Harald, die hättest Du echt einladen können!

Fabian

Mit einer cleveren Guerilla-Taktik wollte "Ein Stück heile Welt" zu Harald Schmidt ins Fernsehen stürmen (fudder berichtete). Am Freitag stand die Freiburger Band live auf der Bühne im Auditorium und bot knapp 80 Zuhörern ein Konzert mit allem, was dazugehört: mit großen Gefühlen und technischen Problemen, mit gelungenen Improvisationen und einer divenhaften Verspätung. Eine Einladung von Schmidt haben die Jungs noch nicht bekommen. Fabian findet, dass "Dirty Harry" einen Fehler begangen hat.



Es ist kurz nach neun. Allgemeines gespanntes Warten im Vorraum des Auditoriums. Vor mir steht "Ein Stück heile Welt"-Bandmitglied Uli Gmeiner lässig mit einer Bierflasche in der Hand. Der Trompeter und Tastenmann hat gute Laune und ist redselig. Ja, morgen gehen sie ins spanische Santiago de Compostela zum Videodreh und nein, von Harald Schmidt hätten sie immer noch nichts gehört. "Der wird sich auch nicht mehr bei uns melden." Ihr neuestes Album "Wertekanon des Abendlandes" ist eine Art vierundzwanzigtüriger, digitaler "Adventskalender" für und über Harald Schmidt. Ihr Ziel, einen Live-Auftritt bei "Dirty Harry" zu bekommen, haben sie trotz ihrer cleveren Guerilla-Marketing-Nerv-Strategie allerdings nicht erreicht. Das Konzert soll das Projekt deshalb gebührend abschließen.


Um neun ist Konzertbeginn. Eigentlich. Ein bisschen Verspätung gehört natürlich zum guten Ton, denke ich, passt schon. Aus dem Bisschen wird mehr als eine Stunde, bis Sänger und Gitarrist Konrad Bechler, Bassist Konrad Feldmeier, Schlagzeuger Manuel Dachner und Uli Gmeiner auf die Bühne treten. "Uns ist durchaus bewusst, dass wir so spät anfangen, aber das ist eben das Problem, wenn man das Konzert auch veranstaltet", begrüßt Bechler das studentische Publikum, das die Zeit gleichgültig durch Geplauder überbrückt hat.

Schon nach wenigen Songs wird klar: Harald, die hättest du echt einladen können! Die Jungs stehen für den mittlerweile schon von vielen Leuten geschmähten Deutschpop, aber "guten Deutschpop", betont Gmeiner. Und was sie am Freitag geboten haben, war Unterhaltung vom feinsten. Vor allem die Stücke von ihrem ersten Album "Schön und gut" gehen gleich beim ersten Hören ins Ohr und wollen einfach nicht mehr raus. Spätestens nach "Die Beine baumeln lassen" ist der Bann gebrochen und die Jungs bringen die Popos der Anwesenden in bester Wir-sind-Helden-Manier zum Shaken. Live noch besser als auf ihrem Album. Besonders Sänger Bechler, dessen Texte zwar kreativ, aber dem Zuhörer bisweilen erst nach mehrmaligem Hören verständlich werden, und Uli, der virtuose Soli auf sein Keybord hämmert, beeindrucken.

Da stört es auch nicht, dass nicht alles reibungslos klappt. Als beim Bassisten die Saite reißt, herrscht kurz Verwirrung. Während Feldmeier verzweifelt versucht, sein Arbeitsgerät wieder funktionstüchtig zu machen, schaut sich der Rest der Band fragend an: Was tun? Kurzerhand wird das kabarettistische, letzte Stück ihres Wertekanons "Lad uns endlich ein" vorgeführt. Bechler philosophiert in feinstem Schwäbisch, begleitet von dezentem Klavierspiel, über den Hasen Harald, der verzweifelt Versucht, durch die Hilfe der anderen Tiere wieder in den für ihn gesperrten Wald zu gelangen. Albern, aber es kommt an.

Als die Saite wieder gespannt ist, verabschiedet sich auch noch das Effektgerät und zum krönenden Abschluss kann Gmeiner plötzlich nicht mehr pfeifen, "wenn die Leute so gut drauf sind". Aber das ist alles vollkommen egal. Bechler versteht es, diese Lücken durch seine lässige, selbstironische Art, die, sorry Konrad, schon in gewisser Weise an den Komiker Piet Klocke erinnert, gekonnt zu überbrücken. Auf den Satzanfang folgt bei ihm zumindest an diesem Tag eher selten das Ende. "Heute wird's kabarettistisch, deshalb habe ich auch meinen Kabarettistenanzug an." Stimmt, Konrad! Dazu passt, dass Bassist Feldmeier gewisse Ähnlichkeiten mit dem "Schwaben-Witzlemacher" Uli Keuler hat.

Doch Bechler kann auch anders. Die melancholisch intensive Ballade "Am ersten Tag allein" trifft einen völlig unvorbereitet nach den schnellen und freudigen Anfangsstücken. Geschlossene Augen, zerbrechliche Stimme und völlige Hingabe - großartig! Auf dem Album begleitet von Streichern reicht auf der Bühne allein Gmeiner am Klavier, um sich die Momente nach einer Trennung vor Augen zu führen. "Im Kerzenschein tanzt noch dein Spiegelbild und der Schlaf kommt letztlich nur zum Trotz" - Das Publikum traut sich nach dem letzten Ton fast nicht zu klatschen. Ganz großes Kino!

Kurze Zeit später folgt die neue Single "Anne-Sophie". Ziehharmonika gezückt und los geht der heiße Tango. Sofort kommt man sich vor wie in einem Tanzlokal in Buenos Aires, fehlt nur noch Salma Hayek neben mir. "Und dann tanzen wir zusammen Tango" singt Bechler und das Publikum lässt sich nicht zwei Mal bitten. Besonders in den vorderen Reihen gibt's jetzt kein Halten mehr zur Freude der extra für diesen Abend Filmcrew aus Ludwigsburg, die ein Musikvideo für "Anne-Sophie" produziert. Das ist auch der Grund, warum die Band seit Samstag in Santiago de Compostela weilt. Bis es ein fertiges Video zu sehen gibt, kann aber noch einige Zeit vergehen, etwa drei bis vier Monate.

Um Punkt zwölf Uhr verhallen die letzten Akkorde im Auditorium. Auffallend vielseitig präsentierten sich "Ein Stück heile Welt":. Jazz, Chanson, Pop, Indie, fast jede Musikrichtung lässt sich in ihrem Repertoire wieder finden, ohne dass dabei ihr Stil verloren geht. Wer die Jungs live sehen will, muss sich gedulden. Gmeiner geht drei Monate nach Indien, Bechler beschäfitgt sich erst einmal mit seinem Staatsexamen und Drummer Dachner ist bald in Villingen als Lehrer tätig. Auf ihrer Homepage werdet ihr auf dem Laufenden gehalten.