Hartz IV-Blog: Der letzte Tag

Nora

359 Euro – so viel Geld hat ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger monatlich zur Verfügung. Ganz schön wenig, findet unsere Autorin Nora. Einen Monat lang hat sie getestet, wie es ist, vom Arbeitslosengeld II zu leben. Die Bilanz zum Ende des Selbstversuchs.



Ich habe es geschafft. Ein Monat, der niemals enden wollte, ist jetzt endlich rum. Was ich zu Beginn für ganz klar machbar gehalten hatte, hat sich als äußerst schwierig herausgestellt: 31 Tage von 359 Euro leben. Ein Blick auf meine Ausgabenbilanz zeigt mir: Es hat geklappt. 285,28 Euro habe ich im August ausgegeben, plus 39 Euro Fitnessvertrag, plus 26 Euro Strom und Telefon. Macht 350,28 Euro. Klingt erst mal ganz gut.


Wenn ich allerdings darüber nachdenke, wie schwer das für mich war, wie genau ich auf jeden Euro geachtet habe und auf wie viel ich dabei verzichten musste, dann werde ich nachdenklich und traurig. Nachdenklich, weil ich nicht weiß, wo ich auf Dauer das Geld für ein Paar Schuhe, ein neues T-Shirt oder eine Jacke hernehmen könnte. Traurig, weil ich mich im Laufe des Monats mit einigen Studenten unterhalten habe, die jeden Monat nicht mehr Geld als diese 350 Euro zur Verfügung haben – manchmal sogar weniger. Und die damit erstaunlicherweise ganz gut klar kommen. Die sich nicht beschweren und die auch nicht das Gefühl haben, auf vieles verzichten zu müssen.

Warum fiel mir dieser Monat also so schwer? Ist das alles eine Gewohnheitssache? Würde ich mit der Zeit mit diesem Geld klarkommen? Würde es irgendwann für mich normal werden, falls ich einmal gezwungen sein sollte, mit diesem Geld auszukommen? Am Ende bin ich wohl doch verwöhnter, als ich zu Anfang geglaubt habe und irgendwie schäme ich mich jetzt schon fast, all die vorigen Monate so verschwenderisch gelebt zu haben.

Auf der anderen Seite weiß ich auch, was es heißt, zu arbeiten. Und kann man es sich von dem erarbeiteten Geld nicht auch eine Zeitlang gut gehen lassen? Oder ist das nicht weitsichtig genug? Solle ich lieber sparen, für schlechtere Zeiten?



Ich bin hin- und hergerissen. Außerdem würde ich wirklich gerne wissen, ob ich diesen Monat noch mehr hätte sparen können. Beim Essen vielleicht? Aber man kann doch von keinem Hartz IV-Empfänger erwarten, dass er auf Vitamine und wichtige Nährstoffe verzichtet und sich täglich nur von Brot und Spaghetti ernährt, weil sonst das Geld nicht reicht. Oder?

Zu Starbucks bin ich diesen Monat ein einziges Mal gegangen und auch sonst habe ich mir meinen Kaffee ausschließlich zu Hause gekocht. Auf Klamotten habe ich gänzlich verzichtet, im Kino war ich überhaupt nicht und genau vier Mal mit Freunden etwas trinken, wobei ich mich dabei auf ein Getränk beschränkt habe, egal wie oft die Kellnerinnen gefragt haben: „Darf’s bei euch noch etwas sein?“, mit einem Blick der eher sagte „Bestellt noch etwas, oder verschwindet!“

Einmal musste ich auch mein Handy aufladen. Für 15 Euro bei Aldi. Auf den Frisör habe ich diesen Monat verzichtet, auch wenn es eigentlich dringend nötig gewesen wäre. Mein Shampoo und diverse Kosmetik-Artikel neigen sich dem Ende zu – wo bleibt denn noch Geld dafür?

Müsste ich dauerhaft von Hartz IV leben, so hätte ich vermutlich als allererstes meinen Vertrag im Fitnessstudio gekündigt. Das ist ein Luxus, den man sich einfach nicht leisten kann. Es sei denn man nimmt eine günstigere Variante bei McFit für 19 Euro im Monat. Doch selbst das scheint mir mittlerweile überflüssig. Dafür würde ich lieber einmal ins Kino gehen. Oder für eine Winterjacke sparen.

Dieser Monat hat mir einiges gezeigt. Zum Beispiel, dass einige meiner früheren Ausgaben tatsächlich überflüssig waren. Die paar Euro, die man am Tag hier für Kaffee, da für eine Zeitschrift, woanders für eine Cola oder ein Eis unterwegs ausgibt, summieren sich. Schnell hat man so fünf Euro am Tag ausgegeben, also 150 Euro mehr im Monat, ohne dass man eigentlich weiß, wohin das ganze Geld verschwunden ist. Auch lohnt es sich, öfter mal die Mitfahrgelegenheit statt die Bahn zu nehmen. Und ja: Starbucks und Esprit sind überteuert und werden von mir in Zukunft nur noch als absolute Ausnahmen in Erwägung gezogen.

Nach diesem Monat habe ich auf jeden Fall das Gefühl, die kleinen Dinge wieder mehr schätzen zu können. Ich gehe achtsamer mit meinem Geld um und freue mich mehr, wenn ich mir doch mal etwas gönne.

Dennoch weiß ich nach diesem Selbstversuch: Ich brauche später mal einen Job, bei dem ich mehr als 359 Euro (abzüglich Miete) im Monat übrig habe. Denn dauerhaft davon zu leben, würde mir schwer fallen. Damit will ich keinem Hartz IV-Empfänger zu nahe treten.

Niemand weiß, ob er nicht auch einmal bei Hartz IV landen wird. Doch ich kann nur sagen: Ich werde alles versuchen, um nicht irgendwann gezwungen zu sein, ernsthaft vom Existenzminimum leben zu müssen. Als Student ist das vielleicht noch möglich, aber spätestens, wenn man nicht mehr in einer WG lebt und keine Rabatte mehr kriegt, stelle ich es mir richtig schwierig vor.

Ich bin gespannt, wie ich die nächsten Monate mit meinem Geld umgehen werde. Komischerweise habe ich gar nicht – wie eigentlich erwartet – das Bedürfnis, sofort ins nächste Geschäft zu rennen und all das nachzuholen, auf das ich vergangenen Monat verzichten musste. Nur den Frisör werde ich mir jetzt endlich leisten. Ach ja, ins Kino gehe ich heute Abend auch. Es ist Dienstag, Kinotag. Ob Zufall oder Berechnung – auf diese Vorstellung freue ich mich wie schon lange nicht mehr.

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