Hartz IV-Blog: Ganz schön lang, dieser August

Nora

359 Euro – so viel Geld hat ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger monatlich zur Verfügung. Ganz schön wenig, findet unsere Autorin Nora. Einen Monat lang testet sie, wie es ist, vom Arbeitslosengeld II zu leben. Mehr als 3 Wochen hat sie schon hinter sich gebracht - doch zum Ende des Monats wird das Geld langsam immer knapper. Und die letzten Tage haben es noch mal in sich.



Ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich nur noch die Tage zähle. Die letzten Tage, bis dieser Monat und der Selbstversuch endlich vorbei sind. Obwohl ich das Gefühl habe, so gut wie möglich gewirtschaftet zu haben, jeden Cent drei Mal umgedreht zu haben, wird es langsam wirklich eng mit dem Geld.


Ich bin kaum mit Freunden weggegangen, habe meine Einkäufe sehr genau kalkuliert, Kleidungsgeschäfte gemieden, Bücher nicht mehr neu gekauft sondern in der Bibliothek ausgeliehen und auch bei Geburtstagsgeschenken war ich mittlerweile fast schon geizig. Mein Kaffeekonsum ist stark gesunken und auswärts essen ist erst recht nicht mehr drin. Und dennoch ist alles irgendwie verdammt teuer.

Wenn ich ehrlich sein soll: Mir macht das Leben mit so wenig Geld nur halb so viel Spaß. Ich vermisse eine gewisse Leichtigkeit und Spontaneität, sowie den Genuss von kleinen Freuden. Auf diese verzichte ich momentan fast gänzlich, und wenn ich mir dann doch einmal etwas gönne (einen einzigen Frappuccino im ganze Monat oder einen neuen Billig-Nagellack für 1,75 Euro), dann kann ich mich gar nicht richtig drüber freuen, weil ich mich innerlich schon wieder über diese „Verschwendung“ der wertvollen Euros ärgere. Es ist macht mich verrückt, wütend und am Ende ist es einfach nur deprimierend.

Am Donnerstag war meine Laune auf dem Tiefpunkt. Ich fuhr am Nachmittag in die Stadt und bummelte durch die Geschäfte. Eigentlich sinnlos, da ich mir momentan von all diesen Sachen nichts leisten konnte. Ziemlich schnell merkte ich, dass es nicht nur sinnlos, sondern ein fataler Fehler gewesen war. Anstatt mich wie sonst aufzubauen und wieder fröhlicher zu stimmen, zog mich dieses Pseudo-Shoppen erst recht runter. Denn natürlich entdeckte ich haufenweise tolle Sachen, die ich mir alle nicht kaufen konnte.

Bei einem Paar Schuhe war es dann endgültig vorbei. In diese Sneakers hatte ich mich schon vor Monaten verliebt, damals waren sie mir – man mag es kaum glauben – allerdings ein bisschen zu teuer. Jetzt aber waren sie auf sage und schreibe 50 Euro reduziert! Das war ein echtes Schnäppchen, fast schon ein Witz. Allerdings nicht bei Hartz IV.

Um mir das Ganze noch mehr zu erschweren, gab es zu allem Überfluss auch nur noch ein einziges Paar – in meiner Größe.

Sofort lieferten sich in meinem Kopf zwei Stimmen einen erbitterten Kampf.
“Vergiss doch dieses dämliche Hartz IV-Experiment. Kauf’ dir die Schuhe, die wolltest du schon so lange haben!“, sagte die eine.
“Du hast dir aber etwas vorgenommen, jetzt darfst du nicht aufgeben! Immerhin hast du so etwas wie ein Versprechen gegeben“, rief die andere Stimme. „Ach was, Versprechen. Es muss ja keiner wissen. Tu beim nächsten Blog-Eintrag einfach so, als sei nichts passiert“, säuselte der kleine Mephisto. „Das geht aber nicht“, mahnte das Engelchen. „Du musst schon ehrlich bleiben. So ist das Leben mit wenig Geld nun einmal, das musst du jetzt durchhalten.“ Ich war hin und her gerissen und ganz kurz davor, alles zu schmeißen. Doch schließlich siegte mein Gewissen und ich stellte die Schuhe schweren Herzens zurück ins Regal. Insgeheim hoffte ich, dass sie auch im September noch zum Verkauf stehen würden. Mein Hass auf diesen Monat mitsamt meinem blöden Selbstversuch wuchs.

Die nächste Herausforderung wartete schon am Wochenende. Eine sehr gute Freundin von mir war aus ihrem einjährigen Auslandsaufenthalt zurückgekehrt und feierte eine Art „Willkommen-zurück-Party“ bei sich zu Hause. Leider befand sich dieses jedoch in einem kleinen Ort in der Nähe von Baden-Baden. Jetzt musste ich mir irgendwie eine günstige Fahrt dahin organisieren. Mit der Bahn kostete es dreiste 16 Euro für eine eineinhalbstündige Fahrt mit der Regionalbahn, zurück noch mal das Gleiche. Das konnte ich mir beim besten Willen nicht leisten, schließlich waren das mehr als drei Tagesausgaben für mich. Ich musste eine günstigere Alternative finden, so viel war sicher. Leider gab es auf mitfahrgelegenheit.de keine Fahrten direkt in dieses kleine Kaff. Also beschloss ich, mich zumindest bis Offenburg mitnehmen zu lassen und von dort aus die letzten paar Kilometer mit dem Zug zu fahren.

Auf der Hinfahrt hatte ich sogar das Glück, dass mich mein Fahrer doch noch bis vor die Haustür meiner Freundin gebracht hat. Sei kein großer Umweg für ihn, meinte er. Am Ende zahlte ich zehn Euro für eine bequeme und schnelle Autofahrt und war stolz, dass ich ganze sechs Euro sparen konnte.

Die Party war ein voller Erfolg und schließlich sparte ich mir dank des reichhaltigen Büffets und Frühstücks am nächsten Morgen das Geld für mindestens zwei Mahlzeiten.

Auf der Rückfahrt nahm ich den Zug bis Offenburg und löste ein Ticket für 5,10 Euro am Automaten. Zu meinem großen Ärgernis wurde ich kein einziges Mal auf der Fahrt kontrolliert. Fühlte sich an wie 5,10 Euro zum Fenster herausgeschmissen. Da hätte ich lieber schwarzgefahren sollen. In Offenburg traf ich mich mit vier Mitfahrern, die mit dem Baden-Württemberg-Ticket unterwegs waren. Bis Freiburg zahlte ich noch mal 5 Euro.

Bilanz: 20,10 Euro anstatt 32,00 Euro für Hin- und Rückfahrt ausgegeben. Das war selbst für mich als „Hartz IV-Empfänger“ machbar gewesen.

Am Sonntagabend bin ich dann doch mal wieder mit einer Freundin etwas trinken gegangen. Allerdings blieb ich bescheiden bei einem Cappuccino. 2,40 Euro waren ja auch nicht wenig. Als wir zahlten, drückte ich dem Kellner 2,50 Euro in die Hand. „Stimmt so.“ Meine Freundin, der ich von meinem Selbstversuch erzählt hatte, fragte mich erstaunt: „Glaubst du wirklich, Hartz IV-Empfänger geben noch Trinkgeld?“

Ich habe wieder ein bisschen gerechnet. Mittlerweile belaufen sich meine Ausgaben auf insgesamt 210,12 Euro. Dazu kommen noch die Kosten fürs Fitnessstudio, das Zeitungsabo, Telefon und Strom. Somit bin ich also schon bei 285,12 Euro und es bleiben mir nur noch 73,88 Euro für sieben Tage. Das ist machbar. Aber wer weiß, was die letzte Augustwoche noch für unangenehme Überraschungen bereithält.

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