Hausbau auf Halb-Asiatisch

Lorenz Bockisch

Schon gewusst, wie es bis heute noch Sitte ist, in der Türkei ein Haus zu bauen? Dass man es vor allem in Istanbul nicht immer sehr genau mit irgendwelchen Bauvorschriften nahm, ist am Stadtbild und an den Auswirkungen diverser Erdbebenkatastrophen zu sehen. Das liegt zu großen Teilen am Gecekondu.

Gecekondu ist ein altes Gewohnheitsrecht aus osmanischer Zeit und heißt übersetzt so viel wie "über Nacht hingestellt". Und so läuft das auch ab: Man nehme ein unbebautes öffentliches Grundstück, ein paar Baumaterialien (die müssen nicht für ein ganzes Haus reichen, provisorische Wände samt Dach sind genug) und eine große Menge fleißiger Bekannter.


Bei Einbruch der Dunkelheit packen alle mit an und stellen über Nacht ein Haus an den gewählten Platz. Wenn dieses steht, sei es auch noch so provisorisch, darf es nach dem alten Gecekondu-Recht von öffentlicher Seite nicht mehr abgerissen werden. So sind in türkischen Großstädten viele in ihrer Struktur etwas wirre Viertel entstanden, in denen die kleinen Häuschen sogar nach und nach an die Versorgungsnetze angeschlossen wurden.

Inzwischen wollen die türkischen Behörden dieses nirgends kodifizierte Recht allerdings nicht mehr anerkennen. Um neuere Stadtviertel, die auf jeden Fall erdbebensicherer und moderner wären, auf den okupierten öffentlichen Grund bauen zu können, rücken mittlerweile öfters Räumfahrzeuge gegen die Behausungen Marke Eigenbau vor, die von deren Bewohnern natürlich mit Händen und Füßen verteidigt werden.

Und das kommt dann live im Nachmittagsfernsehen. Das ist auf jeden Fall interessanter als Lenßen und Partner.