Hao Li: Ein saucooler Informatiker

Dorothee Haffner

Das Wort "cool" wurde für Menschen wie Hao Li erfunden. Der junge Forscher hat in Karlsruhe Informatik studiert und arbeitet zurzeit für Hollywood: für ILM, die Produktionsfirma von George Lucas, dem Vater der Star-Wars-Trilogie. Schon bald könnte der Name Hao Li in einem Satz mit Avatar 2 genannt werden. Begegnung mit einem beeindruckend Unbeeindruckten.

Heute ist er weder in New York noch in Tokio oder Zürich. Er sitzt in seinem alten Kinderzimmer in Saarbrücken. Doktor Hao Li, Nini genannt, ist zu Besuch bei seiner Mutter. Er ist nicht besonders groß, seine pechschwarzen Haare sind zu einem schwarz-roten Irokesenkamm gestylt. Er trägt Schuhe der Marke Converse und ein Lady-Gaga-T-Shirt.  „Lady Gaga“, sagt er, „ist die Zukunft.“ Meint er das ernst? Nein, er lacht. Er wirkt auf Anhieb wie jemand, der in der Lage ist, sich über jede Kleinigkeit köstlich zu amüsieren.


Im Kindergarten nannten ihn alle Nini, weil es einfacher auszusprechen war als Hao. Der Name ist geblieben, er passt so schön zu seinem Understatement. Der 30-Jährige sieht aus wie 20, vielleicht sogar 18. Er lächelt und lacht viel, sein Blick ist aufmerksam und neugierig. Er spricht schnell und blinzelt dabei oft mit seinen dunklen, wachen Augen. „Wouah“, „Boum“, „Tsching“ –   diese Laute kommen bei ihm mindestens ebenso oft vor wie die Begriffe „non rigid ICP-Verfahren“, „Echtzeit-3D-Scanner“ und  „Marker“.

Nini hat eine neue Technik entwickelt, mit der 3-D-Filme in Zukunft noch realistischer werden. Erklärung des Experten: „In Avatar bekommen die blauen Wesen alle sogenannte Marker, also kleine blaue Kügelchen auf den Körper gemalt. Diese dienen dazu, ihre Bewegungen zu erfassen und daraus Special Effects zu machen. Mit meiner neuen Technik braucht man keine Marker mehr. Das erleichtert die Arbeit der Filmcrew, spart Zeit und Geld und das Beste: Es sieht auf der Leinwand zehnmal realistischer aus.“

Hao Li ist von seiner Sache felsenfest überzeugt. Und mit ihm die großen Namen Hollywoods. Die Traumfabrik setzt mehr und mehr auf 3-D-Filme. Im Gespräch mit Nini wird klar, dass es eine Fortsetzung vom Millionenerfolg Avatar geben wird. Ob seine neu entwickelte Technik dabei Anwendung findet, darüber verhandelt er gerade.

Hao Li erzählt von der Party seines Mentors Markus Gross. Der  ist einer der Top-Grafiker in Europa und Leiter von Disney Research Zürich. „Ich war am Morgen nach der Party noch so betrunken, dass Markus mich nach Hause fahren musste. Aber der ist cool, der versteht das.“ Er lacht.

Eine unsichtbare Macht scheint ihn zu begleiten

Aus Nini sprudelt es nur so heraus: New York, Hongkong, London  Hier eine Konferenz, da ein Consulting-Auftrag, Hollywoodstars und Elite-Dozenten  Seine Mutter kommt ins Zimmer und  serviert Grünen Tee. Zu Ninis Geschichten und zu seiner Art hätten Bier oder Champagner besser gepasst. Doch es sind genau diese Kontraste, die ihn ausmachen: Seine Eltern kommen aus Taiwan, er ist in Deutschland geboren und war auf einer französischen Schule. Nach einigen Stationen in Singapur, Tokio und Zürich hat er sich nun in New York niedergelassen.

Doch San Francisco und das Silicon Valley sind bereits als nächstes Ziel im Gespräch. Nini fischt wild in den verschiedenen Sprachen, wenn er von seiner großen Liebe spricht: der 3D-Animation.

Für seine Mutter ist er ein guter Sohn. "Er ist fleißig und macht keine Probleme.“ Das glaubt man ihr sofort. Sein Erfolg überrascht sie nicht: „Als seine Freunde im Kindergarten einfache Autos malten, zeichnete Nini bereits Reifen mit Relief, alles sehr genau. Puzzles konnte er mit drei Jahren schon machen, und zwar mit umgedrehten Teilen, ohne Bilder also.“ Bevor eine weitere Anekdote folgt, beendet Nini das Loblied seiner Mutter und sagt mit dramatischer Stimme: „Die Macht ist mit mir.“

Tatsächlich scheint eine unsichtbare Macht ihn zu begleiten: perfekter Lebenslauf, saftige Honorare, eine Menge Partys und Reisen. Doch sein größter Trumpf ist seine unbeschreiblich coole Art.  „Man muss außerhalb des Systems suchen, außerhalb der bekannten Wege. Wenn man gut ist und sich nicht verrückt macht, ist der Erfolg unvermeidbar“, erklärt Hao Li sich selbst. Bei solch typischen Nini-Sprüchen kann seine kleine Schwester nur den Kopf schütteln. Die junge und nicht minder erfolgreiche Kardiologin sagt: „Für meinen Bruder ist alles immer easy. Er hat so viel Spaß an seiner Arbeit, dass man nie das Gefühl hat, er sei ausgepowert oder unmotiviert. Darum beneide ich ihn sehr.“

Auch Ninis Mutter will Zeit mit ihm verbringen.

Auch sein Vorbild Paul Debevec, 2010 für die Avatar-Spezialeffekte mit einem Oscar geehrt, erkennt Ninis Begabung: „Ich denke, dass Hao Li in den kommenden Jahren mit seiner Technik der 3D-Welt zu einem neuen Durchbruch verhelfen wird.“

Ninis Mutter schaut wieder ins Zimmer  –  auch sie will etwas Zeit mit dem Wunderkind verbringen, bevor es zurück nach Amerika fliegt. Sie setzt sich neben ihn. Nini schaut seine Mutter an, lächelt und sagt: „Ni hen piàolang“ –  „Du bist schön“ auf Chinesisch.

Mehr dazu:

[Bild: Privat]