Hannes Wader im Paulussaal: Ganz ohne Showelemente

Carolin Buchheim

Hannes Wader ist einer der großen deutschen Liedermacher. Unser Dylan, quasi. Wie's beim Konzert im Paulussaal war:



Einen halben Takt. So lange dauert es, bis das Publikum im quasi ausverkauften Paulussaal den Song erkennt, mit dem Hannes Wader sein Konzert beginnt. Es ist Waders größter Hit, deutsches Folk-Liedgut: "Heute hier, morgen dort", sing der 71-jährige. "Bin kaum da, muss ich fort, hab’ mich niemals deswegen beklagt. Hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt, nie nach gestern und morgen gefragt." Während des Songs schleichen vier Gesellen in Kluft auf den Balkon, wie passend.


Das hier ist ein ein Abend für Fans. Die gehören in weiten Teilen Waders Altersklasse an. In der Pause treffe ich die Mutter eines Freunds, eine alte Gewerkschafterin, die davon erzählt, wie sie durch Wader politisiert wurden. Ein paar Sitze entfernt fallen mir zwei Mädels Anfang 20 auf, die ich vielleicht eher bei Konzerten von Gisbert zu Knypahausen erwarten würde (sie mich bestimmt auch), und unten im Saal sehe ich Freiburgs prominenteste Straßenmusiker in den Reihen sitzen.



Ich bin kein Fan, kein dezidierter zumindest, aber ich mag Wader sehr. Ich bin hier, weil ich Wader mag, seit ich mit zehn Jahren in meiner damals liebsten Bücherreihe "Reiterhof Dreililien" von seiner Musik gelesen habe. Wenn ich mich richtig erinnere, dann hörte der supersensible Öko-Reiterhof-Junge Jörn im Buch Waders Lieder. Später sang ich als Teenie im katholischen Ferienlager "Heute hier, morgen dort" und "Es ist an der Zeit",  noch später hörte ich die Lieder, die Wader mit Konstantin Wecker zusammen machte. Heute bin ich da erste Mal in einem seiner Konzerte.

Und es ist genau so wie erhofft, nein, noch besser. Es ist ein Konzert ohne Showelemente. Nur Wader, schwarz gekleidet, auf der fast leeren Bühne, mit zwei Gitarren zur Wahl. Der Sänger ist charmant, parliert zwischen seinen Liedern, und singt, wie er eben singt, mit dieser ihm ganz eigenen Art zur reimen, die Melodie zu halten.

Er ist kritisch, politisch, singt über seine Gedanken zu Deutschland, das Leben, die Frauen, die Liebe. Dazwischen stimmt Wader seine Gitarre, scherzt über sein Alter und Patientenverfügungen. Mehr als zwei Stunden spielt er, viel Neues, mal Chansonnier, mal Geschichtenerzähler. Am Ende ist er Rock'n'Roller, emtlockt seiner Akustikgitarre viel Twang. Nach mehr als zwei Stunden ist das Konzert vorbei, und ich gerührt und froh und dankbar, so viel Gefühl, Ernsthaftigkeit, Aufrichtigkeit. Und Jörn vom Reiterhof hätte es bestimmt auch gefallen.