Handybild-Pranger für üble Anmacher

Carolin Buchheim

Es war letzten Sommer, an einem Sonntagmorgen in einer Bahn der Linie 5. Ich war auf dem Weg zum Fitnessstudio, und zwei noch vom Vorabend besoffenen Jungs missverstanden meine Sportkleidung als Einladung, mich im Vorbeigehen anzutatschen und mir Obszönitäten zu zu raunen. Damals habe ich Ihnen laut "Fasst mich nicht an!" entgegen gebrüllt. Heute würde ich vielleicht außerdem ein Handyphoto von ihnen machen: Auf der Website Hollaback NY können Frauen nervige Anmacher von den Straßen und aus den U-Bahnen dieser Welt bloßstellen.



Es fing damit an, dass die New Yorker Studentin Thao Ngyuen im August letzten Jahres in einer New Yorker U-Bahn mitbekommen musste, wie ein ihr gegenüber sitzender Mann masturbierte. Thao machte mit ihrem Handy ein Photo von ihm, ein Photo auf dem er sie angrinste, und nachdem sie es bei der Polizei vorgezeigt und den Mann angezeigt hatte, da lud sie es, mit einem kurzen Abriss des Erlebnisses, zu flickrhoch, und machte ein Posting bei Craigslist.


Ein Beben ging damals durch die flickr community: Ist es okay, jemanden an den virtuellen Pranger zu stellen, weil er einen in der Öffentlichkeit sexuell belästigt hat? Ist das nicht multimediale Hexenjagd? Hat nicht auch ein Mann, der sich 'daneben benimmt' ein Recht auf Privatsphäre? Und überhaupt: Anmache im öffentlichen Raum, das ist doch keine echte Sexuelle Belästigung, oder?

Als ich damals das Bild des New Yorker U-Bahn-Masturbators auf flickr sah, kurz nach meinem eigenen unerfreulichen Erlebnis in der Linie 5, da habe ich mich, trotz aller rechtlicher Bedenken, gefreut, dass dieser Mann nicht einfach so davon gekommen war, so wie 'meine' beiden Idioten davongekommen waren.

Damals musste ich mir nicht nur gefallen lassen, dass meine Mitfahrer mich missbilligend ansahen, nein, beim Aussteigen am Dorfbrunnen musste ich in letzter Sekunde entdecken, dass die beiden Typen ebenfalls ausgestiegen waren. Die Straßenbahnfahrerin ließ mich trotz Klopfens gegen die Tür nicht wieder in die Straßenbahn einsteigen. Die beiden Typen liefen damals ungefähr einen Kilometer hinter mir her, bis ihnen langweilig wurde, und danach war ich furchtbar wütend: Warum wollten mir die Mitfahrer in der Straßenbahn und die Straßenbahnfahrerin suggerieren, dass ich mit dem Verhalten dieser Idioten leben muß?

Es macht keinen Spaß, in der Straßenbahn angetatscht zu werden, und es macht keinen Spass, jemandem gezwungenerweise beim Masturbieren in der U-Bahn zuzuschauen, aber es macht sicher noch viel weniger Spaß, ein Photo von sich selbst, in der U-Bahn masturbierend, mit hunderten abfälligen Kommentaren versehen, im Internet zu sehen.

Innerhalb von zwei Tagen, gelobt sei das Sommerloch, fand die Thao Nguyens Story damals den Weg von flickr auf die erste Seite der New Yorker Daily Post, der Mann wurde als der Restaurantbesitzer Dan Hoyt identifiziert, und kurz darauf stellte er sich der Polizei und wurde festgenommen. - Thaos Handyphoto und dem Internet sei Dank. Thao hat das Photo danach von flickr entfernt.

Heute gibt es eine Website, die sich der Bloßstellung von masturbierenden U-Bahn Passagieren, pfeifenden Bauarbeiternund lüsternd schnalzenden Rentnern widmet: Hollaback NY - Brüll zurück, New York.

Betrieben von vier Frauen und drei Männern soll Hollaback NY ein Forum bieten, in dem Frauen (und Männer) die Belästigungen, die ihnen tagtäglich auf der Straße passieren, veröffentlichen können. Aber Hollaback NY soll nicht nur als Pranger dienen, und Raum für die Rachegelüste von Opfern liefern: Die Macher wollen die Community sensibilisieren, was denn genau 'Street Harrassment' ist. Männer sollen ihr Verhalten Frauen gegenüber überdenken, und anders handeln, und zwar nicht nur aus der Angst heraus, dass ihre Mutter, Freundin oder Frau ein Foto von ihnen auf der Website sehen könnte.

Klickt man sich durch den Pranger von HollabackNY, durch die Handyphotos und die Geschichten, die zur Illustration Symbolbilder haben, weil die Betroffenen ihr Handy nicht dabei hatte, dann fällt einem auf, dass Street Harrassment nicht nur von Teenagern und Bauarbeitern betrieben wird: alle sozialen Schichten, alle ethnische Gruppen sind vertreten, und die Anmachen reichen von Hinterpfeifen und Hey Baby, nice tits!bis zum Masturbieren auf der Feuertreppe vor dem Fenster oder dem in der U-Bahn zur schau gestellten Genital.

Übrigens: Eine Fraufindet sich auch in der Kollektion: Sie hatte in einer Schwulenbar Männer angepöbelt.

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