Schüler-Talkshow

Harald Martenstein witzelt bei "nachgefragt" über Klimademos

Andreas Meinzer

Am Mittwochabend war Zeit-Autor und Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein bei der Schüler-Talkshow "nachgefragt" im Rotteck-Gymnasium zu Gast. Dort beantwortete er freimütig alle Fragen.

Es ist fast viertel nach neun als Zeit-Autor und Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein bei einem Tast-Spiel aus einem kleinen schwarzen Säckchen ein glibbriges, grünes Etwas herausfischt, das zäh in der Luft baumelt: ein Stück Spiel-Schleim für Kinder. Es soll in diesem letzten Programmpunkt des Abends Anlass sein, ihn zu seiner Leidenschaft für Zombie-Filme zu befragen.


Die beiden Schüler-Moderatoren des Rotteck-Gymnasiums Lisa Pflanz und Jonas Durst sind bemüht, dem prominenten Schreiberling kritische Fragen zum aktuellen politischen Zeitgeschehen zu stellen – Brexit, Klimawandel, Urheberrechtsreform –, doch über weite Strecken ist die Unterredung eher ein Plausch über Martensteins kulinarische Vorlieben in ihrer Entwicklung von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Groschenromane der Oma als Inspiration

So erfährt das Publikum, dass er als Arbeiterkind früher des Öfteren Dosenravioli zu essen bekam, die er heute nur noch etwa einmal jährlich verköstigt. Als besonderer Gag haben die OrganisatorInnen deshalb einen Camping-Kocher auf das Beistelltischchen drapiert, auf dem eine Portion der konservierten Teigtaschen "in pikanter Soße" vor sich hin köchelt. Das bietet seitens der Moderatoren immer wieder Anlass, Martenstein zu unterbrechen, wenn einer seiner biographischen oder politischen Monologe mal wieder etwas länger zu werden droht.

Nach der ersten halben Stunde des Talkabends befinden wir uns auf der Martensteinschen Lebenszeitleiste erst im Jahre 1958, der kleine Harald ist zu dieser Zeit fünf Jahre alt. Sein 60 Jahre älteres Ich erzählt, wie er durch die Groschenromane seiner Oma, durch Arzt- und Förster-Heftchen, sowie durch die Landserheftreihe seines Opas zum Lesen und später zu richtiger Literatur ("Moby Dick") fand. "Herr Martenstein, ich unterbreche Sie nur ungern", wirft Jonas ein, "aber die Ravioli sind heiß."

Politische Überzeugung: eingebildet

Die Mahlzeit bringt einen größeren Sprung auf der Zeitleiste mit sich: Martensteins Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz nach seinem Abitur. Im Rahmen eines Austauschprogramms der Organisation "Aktion Sühnezeichen" war er dort landwirtschaftlich aktiv – und habe auch Schießen gelernt. Im Nachhinein finde er das sehr grotesk, auch den Grundgedanken, "durch Apfelsinenpflücken Sühne zu leisten" für deutsche Kriegsverbrechen, wie er polemisch verkürzt.

Die Diskussion geht danach zurück auf Martensteins unspektakuläre Zeit in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), in die er als 16-Jähriger eintrat. Ob er wegen der "hübschen deutschen Kommunistinnen" dort eingetreten oder ob er "überzeugter Kommunist" gewesen sei, möchte Lisa wissen. Die habe es dort nicht gegeben, bemerkt Harald Martenstein belustigt. Und die politische Überzeugung? Die sei größtenteils eingebildet gewesen.

Wie schreibt man eine gute Kolumne?

Da sein Großvater KPD-Mitglied war und er aus einer Arbeiterfamilie stamme, habe er sich "für einen echten Proletarier gehalten". Letztlich macht Martenstein aber für seinen Parteieintritt den damaligen "Herdentrieb" verantwortlich: Für jeden in seiner Klasse habe es eine eigene kommunistische Partei oder Gruppierung gegeben – und für ihn sei noch, neben allerlei maoistischen Splittergruppen, die Moskau-treue DKP übriggeblieben. Ausgetreten sei er dann wegen des autoritären Klimas: Die postulierte "innerparteiliche Demokratie" sei "eine Farce" gewesen.

Nach einer Dreiviertelstunde kommt die Runde auf Martensteins heutiges Metier zu sprechen: Das Dasein als Kolumnist und die Frage, wie man eine gute Kolumne schreibe. Der Autor macht es erfreulich kurz: "Wenn sie einen bestellten Text an eine Redaktion schicken und danach mit einer Freundin per E-Mail darüber schreiben, dann ist die E-Mail in den allermeisten Fällen der interessantere Text." Wenn das so einfach sei, im empfohlenen "E-Mail-Modus" eine Kolumne zu schreiben, warum mache es dann nicht jeder?, will Lisa wissen.

Heftiger Zwischenapplaus für ein Statement

Das frage er sich auch, entgegnet der Gefragte nüchtern. Und wenn ihm einmal nichts einfalle? Dann schreibe er trotzdem etwas. Das Schlimmste für eine Redaktion sei, wenn der Autor gar keinen Text liefere. Die beste Kolumne? Das sei eine, die über einen längeren Zeitpunkt ihr Niveau zumindest durchschnittlich halte. Ob er seinem Sohn raten würde, selbst Kolumnist zu werden? Nein, er empfehle, lieber in die Immobilienbranche einzusteigen.
Es schließt sich am Beispiel einer seiner umstrittensten Kolumnen ein 'Fakten-Check' an. Martenstein hatte in einem Text zum Thema Abtreibung Forscher zitiert, die einen Schwangerschaftsabbruch nach dem 9. Monat nicht ausschlössen – und die Jusos, die "ähnliches" gefordert haben sollen, in die Nähe der NSDAP gerückt, was er aber bestritt.

Sein Statement, er finde einen solchen Abort schlicht "barbarisch" und er lehne ihn aus "Respekt vor dem Leben" ab, bringt ihm heftigen Zwischenapplaus. Schade, dass dieser Programmpunkt erst recht spät behandelt wurde, als die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne schon zu sinken begann, und sich die kritischen Nachfragen seitens des moderierenden Duos in Grenzen hielten.

Schon war nämlich der nächste Programmpunkt an der Reihe: Blumenkästen mit Fingerfarben gestalten und bepflanzen. Während Martenstein werkelt, werden ihm Fragen zum Klimawandel gestellt. Seine vorherigen Ausführungen zu diesem Thema wie beispielsweise, dass die "Fridays for future"-Demos nichts brächten ("Wann hat eine Demo je etwas bewirkt?") und es nach dieser Logik jeden Tag einen Grund gäbe, für eine thematische Kundgebung die Schule zu schwänzen, gipfeln im Fazit: Der Klimawandel sei "zum Teil irreversibel", ihn stoppen zu wollen "kurzsichtig" und die Menschheit sollte lieber den Umgang mit ihm einüben. Für seinen Blumentopf gewinnt Martenstein, nach Akklamation, einen goldenen Gartenzwerg.

Zum Schluss folgt das Fühlsäckchen-Spiel. Nach einem Dildo – Anlass, um über Sexualkundeunterricht zu diskutieren –, einem Spiegel (Lisa: "Was denken Sie morgens, wenn Sie in den Spiegel schauen? Alter weißer Mann?") und einem Mainzelmännchen – Anspielung auf seine "Heimat" Rheinhessen – und besagtem Spiel-Schleim wartet im fünften Säckchen: nichts.

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