Hart, direkt, bestimmend und doch sanft: Jesper Munk im Spiegelzelt

Bernhard Amelung

Jesper Munk, für das deutsche Pop-Feuilleton der Posterboy des Blues, hat die Spiegelzelt-Konzertreihe des 33. Zelt-Musik-Festivals eröffnet. Warum ein evangelikaler Prediger vor seiner Musik vielleicht auch heute noch warnt:



Soul, Funk, Blues, Country: Stets haben die Großen dieser Genre mit den musikalischen Regeln und gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit gebrochen.


So weiß man von Sam Cooke, 1931 als Sohn eines Baptistenpredigers im US-amerikanischen Clarksdale geboren, dass er Akkordbewegungen und Harmonien des Gospel, der schwarzamerikanischen Liturgie, mit den rohen, trockenen Drumgrooves und sexgetränkten Bassfiguren des Rhythm and Blues paarte. Als Leadsänger der Band The Soul Stirrers verpasste er von 1950 bis 1956 dem Gospel eine ordentliche Ladung Blueshitze. "Jesus Give Me Water", "Loveable" oder "You Send Me", sind Songs, die vom Text her in eine Kirche, von der Instrumentierung und rhythmischen Ausgestaltung aber eher in ein Speakeasy passen.

Robert Johnson, 1911 als nichtehelicher Sohn eines Plantagenarbeiters in Mississippi geboren, wird nachgesagt, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen zu haben, um seinen kurz gesetzten Boogie Woogie-Riffs noch mehr Verve zu verleihen. Sich synkopisch überschlagende Rhythmen, repetitiv verlaufende Akkorde, wie sie der 1938 verstorbene Bluesgitarrist in seinen Songs verarbeitete, galten Musikern wie Neil Young, Johnny Cash und Bands wie Led Zeppelin und den Rolling Stones als Vorbild. In evangelikalen Kreisen gelten sie bis heute als Satansfrucht.

Zwischen Südstaaten-Blues und englischem Rock

Irgendwo zwischen Südstaaten-Blues und englischem Rock der späten Sechziger und frühen Siebzigerjahre bewegt sich Jesper Munk, der die Spiegelzelt-Konzertreihe des Zelt-Musik-Festivals 2015 am Mittwochabend eröffnet hat. 1992 in München als Sohn eines Deutschen und einer Dänin geboren, ist er qua seiner Herkunft allerdings weit weg von dieser Welt. Sein Vater ist New Wave-, Punk- und Indie-Musiker (Marionetz, Cat Sun Flower), seine Mutter hat für ein renommiertes Münchner Modehaus gearbeitet. Weißer, wohlstandserfahrener, wohlbehüteter geht es eigentlich nicht. Dass er als Teenager seinen Vater ab und zu begleitet hat und auf Afterpartys von Konzerten anwesend war - geschenkt. Feiern tun alle Teenager.

Gegen so viele Freiräume, beziehungsweise gegen ein elterliches Verständnis für den Freiheitsdrang aufzubegehren, das muss verdammt schwer sein. Eine rebellische Grundhaltung würde man ihm aber gar nicht abnehmen. Wer will schon als Teenager oder mit Anfang zwanzig "ganz der Vater" sein?! So muss der Blondschopf, der sein aktuelles Album "Claim" zusammen mit Jon Spencer (The Jon Spencer Blues Explosion) und seinem Vater produziert hat, seine Trojaner des Aufbegehrens anders reindrehen in die Köpfe und Beine des Freiburger Konzertpublikums.

Das tut sich stellenweise schwer mit der süddeutschen, fast schon wienerisch anmutenden Grantigkeit. Spröde-nüchtern kündigt er seine Songs an. "Prost, Freiburg, ich war noch nie hier. Freu mich", sagt er zur Begrüßung und legt dann gleich los mit schroffen, verzerrten Gitarrenakkorden, die er langsam auf das harte Drumgerüst schiebt. "Jesper, ich liebe dich", ruft ein Mann zwischen zwei Songs. "Okay. Love ya", antwortet Munk, schaut betreten weg und schweigt. Was dieser Konzertbesucher noch lernen muss: Die Beziehung Fan-Künstler ist nur so lange schön, so lange das L-Wort nicht ausgesprochen wird. Ganz so wie bei einer Affäre. Da sagt man es auch nicht, möchte man den Rausch der Leidenschaften möglichst lange auskosten.

Hart, direkt, bestimmend und doch sanft

Apropos Rausch der Leidenschaft. Munk stimmt "The Everlasting Good" an. "Coffee & beer & a bottle of white wine & dine is all we need and a sip of the everlasting cigarette, the everlasting cigarette", haucht, singt, schreit er. Je nach Akkord, je nach Harmonie, variiert er seine Stimme. Er nimmt den Bassgroove mit seinem Körper auf, geht einen Schritt vor, einen Schritt zurück. Er schließt die Augen, schlägt die Saiten seiner Gitarre an. Hart. Direkt. Von ihm so angefasst, an seine Brust gezogen zu werden, bestimmend und doch sanft, das müssen sich alle Frauen oder Männer wünschen, die ihn aus den ersten Reihen heraus anschmachten.

Ihr Sehnen und Träumen zerstört der Deutsch-Däne, den das Onlinemagazin interview.de als "jungen Mann mit dem Nils-Holgersson-Gesicht" beschreibt, mit dem darauffolgenden Song. Die Beats stampfen, preschen wild nach vorne. So schnell, dass der Bass kaum hinterher kommt. Munk lässt seine Gitarre röhren. Und seine Stimme klingt auf einmal trotzig. Aggressiv. Das kann er sowieso: Innerhalb von wenigen Takten umschalten, Klangfarbe und Tragfähigkeit seiner Stimme variieren. So auch, als er Klassiker seiner Vorbilder anstimmt. Johnny Cashs "Folsom Prison Blues", Neil Youngs "Needle And The Damage Done" und Dan Auerbachs "Trouble Weighs A Ton". "Bin im Cover-Modus. Kein Bock zu erklären warum. Hab einfach Bock drauf", sagt er.

Das Konzert schließt er ebenfalls mit einem Blues-Klassiker ab. Slim Harpos "Shake Your Hips" aus dem Jahr 1966. Schnelle Gitarrenakkorde, ekstatisches Drumming, ein fingerforderndes Bass-Workout. Synkopierter Auftakt, synkopisch verschoben geht's weiter, bis die Instrumente wieder parallel geführt laufen. Ein Break, die letzten ostinaten Figuren. Die Muskelspannung steigt. Die körperliche Erregung nimmt zu. Hier wird der schwarzamerikanische Hintergrund des Rock'n'Roll deutlich. Musik, vor der ein evangelikaler Prediger vielleicht auch heute noch warnt.

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[Foto: Jesper Munk]