Harvard-Außenstelle an der Uni Freiburg: Große Fragen im alten Europa

Martin Jost

Das erste offizielle Austausch-Programm der US-Eliteuniversität Harvard führt 20 amerikanische Studenten ausgerechnet nach Freiburg. Die deutsche Exzellenz-Uni soll "Stützpunkt für die Entdeckung Europas" sein. Was es von Europa zu lernen gibt?


[Vier von 20 Teilnehmern des Harvard College Europe Program: Anna Mapes, Marlee Chong, Debanjan Pain, Dennis Mwaura (von links)]

„Antworten auf die großen Fragen“
ließen sich in Europa finden, sagt Sven Beckert, der an der Havard University amerikanische Geschichte lehrt, am Dienstag auf einer Pressekonferenz. Natürlich fänden die USA eigene Antworten auf ökologische, städteplanerische oder Gesellschaftsfragen. Aber eben andere. „Und obwohl ich eigentlich amerikanische Geschichte unterrichte“, sagt Beckert, „finde ich es schwer, ohne Bezüge auf die Geschichte Europas auszukommen. Doch meine Studenten wissen in der Regel wenig über Europa.“


Noch nie in der 375-jährigen Geschichte Harvards, der ältesten Hochschule der USA, habe es ein faculty-led study-abroad program gegeben, also ein von der Uni organisiertes und von Lehrkräften begleitetes Auslandssemester, sagt Beckert.

Seit 24. Januar und noch bis zum 24. Juli sind die 20 Studenten des Harvard College Europe Program in Freiburg.

Vom Bundesverfassungsgericht bis zum Schwarzwaldbauernhof

 
Aber nicht nur in Freiburg. Kurse können sie auch in Straßburg und Basel besuchen. Eine Exkursion ging schon nach Istanbul, eine weitere wird nach Warschau führen. Außerdem Ausflüge und Besichtigungen beim Bundesverfassungsgericht, ins Vauban, nach Badenweiler, zu Chemiekonzernen, in ein Konzentrationslager, ins französische Atomkraftwerk Fessenheim, auf einen Schwarzwaldbauernhof und zu einem Gespräch mit Anti-Atomkraft-Aktivisten. Genauso unterschiedlich wie die Ausflugsziele sollen auch die Praktika sein, die jede und jeder einzelne Teilnehmer absolviert.

Freiburger Studenten haben sich als „Buddys“ zur Verfügung gestellt und den Amerikanern Freiburg gezeigt, beim Erlernen der Sprache geholfen und sind mit auf einige Erkundungs-Exkursionen gefahren. Die Gaststudenten wohnen in Freiburg zentral in angemieteten Unterkünften Im Grün beziehungsweise in der Wiehre.


[Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer, Harvard-Professor Sven Beckert]

„Das Programm ist so organisiert, dass nicht nur Studenten nach Freiburg gehen, die ohnehin ein fachliches Interesse an Europa haben“, sagt Sven Beckert. Anna Mapes beispielsweise studiert Spanisch und Französisch, aber Studenten der Gesellschafts-, Geistes- und Naturwissenschaften seien etwa zu gleichen Teilen im Programm vertreten.

Marlee Chong studiert Physik. „Europäische Geschichte ist aber in der High School ein Lieblingsfach von mir gewesen“, sagt die Kalifornierin.

Freiburg hat auch etwas davon

Harvard lässt sich das Europa-Programm einiges kosten. Es sei „sehr, sehr teuer“, sagt Sven Beckert, aber eine genaue Zahl nennt er nicht. Man investiere hier aber in Studenten, die zukünftige Führungskräfte in Politik und Gesellschaft werden dürften. Die Altersspanne der Gäste reicht von 19 bis 22.

Der Freiburger Rektor redet offener über Geld. Hans-Jochen Schiewer, der seine Universität als idealen „Stützpunkt für die Entdeckung Europas“ anpreist, beziffert die Kosten auf deutscher Seite mit 50.000 Euro. Darin enthalten sind Sven Beckerts Vertretung in Harvard durch den Freiburger Historiker Franz-Josef Brüggemeier, drei für die Gaststudenten maßgeschneiderte Kurse und zum Beispiel Sprachkurse. Ein Gegenbesuch von Freiburger Studenten in Cambridge, Massachusetts sei nicht bezahlbar.

Immerhin kommen insgesamt 15 Freiburger Studenten, die sich erfolgreich beworben haben, gemeinsam mit den Besuchern in den Genuss der Harvard-Spezial-Seminare.

In den Verhandlungen mit dem Cambridger College sei Thema, ob nicht zumindest Doktoranden aus Freiburg studiengebührenbefreit in Harvard arbeiten könnten, sagt der Pressesprecher der Uni Freiburg, Rudolf-Werner Dreier.

Image-Gewinn für Freiburg

Langfristig erhoffe man sich eine engere Kooperation. Der erste Harvard-College-Europe-Program-Jahrgang sei ein Pilotprojekt. „Natürlich bedeutet die Kooperation für Freiburg auch einen Imagegewinn“, sagt Dreier.

In den Augen der Harvard-Studenten hat Freiburg als Tor zu Europa allemal ein gutes Image. „Die Menschen sind sehr interessant“, sagt Physik-Studentin Marlee Chong. „Es ist toll, wie freundlich alle hier sind“, sagt Debanjan Pain, der Government studiert. „Es hat so viel Spaß gemacht, unsere Buddys kennen zu lernen. Sie sind so nett und haben uns sogar zu sich nach Hause eingeladen.“

Dennis Mwaura, ebenfalls Government-Student, findet: „Das Klischee vom strengen und extrem fokussierten Deutschen stimmt nicht. Die Leute hier sind sehr freundlich und etspannt – solange man kein Glas in den Restmüll wirft.“

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