Hans Nieswandt - Disko im Nahen Osten

David Harnasch

Ramallah. Beirut. Bethlehem. Der Kölner DJ Hans Nieswandt, der am Samstag bei der Universale zu hören ist, hat als Botschafter des Goethe Instituts den Nahen Osten bereist und Orte besucht, die man eigentlich nicht mit Nachtleben und Clubkultur verbindet. Nieswandt hat ein Buch über die Reise geschrieben - und David Harnasch von seinen Erlebnissen berichtet.



In “Disko Ramallah” berichtest du unter anderem von Deinen Libanonaufenthalten. Wann warst Du zuletzt dort?

Hans Nieswandt: Ich habe in Beirut in einem Club namens Black/White Pussycat und in den MTV Studios aufgelegt. Das war 2004 und 2005, in meinem Buch habe ich mir die künstlerische Freiheit genommen, diese Erlebnisse zusammenzufassen.

Vom Black/White Pussycat habe ich nie was gehört. Ich war vor vier Jahren in Beirut. Das Nachtleben ändert sich so schnell, dass Berlin im Vergleich damit verschlafen wirkt.

Hans Nieswandt: Stimmt, den Club gab es bei meiner zweiten Reise schon nicht mehr. Das geht zack-zack! Wir waren im Club “Basement”, den ich auch in meinem Buch beschreibe. Einen Tag fuhren wir durch die Berge, dort sah es aus wie in der Toskana. Und ich war in einem anderen völlig abgefahrenen Laden: So einer Art Gruft...

Du meinst das “B 018”? Mit Särgen als Tischen und zur Dekoration darauf Schwarzweißfotos von Bürgerkriegsopfern? Wobei die Gäste Anfang 20 sind und das nicht wissen, die haben an den Krieg keine echte Erinnerung.

Hans Nieswandt: Genau! Erstaunlich, wie die damit umgehen! Das war in den fünfziger Jahren in Deutschland vermutlich ähnlich, man wollte vom Krieg auch nichts wissen und vor allem keine Verbindung zu sich selbst herstellen. Ich war hauptsächlich mit Christen unterwegs, die im Libanon nicht religiöser sind als hierzulande. Das Christentum ist eher ein Synonym für einen westlichen Lebensstil. Zur Basis des Christentums zählt dort ja auch der unbedingte Zwang zum Alkoholtrinken. Es ist bizarr, dass Tel Aviv und Beirut sich so ähnlich sind in Sachen Sexyness und Hedonismus und dennoch jede Kooperation völlig undenkbar ist.

Du hast Familie, bitte sage mir dennoch: Wer ist attraktiver - die libanesische Clubgängerin oder die israelische Soldatin in Uniform?

Hans Nieswandt: (lacht): Ich unterscheide da nicht groß. Wobei ich zugebe: Eine schöne Frau in Uniform hat schon was. Als normaler deutscher Kerl denkt man aber nicht darüber nach, ob sich irgendwas anbahnen könnte. Vielleicht macht diese Distanz den Reiz aus.

Bei aller Gastfreundschaft sind viele Araber glühende Antisemiten. Wurdest Du mal ernst - und nett - gemeint mit “Heil Hitler” begrüßt?

Hans Nieswandt: Im Libanon nie, solche deprimierenden Dinge hört man aber in Palästina schon mal von einem Taxifahrer. Die gebildeteren Leute kämen aber nie auf so eine Idee.

Apropos Taxifahrer: Die sind im Libanon begeisterte Fans der deutschen Fußballnationalmannschaft.

Hans Nieswandt: Stimmt, und Schumacher mögen auch alle. In Brasilien sieht man massenhaft kleine Jungs in deutschen Trikots! Ich war völlig erstaunt darüber, wie der deutsche Fußball für seine Effizienz bewundert wird ? während wir die Ästhetik der brasilianischen Spielweise toll finden und uns als Stock-im-Arsch-Nation empfinden.

Hast Du eigentlich mal in Tel Aviv aufgelegt?

Hans Nieswandt: Leider nein. Tel Aviv war aber angefragt, wie auch Damaskus und sogar Teheran. Das klappte aber aus organisatorischen Gründen nicht. Die Goetheinstitute sind nach Regionen organisiert, und Tel Aviv gilt als “Östlicher Mittelmeerraum” während die Länder darum als “arabisch” gelten. So ähnlich wie beim Grand Prix, wo Israel ja auch zu Europa gezählt wird.

Wohl auf beiderseitigen Wunsch, die Nachbarn wollen ja nichts mit Israel zu tun haben.

Hans Nieswandt: Die Nachbarn wollen Israel nicht nur nicht als Teil Europas sehen, die wollen Israel gar nicht sehen. Ich habe viele harte Worte gehört in Ägypten, im Libanon und in Palästina. Wobei man dort am moderatesten war.

Das wundert mich!

Hans Nieswandt: Dort hört man häufiger: “Wir müssen das hinkriegen, uns irgendwie einigen, wir hatten ja auch schon bessere Zeiten miteinander. Wir konnten relativ frei herumfahren und Geschäfte miteinander machen.” Mohannad, der im Buch vorkommt, ging ja regelmäßig in Tel Aviv Platten kaufen.

Ich habe oft den Eindruck, dass in der medialen Berichterstattung über den Nahostkonflikt die palästinensisch / arabische Sichtweise überrepräsentiert ist.

Hans Nieswandt: Es ist schwierig, sich dazu zu positionieren, wenn man nicht als Nahostexperte oder politischer Journalist unterwegs ist. Das erklärt auch den leicht naiven Ton, den ich im Buch anschlage. Ich reise ja “nur” als DJ und weiß, dass ich mich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen kann. Manche Teile der Medien finden dennoch, dass ich viel zu wenig auf das Elend der Palästinenser eingehe. Andere meinen, ich würde nur aus deren Sicht schreiben. Mein Eindruck ist, dass die lautesten Brüllaffen beider Seiten eine differenzierte Herangehensweise fast unmöglich machen. Diejenigen, die tatsächlich an gewaltfreien Lösungen interessiert sind, stellen eigentlich die Mehrheit. Nur interessiert sich für die niemand. Leider. Deswegen werden wir eine Lösung auch nicht mehr erleben. Als romantischer, idealistischer Künstler würde ich mir natürlich wünschen, dass die Leute ihre Probleme gemeinsam auf die Reihe bekommen und ihre Religionen tiefer hängen. Aber ich weiß natürlich, dass das völlig unrealistisch ist.

Würdest Du trotz der aktuellen Entführungsgefahr in den Libanon reisen oder einer Einladung in die Palästinensergebiete folgen?

Hans Nieswandt: Im Libanon habe ich private Freunde, da fühle ich mich sicher. Aber als ich während des Karikaturenstreits sah, wie das Goetheinstitut in Ramallah von wütenden Demonstranten angegriffen wurde, war ich froh, dort nicht zu diesem Zeitpunkt Minimal-Techno zu präsentieren. Sowas kann jederzeit passieren, mein Auftritt fiel auch wegen Volkstrauer aus. Ich würde für meine Sache nicht mein Leben riskieren, aber mein Mut reicht, um wieder hinzugehen. Es ist mir wichtig, den Austausch zu befördern.

Und wenn Du entführt würdest, sollte der Staat Millionen zahlen?

Hans Nieswandt: Wenn ich betroffen bin ? klar! Im Ernst: Wäre ich auf Einladung des staatlichen Goetheinstituts dort, hätte mein Gastgeber auch auf mich aufzupassen. Sollte ich privat für zehntausende Euro einen Gig im irakischen Karbala geben, wäre das mein privates Risiko.

Der Karikaturenstreit betrifft dich als Künstler direkter als abstrakte politische Fragen. Angegriffen wurde der “Westen”. Wofür steht der? Was hältst Du von Salman Rushdies Definition: “Wir müssen uns auf die Dinge einigen, auf die es uns ankommt, als da wären: das Küssen in der Öffentlichkeit, ein Sandwich mit knusprigem Speck, Meinungsverschiedenheiten, avantgardistische Mode, die Literatur, Großmut, Wasser, die gerechtere Verteilung der Güter dieser Erde, Filme, Musik, die Gedankenfreiheit, die Schönheit, die Liebe.”

Hans Nieswandt: Das würde ich sofort unterschreiben.

Was: Universale mit Hans Nieswandt (Lesung und DJ-Set)
Wann:
Samstag, 13. Mai, 21 Uhr
Wo:
Freiburg, Universität (KG II)

  • Hans Nieswandt ist einer der dienstältesten und renommiertesten DJs und Produzenten Deutschlands (House, Minimal Techno). Seinen größten kommerziellen Erfolg landete er mit Whirlpool Productions mit dem Track "From Disco to Disco". Im Auftrag des Goethe Instituts reiste der DJ aus Köln durch die halbe Welt, unter anderem nach Brasilien, Südafrika und in den Nahen Osten. Diese Reisen sind Gegenstand seines Buchs "Disko Ramallah. Und andere merkwürdige Orte zum Plattenauflegen", das vor einigen Wochen im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist (Preis: 8,95€).