Hartz IV-Blog: Rechenarbeit

Nora

359 Euro – so viel Geld hat ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger monatlich zur Verfügung. Für unsere Autorin Nora ist der Hartz IV-Satz in diesem Monat eine finanzielle Herausforderung. Das erste Wochenende hat sie mit dem Durchrechnen ihrer Finanzen verbracht.



Das Wochenende war ruhig. Der Großteil meiner Freunde war nach Hause gefahren, der Rest brütete in der UB über ihren Hausarbeiten. Niemand hatte Zeit. Das bedeutet auch: Keine Partys, kein Kino, nicht mal Kaffee. Für mich brachte das gleich zwei Vorteile mit sich. Zum einen blieb somit mein Geldbeutel verschont. Zum anderen hatte ich viel Zeit für mich – Zeit um zu rechnen und nachzudenken.


359 Euro lief schließlich weiter, ebenso meine hatten sich anfangs noch akzeptabel angehört, doch bei genauerem Überlegen musste ich davon noch eine Menge abziehen. Mein Fitnessvertrag, Strom- und Telefonrechnung und mein Zeitungs-Abo. Schließlich blieben mir 276 Euro. Bedauerlicherweise ist der August auch noch ein „langer“ Monat mit 31 Tagen. Macht also nach Adam Riese ganze 8,90 Euro, die mir am Tag zur Verfügung. Nicht gerade viel.

Beim Googlen stieß ich auf eine Tabelle auf bafoeg-aktuell.de, die den prozentualen Anteil verschiedener Bereiche wie Nahrung, Bekleidung oder Telefon am Regelsatz veranschaulicht. Demnach bilden Lebensmittel, GetränkeTabakwaren den höchsten Anteil der 359 Euro und sind mit 132,83 Euro im Monat abgedeckt. Mein erster Gedanke: Gut, dass ich nicht rauche. Mein zweiter Gedanke: Wie kann man mit 4,28 Euro am Tag für Essen und Getränke auskommen?

Was Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) mit seinem HARTZ IV-Menü so akribisch vorgerechnet hat (womit er – zu Recht – eine Welle der Empörung ausgelöst hat), schien mir in der Praxis fast unmöglich zu sein.

Gestern morgen fuhr ich zu ALDI. Auch unabhängig von meinem Experiment bin ich ein großer Verfechter jeglicher Discounter. Gute Qualität, günstige Preise und in der Regel finde ich dort alles, was ich brauche. Dieser Einkauf dauerte jedoch dreimal länger als gewöhnlich. Mit einer Seelenruhe, die wohl so manch anderen Kunden hinter mir, der es eilig hatte und nach Feierabend eigentlich nur schnell nach Hause wollte, zur Weißglut trieb, schlenderte ich mit meinem Einkaufswagen durch die Regalreihen.

Haargenau prüfte ich jeden einzelnen Preis und wog ganz genau ab, ob ein Produkt wirklich in meinem Wagen landen durfte oder nicht. Schokolade und Kaugummi waren nicht zwingend notwendig, also weg damit. 1 kg Nektarinen im Angebot für 65 Cent - was für ein Schnäppchen! Die „Premium-Nektarinen“ daneben für 2,25 Euro das Kilo würdigte ich nur eines verächtlichen Blickes, bevor ich mich weiter zu den Schlangengurken machte.

29 Cent pro Stück – da nahm ich gleich zwei davon mit. Bei den Kühlregalen angekommen fiel mir zum ersten Mal auf, dass die fettarme Milch 6 Cent günstiger ist als 1 Liter Vollmilch. Figur- und portemonnaiefreundlich also. Am Ende hatte ich für 14,49 Euro eingekauft und war zufrieden. Die Lebensmittel würden mindestens für vier bis fünf Tage reichen. Getränke wie Kaffee oder Saft waren in dem Budget allerdings nicht enthalten.



Zu Hause angekommen schnappte ich mir den Kassenbon und einen Taschenrechner und rechnete los. Morgens esse ich für gewöhnlich Müsli mit Obst und Milch. Das Frühstück kostete mich also ungefähr 79 Cent. Bei einem Mittagessen aus Nudeln mit Tomatensoße, Salat und einem Putenschnitzel landete ich bei circa 1,94 Euro. Und ein Abendessen bestehend aus Obst, Brot und Käse brachte mich auf ungefähr 1,20 Euro. Drei Mahlzeiten kosteten also bei günstigem und gut überlegtem Einkauf um die 3,93 Euro. Blieb nicht viel Spielraum für Kaffee, Säfte oder mal ein Eis im Sommer.

Mir schwirrte der Kopf bei so vielen Zahlen. Diese Rechnungen zeigten mir aber nicht nur, wie schwierig es war, sich in so einem engen finanziellen Rahmen zu bewegen. Ich bekam zudem auch eine kleine Ahnung davon, wie schwer und belastend es auf Dauer für Hartz IV-Empfänger, für Menschen mit einem sehr geringem Einkommen oder auch für viele Studenten sein musste, bei jeder kleinsten Sache zu überlegen, ob sie vom Budget her überhaupt drin war. Denn was für mich nur ein 1-Monats-Experiment darstellte, ist für viele bitterer Alltag, der über Jahre andauerte, manchmal sogar ein Leben lang.

Das war eine Erkenntnis, die mir sicher nicht neu war, mich aber zum ersten Mal so deutlich und mit solch einer Heftigkeit erfasste, dass sie ein ungutes Gefühl zurückließ, ein Gemisch aus Ungläubigkeit, Entsetzen und schließlich auch Wut über meine eigenen, teilweise so gedankenlosen Ausgaben.

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Anmerkung der Redaktion:

Nora bloggt in diesem Monat im Hartz IV-Blog auf fudder - und zwar fast täglich. Ihre Beiträge werden deshalb nicht immer auf der Startseite erscheinen. Guckt deshalb auch direkt insHartz IV-Blog (Link in der linken Sidebar). Wir richten für das Blog auch noch einen RSS-Feed ein.