Hartz IV-Blog: Wie lebt man wirklich mit Hartz IV?

Nora

359 Euro – so viel Geld hat ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger monatlich zur Verfügung. Ganz schön wenig, findet unsere Autorin Nora. Einen Monat lang testet sie, wie es ist, vom Arbeitslosengeld II zu leben. Doch wie realistisch ist ihr Hartz IV-Selbstversuch eigentlich? Im Gespräch mit Ruben, 18, der mit seiner Mutter und seinem Bruder von Hartz IV lebt, möchte sie es herausfinden.



Heute habe ich mich mit Ruben unterhalten. Ruben ist 18 Jahre alt. Er, seine Mutter und sein sechsjähriger Bruder leben seit der Einführung von Hartz IV 2005 davon. Davor bekamen sie schon drei Jahre lang Sozialhilfe.


Als ich zu Beginn unseres Gesprächs wissen will, ob er für das Blog lieber anonym bleiben möchte, meint er nur: „Ach nein, meinetwegen könnt ihr ruhig meinen Namen nennen, ich schäme mich nicht dafür, dass meine Familie von Hartz IV lebt.“ Das erstaunt mich zunächst und ich frage mich, ob ich an seiner Stelle ähnlich cool und selbstbewusst reagiert hätte.

Was Ruben zu erzählen hat, ist interessant. Für seine 18 Jahre wirkt er sehr vernünftig, so, als hätte er sehr schnell erwachsen werden müssen. Nicht alles, aber doch einiges ist neu und überraschend für mich, andere Dinge machen mich nachdenklich. Zum Beispiel, dass er als Sohn einer Hartz IV-Empfängerin vor dem 25. Lebensjahr nicht ausziehen darf, weil seine Mutter in einer so genannten „Bedarfsgemeinschaft“ lebt. Würde er sich dennoch eine eigene Wohnung nehmen, würde er keinerlei Unterstützung vom Staat bekommen. Er könnte kein Wohngeld beantragen, da seine Mutter schon Geld bekommt. Schwierig wird es auch mit der Arbeit. Im September fängt Ruben mit dem Berufskolleg an, er will sein Fachabitur nachholen. Nebenbei würde er gerne jobben, aber das darf er nur, solange er dabei nicht mehr als 200 Euro verdient. Jeder Euro zu viel würde seiner Mutter vom Hartz IV-Satz wieder abgezogen werden.

„Das heißt also, ich habe entweder die Möglichkeit, mich damit abzufinden, nur 200 Euro zu verdienen, egal, wie viel ich dafür arbeite. Oder aber, ich arbeite schwarz.“ Auch das hat Ruben schon gemacht. „Das hört sich jetzt zwar irgendwie an wie ein Schwerverbrecher, aber in diesem Fall hat man fast keine Wahl. Außerdem machen das viele“, verteidigt er sich.

Von seinem Freundeskreis isoliert oder gar ausgeschlossen fühlt er sich aufgrund seiner begrenzten finanziellen Möglichkeiten nicht. „Natürlich denke ich mir manchmal, wie toll es wäre, mehr Geld zu haben, und auch jede Woche ins Kino zu gehen, feiern zu gehen oder wieder neue Klamotten zu kaufen. Aber ich teile mir mein Geld gut ein, sodass ich so viel wie möglich mitmachen kann.“

Trotzdem will er nicht jedem Lebensstil seiner Freunde nacheifern. „Für viele meiner Freunde ist es selbstverständlich, alles zu bekommen. Sie denken gar nicht mehr groß darüber nach und verschwenden eine Menge Geld. Ich bin jedes Mal stolz darauf, wenn ich mir eine Sache erspart oder erarbeitet habe und kann das dann viel mehr genießen, glaube ich.“

Vor zwei Jahren hat er sich durch kleine Gelegenheitsjobs einen Flug nach New York zusammengespart. Dieser Urlaub war für ihn etwas Besonderes, denn im Gegensatz zu vielen Freunden kann er nicht jede Ferien wegfahren. Das sei aber auch nicht nötig, lenkt er ein.

Als ich Ruben nach seiner Meinung zu meinem Selbstversuch frage, ist er zwiegespalten. „Auf der einen Seite finde ich es wichtig, dass man das Thema anspricht und mit Vorurteilen aufräumt. Es sind nämlich nicht alle Hartz IV-Empfänger asozial, wie oft behauptet wird. Außerdem ist es wichtig, dass auch Otto Normalverbraucher mal selbst versucht nachzuvollziehen, wie es ist, mit sehr wenig Geld auszukommen. Auf der anderen Seite spiegelt ein einmonatiger Versuch nicht unbedingt die Realität wider. Viele Hartz IV-Empfänger leben seit Jahren von diesem Geld. Die fühlen sich durch so einen 'Test' vielleicht angegriffen.“

Klischees und Vorurteile gegenüber Hartz IV-Empfängern ärgern ihn. Dass Hartz IV-Empfänger oft als asozial abgestempelt werden zum Beispiel. Oder mit Alkohol, Zigaretten und Faulheit in Verbindung gebracht werden. „Natürlich gibt es einige, die dieses Klischee vielleicht erfüllen. Aber es gibt mindestens genauso viele, die nicht so sind und die arbeiten wollen, von Hartz IV weg wollen.“

Dass er finanziell eingeschränkt ist, merkt Ruben daran, dass er sich vieles, was für Jugendliche oft als selbstverständlich ist, nicht leisten kann. Er hat sich mittlerweile daran gewöhnt. Sein zwölf Jahre jüngerer Bruder aber versteht oft noch nicht, warum er – im Gegensatz zu anderen Kindern im Supermarkt oder Kaufhaus - kein Eis, kein neues Spielzeug haben kann. Aber wie reagiert man, wenn von einem Kind die Frage kommt: „Warum kann ich nicht auch so was haben?“

„Wir versuchen, es meinen Bruder so wenig wie möglich spüren zu lassen, dass wir nicht so viel Geld haben“, sagt Ruben. „Kinder lassen sich sehr von der Werbung beeinflussen. Meine Mutter und ich erklären ihm dann, dass viele Dinge zwar schön, aber nicht unbedingt notwendig sind.“

Und wie realitätsgetreu sind meine bisherigen Erfahrungen mit dem Hartz IV-Regelsatz, im Vergleich zu einem „echten“ Hartz IV-Empfänger? „Deine Beschreibung vom Einkauf beim Discounter trifft’s schon ganz gut. Man muss bei den Lebensmitteln ziemlich genau rechnen vorausschauend planen. Auch die Frage nach einem passenden und gleichzeitig preisgünstigen Geschenkfür Freunde zum Geburtstag oder an Weihnachten stellt sich oft.“ Nicht ganz so überzeugt ist Ruben von meinem Bummel durch die SecondhandlädenFreiburgs.



„Um ehrlich zu sein habe ich noch nie in Secondhandläden Klamotten gekauft. Ich besitze zwar nicht viele Klamotten, gerade mal drei Jeans, ein paar T-Shirts und zwei Paar Schuhe, aber die habe ich neu gekauft.“ Für größere Anschaffungen wie eine neue Waschmaschine oder dringend benötigte Möbel beispielsweise könne man zusätzliches Geld beim Arbeitsamt beantragen.

Auch wirklich hungern müssen Ruben und seine Familie nie. „Gegen Ende des Monats wird das Geld schon knapper. Aber dann gibt’s halt einfache Mahlzeiten wie Nudeln mit Tomatensoße.“ Wichtig sei es nur, gut zu managen, wie Ruben immer wieder betont. Sich das Geld einzuteilen, es bewusst auszugeben. Für Dinge, die man braucht und nicht einfach nur eben mal haben möchte.

„Jedem, der viel Geld hat und es auch ausgibt, gönne ich das von Herzen. Sei es für Essen, Kino, Shoppen, Reisen... Sie haben es teilweise verdient oder einfach Glück gehabt im Leben. Aber man sollte einfach immer in Hinterkopf behalten, dass es auch Zeiten geben wird, wo man vielleicht nicht immer so viel Geld zur Verfügung hat. Und daher sollte man vernünftig mit dem Geld umgehen. Es gibt ja auch noch einen Unterschied zwischen Genuss und einfach nur sinnlos Geld verprassen.“

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[Foto: Symbolbild]