Gerichtsprotokoll vom zweiten Prozesstag

Haupttäter Christian L. sagt emotionslos im ersten Staufener Missbrauchsprozess aus

Carolin Buchheim

Im ersten Prozess im Staufener Missbrauchsfall hat Haupttäter Christian L. ausgesagt: Mit erschütternder Gleichgültigkeit und absolut geschäftsmäßig schilderte der 39-Jährige, wie er jahrelang den Sohn seiner Lebensgefährtin missbrauchte und ihn gegen Geld anderen Männern zum sexuellen Missbrauch überließ.

Der Prozess gegen Markus K. ist die erste gerichtliche Aufarbeitung im Staufener Kindesmissbrauchsfall. Christian L. und Berrin T. missbrauchten den neunjährigen Sohn von Berrin T. und überließen das Kind gegen Geld Männern zum Missbrauch. Einer von ihnen ist Markus K. aus der Ortenau. Dem 41-Jährigen, der einschlägig vorbestraft ist, werden von der Staatsanwaltschaft Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, schwere Zwangsprostitution, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Verstoß gegen Weisungsaufsicht und Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften vorgeworfen. K. hat am ersten Verhandlungstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein Geständnis abgelegt.

Weiterer Gang des Verfahrens

15.40 Uhr Für den Rest des heutigen Verhandlungstages wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen: Der forensische Gutachter Dr. Hartmut Pleines wird sein psychiatrisches Gutachten vortragen. Am Donnerstagvormittag werden die Schlussvorträge gehalten, ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Am morgigen Donnerstag um 15 Uhr soll das Urteil verkündet werden.

Verlesung von Dokumenten

15.10 Uhr Richter Bürgelin verliest die Eintragungen von Markus K. im Bundeszentralregister: Die Verurteilung wegen des Sexualdelikts im Sommer 2009. Aus dem Urteil dieses Falls, das größtenteils bereits verlesen wurde, wird auch noch ein zusätzlicher Abschnitt verlesen, der die Strafzumessung betrifft. Positiv wurde damals etwa bewertet, dass K. gestanden hatte, dem Opfer eine Aussage ersparte und nicht vorbestraft war; auch die von K. geschilderte Missbrauchserfahrung wurde mildernd ausgelegt.

Dann werden zwei Strafanträge wegen des Verstoßes gegen Weisungsauflagen verlesen. Auch der zuletzt für Markus K. geltende Weisungsbeschluss wird verlesen: K. musste sich alle 14 Tage melden, Umzüge und Arbeitsplatzwechsel melden, eine Therapie mit mindestens drei Sitzungen pro Monat absolvieren. Auch wurde ihm verboten, Kontakt mit Kindern und Jugendlichen ohne deren Erziehungsberechtigte zu haben. Er musste Schulen und Kindergärten meiden.

Richter Bürgelin verliest dann mehrere Facebook-Chats zwischen Markus K. und Christian L., über die diese den Missbrauch des Jungen anbahnten und sich gegenseitig ihrer Identität vergewisserten.

Nebenklägerin Katja Ravat verliest einen Adhäsionsantrag, mit dem der Nebenkläger zivilrechtliche Ansprüche aus der Straftat gegen Markus K. geltend machen will: Gefordert wird Schmerzensgeld in Höhe von 12.500 Euro.

Aussage des Polizisten K. zu digitalen Beweismitteln

14.20 Uhr Der Polizeibeamte K. ist Mitglied der Ermittlungsgruppe "Kamera", war unter anderem an Wohnungsdurchsuchung in diesem Fall beteiligt und hat digitale Beweismittel ausgewertet. K. zeichnet den Gang der Ermittlungen nach, berichtet von der Wohnungsdurchsuchung bei Markus K. und der Beschlagnahme von etwa 20 digitalen Asservaten, darunter ein PC und mehrere Mobiltelefone.

Auf diversen dieser Geräten wurde kinderpornographisches Material festgestellt und auch sogenanntes "Präferenzmaterial", Fotos, die Kinder zeigen, aber nicht kinderpornographisch sind. Auf seinem Rechner hatte K. etwa 800 Bilder eines Jungen gespeichert, die wohl von Instagram stammten. Über diverse Messengerdienste und Soziale Netzwerke hatte K. auch Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, kommunizierte etwa über Computerspiele.

"Vereinzelt fanden auch sexuelle Gespräche statt." Polizeibeamte K., der die Online-Aktivitäten von Markus K. ausgewertet hat
Bei diesen Gesprächen gab sich K. als Teenager aus. "Vereinzelt fanden auch sexuelle Gespräche statt", sagt der Beamte. Hinweise, dass es mit einem der Jungen ein Treffen gegeben hat, seien nicht klar. Einige Male seien von den Jungen Bilder gesendet worden.

"Woran machen sie das Alter der Chatpartner fest?", will Markus K.s Verteidigerin Julia Schlindwein wissen. "Aus den Inhalten, den eigenen Angaben und den Bildern", sagt der Ermittler. "Dass heißt es könnten auch Erwachsene gewesen sein?", fragt Schlindwein weiter. Auch will sie vom Ermittler wissen, wie die Zuordnung des Instagram-Profils zum Angeklagten erfolgt sei. "Er ist unter anderm Christian L. gefolgt", sagt der Ermittler.

Am Richtertisch werden dann Miniaturansichten von Bilddateien aus Markus K.s Besitz angeschaut und als kinderpornographisch oder nicht kinderpornographisch bewertet.

Fortsetzung der Aussage von Christian L.

12.46 Uhr Nach einer kurzen Unterbrechung wird die Aussage von Christian L. fortgesetzt. L. beschreibt nun - weiterhin mit absoluter Gleichgültigkeit - die zweite Tat, wegen der Markus K. angeklagt ist: den sexuellen Missbrauch des Kindes in der Wohnung der Familie, der gefilmt wurde. Bei dieser Tat im Kinderzimmer sei die Mutter in der Wohnung gewesen, sie habe dem Täter sogar - wie zuvor von den beiden Männern abgesprochen - Fesselwerkzeuge für das Kind bereitgelegt. "Was war das Interesse der Mutter daran?" fragt Richter Bürgelin. "Sexuelles Interesse", sagt Christian L. Die Tat sei mit zwei Kameras gefilmt worden, auch er habe das Kind missbraucht. Markus K. habe das Kind weitergehender missbraucht als abgesprochen, sagt L., das habe er bei der Ansicht des Videos bemerkt. Nach dem Missbrauch habe man gemeinsam zu Abend gegessen.

Aussage des Haupttäters Christian L.

11.23 Uhr An den Händen gefesselt wird Christian L. in den Gerichtssaal geführt, für die Aussage werden die Handschellen entfernt. Der mutmaßliche Haupttäter im Missbrauchsfall trägt ein schwarzes T-Shirt und eine graue Jogginghose in seine weißen Sneaker gesteckt und die dunklen Haare in einem breiten, kurzen Irokesen-Schnitt und Ziegenbart. Der Prozess gegen L. am Landgericht Freiburg soll im Juni beginnen.

Richter Bürgelin belehrt ihn über seine Rechte. "Ich werde aussagen", sagt Christian L.. Der mehrfach wegen Sexualstraftaten und Kinderpornographie vorbestrafte L. hat sich bereits ausführlich den Ermittlern gegenüber geäußert und die Taten eingeräumt; am ersten Prozesstag wurde etwa ein Video einer Tatortbegehung von L. mit der Polizei gezeigt.

Zu Beginn seiner Aussage beschreibt Christian L., wie er Markus K. 2009 in der Untersuchungshaft kennenlernte. 2016 oder 2017 habe man sich im Wartezimmer bei einem Therapeuten wiedergetroffen. "2017 kam es dann zu diesen zwei besagten Treffen", sagt L. bezugnehmend auf die beiden Missbrauchsfälle, für die Markus K. angeklagt ist.

Nach dem Treffen habe sich ein Chat-Kontakt mit K. über Facebook, WhatsApp und dem Messenger Lime entwickelt. K. habe gefragt, ob er einen Jungen für ihn hätte. "Dann kam das Gespräch darauf, dass ich in einer Beziehung bin und Übergriffe auf den Jungen meiner Partnerin durchführe", sagt Christian L. Der Chatverlauf wird in Teilen von der Kammer vorgelesen. "Neun passt?" fragt L. den Angeklagten darin unter anderem, sich auf das Alter des Kindes beziehend. Und: "Maske hast?" "Sagst mir wann und wo?" fragt Markus K. zurück.

"Ich habe ihm gesagt, dass der Junge auch Erfahrungen mit anderen Leuten gegen Geld hatte." Christian L.
"Was wusste Herr K. denn zu diesem Zeitpunkt über den Mißbrauch des Kindes?", will Richter Bürgelin wissen. "Ich habe ihm gesagt, dass der Junge auch Erfahrungen mit anderen Leuten gegen Geld hatte", sagt Christian L. Geld habe er von K. jedoch nicht verlangt. "Ja, es war ja eine Freundschaft zwischen uns." Die beim Mißbrauch gefertigten Filmaufnahmen seien nur für den Privatgebrauch gedacht gewesen. "Es war nie gedacht, dass diese Filme verkauft werden sollten." Verbreitet habe er sie jedoch, etwa als "Fake-Check" im Darknet. Mit dem Teilen von Fotos oder Filmausschnitten wollen Konsumenten von Kinderpornographie dabei jeweils beweisen, dass sie keine Polizeibeamte sind.

K. beschreibt die erste Tat. Er spricht gleichgültig und distanziert über die Auswahl des Tatorts, den Missbrauch, sein Filmen der Tat, die jedoch bald abgebrochen wurde, weil das Kind geweint habe. "Die Mutter war ja nicht dabei", sagt Christian L. zur Erklärung. Das Video dieser Tat habe er wegen des Abbruchs gelöscht.

"Er hat schon mal geäußert, dass er das ein oder andere Treffen nicht mehr haben wollte." Christian L.
"Der Junge war den Missbrauch damals schon gewohnt?", fragt Richter Bürgelin. Ja, sagt L., gleichgültig. Der Missbrauch des Jungen habe 2015 begonnen, er sei etwa einmal pro Woche missbraucht worden. Richter Bürgelin stellt kaum erträgliche, detaillierte Nachfragen über die Durchführung der Tat. L. antwortet eintönig, distanziert, aber auch auskunftsfreudig und ohne offensichtliches Unrechtsbewusstsein, beschreibt wie K. nach der Tat dem Jungen 20 Euro gegeben habe. Zuvor habe er K. als Polizisten ausgegeben. "Damit der Junge mitmachen tut", sagt Christian L.

"Wie hat [der Junge] reagiert zwischen den Missbräuchen?" will Richter Bürgelin wissen. "Er hat schon mal geäußert, dass er das ein oder andere Treffen nicht mehr haben wollte", sagt Christian L. Manche Täter habe der Junge nicht gemocht. Über Markus K. habe er sich ihm gegenüber aber nicht beschwert.

"Der Spanier hat für das erste Mal 10.000 Euro gezahlt." Christian L.
Richter Bürgelin stellt weitere Nachfragen zum finanziellen Aspekt des Missbrauchs. Irgendwann nennt Christian L. Geldsummen: "Wie ich schon in der Aussage gesagt habe, hat der Spanier für das erste Mal 10.000 Euro gezahlt". Weitere Missbräuche hätten gegen 5.000 und 3.000 Euro stattgefunden. Das Kind selbst habe von dem spanischen Täter jeweils etwa 100 Euro zusätzlich bekommen. Warum bei der zweiten Tat von Markus K. hingegen kein Geld geflossen sei, kann Christian L. nicht sagen.

"Was ist ihre Motivation, hier auszusagen, quasi als Kronzeuge aufzutreten?", fragt Richter Bürgelin. "Ich habe nichts angeboten bekommen", sagt Christian L., das erzähle man sich wohl. "Ich sage aus, weil ich Scheiße gebaut habe. Ich kann es nicht rückgängig machen, aber ich will, dass da Leute einfach aus dem Verkehr gezogen werden, die da hingehören, wo ich jetzt auch bin."

Markus K.s Verteidigerin Julia Schlindwein hat eine Nachfrage zur Tatzahl, weist den Zeugen darauf hin, dass wöchentlicher Missbrauch über ein Jahr hinweg mindestens 52 Taten bedeuten würde. "Ich habe ihn nicht immer missbraucht", sagt L. "Es gab auch Wochen, da haben wir zusammengewohnt wie eine normale Familie." Insgesamt seien es aber wohl, alleine auf ihn bezogen, wohl 50 bis 60 Missbräuche gewesen.

Aussage der Mutter eines Kindes, dem Markus K. sich genähert hat

11.10 Uhr Die nächste Zeugin ist die Stiefmutter eines Kindes, dem Markus K. sich auf einem Supermarktparkplatz in Ettenheim im August 2016 genähert hatte. Die Frau war mit dem Kind einkaufen, als K. das Kind und die Frau beobachtet hätte und ihnen gefolgt sei. Später habe K. seinen Namen und eine Telefonnummer auf einem Zettel am Auto hinterlassen. Das Kind sei daraufhin in Tränen ausgebrochen. "Was will der Typ von mir?" habe der Junge gefragt. Das Verfolgen selber habe die Frau nicht mitbekommen. "Ich bin schockiert gewesen, dass ich das nicht bemerkt habe", sagt sie. Im Nachgang des Vorfalls sei das Kind panisch gewesen. "Was ist, wenn der mich verfolgt?" habe der Junge gefragt. Die Frau sei daraufhin mit dem Jungen und seinem Vater zur Polizei gegangen. Zunächst habe man sie dort nicht so ernst genommen.

Aussage eines KURS-Beamten

10.55 Uhr Die Öffentlichkeit der Verhandlung wird wieder hergestellt. Erster Zeuge ist ein Polizeibeamter des KURS-Programms, mit dem Sexualstraftäter betreut werden. Der Beamte berichtet, wie der Kontakt mit Markus K. abgelaufen ist, beschreibt eine Gefährderansprache 2016 und dass K. über einen Anschluss seiner Mutter Zugang zum Internet hatte. "Wir hatten überhaupt kein gutes Gefühl", sagt er über den Angeklagten. "Man hatte das Gefühl, der erzählt einem, was man hören will."

"Gibt es noch etwas, das sie grundsätzlich zum KURS-Programm sagen wollen?", fragt Richter Bürgelin den Zeugen. "Es ist überhaupt nicht effektiv", sagt er. Es gäbe viele Beispiele von überwachten und beobachteten Straftäter, die während des KURS-Programms wieder straffällig werden würden. Im Fall Markus K. hätte etwa sein Internetanschluss aufwendig überwacht werden sollen, das sei aus Personalgründen nicht gelungen. Markus K. sei in der niedrigsten Stufe des Programms eingestuft gewesen. "Ich bin der Meinung das KURS nicht funktioniert, weil es ein therapeutischer Ansatz ist und das Personal fehlt."

Aussage der Mutter von Markus K.s Opfer von 2010

10.35 Uhr Das Gericht verkündet den Beschluss: Die Öffentlichkeit wird während der Aussage der Mutter ausgeschlossen. "Es ist einfach so: Opferschutz ist überragend wichtig", sagt der Vorsitzende Richter Bürgelin.

10.10 Uhr Die Öffentlichkeit der Verhandlung ist wiederhergestellt worden. Erste Zeugin des heutigen Tages soll die Mutter des Kindes sein, das Markus K. 2009 sexuell missbraucht hat. Geladen wurde sie von der Staatsanwaltschaft, sie soll aussagen, wie es dem Kind heute geht. Richter Stefan Bürgelin sah eine Ladung der Zeugin nicht für notwendig an und erklärt ihr das auch: der Fall sei schließlich verhandelt worden, K. habe seine Strafe abgesessen. Die Mutter stellt nach der Anregung von Nebenklagevertreterin Ravat den Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Staatsanwältin Novak tritt dem entgegen. "Ich halte es für fatal, was hier in Bezug auf die Öffentlichkeit geschieht Die einzige Konsequenz die das hat, ist dass Verschwörungstheorien aufkommen. Die Befragung erfolgt stets angemessen", sagt sie. Die Verhandlung wird unterbrochen.

Ausschluss der Öffentlichkeit

9.10 Uhr Der Vorsitzende Richter Bürgelin trägt den Beschluss der Kammer vor: Die Öffentlichkeit wird während der Dauer der für jetzt angesetzten Aussagen des Psychologen und für die des forensischen Gutachters Hartmut Pleines am Nachmittag ausgeschlossen. "Es geht um die Wahrung der Rechte des Angeklagten und des Opfers", sagt er. Das Interesse der Öffentlichkeit überwiege nicht gegenüber der schutzwürdigen Rechte des Angeklagten.

Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit

8.50 Uhr Der zweite Tag im Missbrauchsprozess gegen Markus K. beginnt. Markus K.s Verteidigerin Julia Schlindwein beantragt, die Öffentlichkeit für die Dauer der Aussagen des Psychologen, der K.in der forensischen Ambulanz Baden betreut hat, und des forensischen Gutachters Pleines auszuschließen. Staatsanwältin Novak tritt dem Antrag entgegen. "Der Angeklagte hat das Kind zweifach missbraucht und in Kauf genommen, dass es gefilmt und diese Filmaufnahmen verbreitet werden", sagt sie. Dadurch seien die Schutzrechte des Kindes massiv mit Füssen getreten worden. "Ich halte es für widersprüchlich, Schutzrechte einzufordern, die man anderen abtritt." Katja Ravat, Nebenklagevertreter, schließt sich dem Antrag an.

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