wird, wird es ganz schnell zu einer Strafanzeige kommen. Also da geht es dann wirklich nicht um kleine Provokationen, sondern um gravierende Straftaten, um gefährliche Körperverletzungen und ähnliche Delikte.    

Ist denn bisher allein anhand von Zahlen ein Rückgang der Gewalt festzustellen?

    Fritz Rüffel: Eindeutig ja. Es gab bisher 150 Hausverbote. Eine der Personen, die damit belegt wurden, ist erneut in einem anderen Lokal aufgefallen - aber zu diesem Zeitpunkt hat sich die Aktion vielleicht noch gar nicht rumgesprochen. Ansonsten ist von diesen 150 wirklich kein einziger mehr aufgefallen! Ich habe mich auch erkundigt, ob diese Randalierer in Discos außerhalb des Verbundes aufgefallen sind, sind sie aber tatsächlich auch nicht.    

Aber es kann doch nicht sein, dass diese Gewalttäter alle bessere Menschen geworden sind?

    Fritz Rüffel: Ich gehe davon aus, dass sich diese Leute in den letzten Monaten einfach stärker zurückgehalten haben. Also ich glaube nicht, dass sie alle ausgewandert sind.    

Ein Gewaltrückgang von 100 Prozent, das kann ja nicht sein. Oder?

    Fritz Rüffel: Schön wär's. Da wären wir ja arbeitslos. Schlägereien auf der Straße können wir nicht verhindern, es ist ja oft auch der Alkoholkonsum, der zu so etwas führt. Oder Imponiergehabe. Es sind nur nicht mehr so oft die gleichen Personen, die bei Schlägereien auffallen. Nachts auf der Straße geht es auch um Polizeipräsenz - sonst gehen schnell mal 100 bis 200 Menschen aufeinander los, mehr oder weniger alkoholisiert.    

Was werden die nächsten Projektschritte sein?

    Fritz Rüffel: Es ist in Planung, dass immer wieder auf der Straße in Erscheinung tretende Schläger mit Aufenthaltsverboten belegt werden. Das müssen aber auch gravierende Delikte sein - wenn einer mal laut rumschreit, wird er nicht der Stadt verwiesen. Außerdem wird das Thema 99-Cent-Partys demnächst diskutiert, ich nenne diese Partys immer Absaufpartys. Wenn die weiterhin so exzessiv betrieben werden, wird durch die Konzessionsbehörde geprüft werden, ob die Sperrzeit nicht mehr verkürzt werden kann, dass würde bedeuten, dass das Geschäft mit Eintritt der gesetzlichen Sperrzeit um 1 Uhr schließen müßte. Das wäre aber erst der letzte Schritt. Vorher wollen wir mit den Beteiligten - Gaststätten und Behörde - die Thematik intensiv erörtern und versuchen, eine für alle akzeptable Lösung zu finden.