Hauptsache Groove, Hauptsache Soul: Die Freiburger HipHop-Formation Canis Majoris

Bernhard Amelung

Sie haben sich in auf einer Jamsession in Freiburg kennen gelernt: Canis Majoris sind drei Freiburger Frauen, die nun mit "Growing" ihren ersten Song herausgebracht haben. Ihr Markenzeichen: Dunkler Pop, schleppender R'n'B.



"Groove ist die Essenz der Musik. Er treibt einen Song vorwärts. Er bringt Druck auf die Tanzfläche." Yasmin Samray hebt ihre Arme. Sie wiegt den Oberkörper vor und zurück. Sie schnippt mit den Fingern und tappt mit den Zehenballen auf den Holzbretterboden eines Freiburger Cafés. Ba-dum, ba-dum, ba-dum. "Eins, zwei, drei, vier", zählt sie laut. Die 25-jährige Freiburgerin schaut ihre Freundin Celeste Solis an. Fragend, herausfordernd. Mensch, sag du auch etwas.


Solis erwidert den Blick und lacht. Die 24-Jährige schließt ihre Augen. Sie faltet ihre Hände und legt den Kopf in den Nacken. Sie überlegt. Der Groove sei das Fundament einer Mensch-Musik-Beziehung. "Eigentlich ist er die Grundlage jeder Beziehung. Man sagt ja auch, dass sich zwei Menschen aufeinander eingrooven müssen." Sie öffnet ihre Augen und schaut Samray an. Beide nicken sich zu.

Schillernder Pop, schleppender R'n'B

Aufeinander eingegroovt haben sich Somray und Solis vor ungefähr eineinhalb Jahren. Heute sind sie zwei Drittel der Freiburger HipHop- und R'n'B-Gruppe Canis Majoris. Gerade haben sie mit "Growing" ihren ersten Song veröffentlicht. 2016 soll er auf ihrer ersten EP erscheinen. Jorris Jonas und Sebastian Lemp, zwei Absolventen der Hochschule Offenburg, haben dazu ein Video produziert. Es ist schlicht gehalten, kommt ohne große Effekte daher und konzentriert sich auf das, was Canis Majoris ausmacht: Zwei Sängerinnen, Disc Jockey Sarah Rieser alias Mona Reeza, Musik und Lyrics. Bislang ist die Rollenverteilung in diesem Dreiergespann klar. Rieser legt auf, Solis und Samray rappen.

Auch die Musik des Trios kommt ohne große Effekte daher. Produziert wird sie unter anderem von Jan "Faati" Geuer, Mitglied der Freiburger Dub Tub Band, und Jim Pansen. Trockene Bassdrum, dicke Bassline, melodisches Synth-Flirren. Dunkel schillernder Pop trifft schleppenden R'n'B. Ein englischsprachiges Musikmagazin würde ihnen vielleicht das Adjektiv "off-kilter" andichten. Schräg, verrückt, ein wenig abgedreht. Samrays und Solis' Stimmen klingen klar und weich, trotzdem kräftig und zu jedem Zeitpunkt des Songs "Growing" wirken sie sehr präsent. Sie klingen etwas heiser, rauchig-soulig. Ein wenig nach Hinterhof und Blockparty, nach Straßenrap und Jamsession.



Auf einer solchen haben sich Samray und Solis kennen gelernt, an einem Montagabend im Great Räng Teng Teng. Einmal im Monat organisieren dort Marc B. und seine Freunde von Release The Beats die "Someday Sessions", eine Veranstaltungsreihe für HipHop- und Jazzmusiker aus der Region. Ink Stained Me, Frederik Heisler und seine Magnetband sowie Waldo The Funk haben dort schon gespielt. Im Anschluss an die Konzerte findet regelmäßig eine offene Jam-Session statt.

"Yasmin hat sich gegen alle Jungs durchgesetzt. Endlich eine Frau in Freiburg, die der Männerdomäne mit Killer-Skills entgegentritt." Solis, die an der EH Freiburg Pädagogik der Kindheit studiert, erinnert sich an diesen Abend. "Ich bin auf sie zugegangen und habe sie einfach angesprochen. Minuten später standen wir in der Grünwälderstraße und haben uns über unsere Lieblingsmusikerinnen unterhalten." Erykah Badu, Lauryn Hill, India Arie und Jill Scott. Auf die konnten und können sie sich auch heute noch einigen.

Virtuelle Battles mit US-Rappern

Ihre Killer-Skills hat sich Samray, aufgewachsen in Berlin, bei den ganz Großen der Szene abgeschaut. Busta Rhymes, Nas, Missy Elliott. Musik, die sie als elf Jahre altes Mädchen durch ihren großen Bruder entdeckt hat. "Ich habe immer zu ihm aufgeschaut. Was er gehört hat, wollte ich auch hören." Mit 13 fing sie an, eigene Texte zu schreiben. Erst auf Deutsch, später auf Englisch. Als Teenagerin lieferte sich stundenlang virtuelle Battles mit der US-amerikanischen East- und Westcoast, mit Gangsta- und Conscious-Rappern.

"Ich habe meine Texte über Songs von Busta Rhymes gerappt", erzählt sie. Inzwischen gelingt ihr das auch auf Spanisch. Ein Jahr lang hat sie in Mexico gelebt. Stundenlang feilt sie an ihren Songskizzen. Der Flow muss stimmen. "Die Lyrics müssen so natürlich und selbstverständlich rüberkommen wie das Atmen."



Anders dagegen Solis, die ihre Kindheit im schleswig-holsteinischen Lübeck verbracht hat. Sie wuchs in einem klassisch geschulten Musikumfeld auf, lernte als Kind Cello und spielte in einem klassischen Orchester. Zum HipHop kam sie über ihren Freund, der selbst HipHop-Musiker war. Kaum in Freiburg angekommen, mischte sie bei diversen Bands und Musikprojekten mit. Zum Bekanntesten gehört sicher die Formation "The Foreigners",  von 2013 bis April 2015 die Backingband des Freiburger Soulsängers Teddy Smith. Mit diesen nahm sie an mehreren Bandwettbewerben teil. Sie gewannen das Fürstenberg Lokalderby, kamen beim "Rock the Island", ausgerichtet vom österreichischen Fernsehsender Puls 4, auf den zweiten Platz. Die Programmverantwortlichen des Jazzopen Stuttgart wählten sie außerdem als Supportband für Gregory Porter.

Trotz Bühnenerfahrung hatten beide großen Respekt vor ihrem ersten Auftritt zu dritt in Freiburg. Das war im Dezember 2014. "Philipp (DJ Checkmate, die Red.) kam auf uns zu und hat uns gefragt, ob wir vor den Doppelgangaz auftreten wollten", sagt Samray. "Das war schon krass. Im Crash standen nur Jungs, alles Schränke mit Muskelshirt, Cap und grimmigem Blick. Die haben große Augen gemacht, als wir auf die Bühne gingen. Bei unseren Songs gingen sie aber alle mit", ergänzt Solis.

Gegengewicht in einem männerdominierten Umfeld

Der Auftritt im Crash war auch das erste Mal, dass das Trio unter dem Namen Canis Majoris in die Öffentlichkeit trat. An ihren Bandnamen haben sie einen strengen Maßstab gelegt. "Keine abgegriffenen Wörter, keine pseudocoole HipHop-Attitüde", sagt Samray. Canis Majoris ist ein geschlechtsneutraler Name. In einem männerdominierten, bisweile misogynen Umfeld ein wohltuendes Gegengewicht zu all den Bling Boys und Capos - auch wenn das Trio keine explizit feministischen Anliegen verfolgt.

Beim Namen Canis Majoris wissen Astrophysik-Nerds sofort Bescheid. Für alle anderen: Canis Majoris ist ein Stern, ein Roter Überriese, der im System der Milchstraße mit die höchste Leuchtkraft hat. Also ein Gebilde, das viel Energie erzeugt und frei setzt. "Das hat uns gefallen. Uns gefällt aber auch die Tatsache, dass Canis Majoris ganz weit weg und nicht greifbar ist", sagt Samray.

Nicht greifbar. So soll auch die Musik von Canis Majoris sein. Solis, Samray und Rieser wollen sich nicht auf HipHop und R'n'B festlegen. "Wenn wir Lust darauf haben, eine Soulballade zu schreiben, dann machen wir das auch", sagt Solis. Sie könne sich auch vorstellen, experimentellere Strömungen aufzugreifen und zu verarbeiten. Was aktuell aus dem Umfeld von Kelela oder FKA Twigs kommt, gefalle ihr ausgesprochen gut. "Hauptsache Groove, Hauptsache Soul", sagt Samray. Musik die das Herz berührt. Damit will sich das Trio Canis Majoris einen Namen machen!

Canis Majoris - Growing

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

[Fotos: 1,3 Bernhard Amelung / 2 Yasmin Samray]